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Schleswig-Holstein Die große Flucht aus Ortelsburg
Nachrichten Schleswig-Holstein Die große Flucht aus Ortelsburg
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09:00 01.12.2014
Hans-Jürgen und seine Schwester auf einem Gedenkstein aus dem Ersten Weltkrieg.
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Ortelsburg

„Geboren bin ich 1939 in Ostpreußen. Früher gehörte dieser Teil noch zu Deutschland und hieß Masuren. Heute ist es ein südlicher Teil Polens“, erklärt uns der freundliche Mann am anderen Ende der Leitung. Er redet von Ortelsburg in Ostpreußen. Hans-Jürgen erinnert sich an die Bedrohung durch die russische Armee. Geschütze wurden aufgestellt. „Ich bin immer mit den Großen mitgelaufen. Mein Bruder und ich durften uns die Geschütze von den Soldaten anschauen. Wir fanden das toll. Letztendlich hatten wir ja noch gar keine Vorstellung von Krieg, was das überhaupt heißt“, berichtet er.

 Immer mehr Häuser wurden verlassen. Hans-Jürgen blieb mit seinen Geschwistern und seiner Mutter aber noch recht lange in Ortelsburg. Sie wollte ihr Hab und Gut nicht so einfach aufgeben. Der Vater war selber Soldat. 1944 kam er zwar aufgrund einer Verletzung kurz zurück, doch wurde er nach einigen Monaten erneut an die Front gerufen. Immer häufiger spürte man die Angriffe der russischen Soldaten. Verkrochen in Kellern oder Bunkern warteten die Familien auf das Ende der Attacken. Hans-Jürgens Mutter beschloss, das Nötigste zu packen und mit ihren drei Kindern die Flucht anzutreten.

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 Mit dem Auto, einem Koffer und einem Rucksack für jedes Kind ging es los. Jedoch wurde ihnen der Wagen nach ein paar Kilometern von Soldaten weggenommen. Schließlich ging es mit Trecks und Planwagen weiter. Man übernachtete bei Bauern gegen etwas Arbeit. Dabei hörte man ständige Kampfgeräusche. Munitionswagen nahmen sie weiter mit. Immer nach Westen. Weg vom Krieg.

 Die Landstraßen waren völlig verstopft. Überall herrschte Hektik, jeder achtete nur noch auf sich. Über Swinemünde gelangten sie nach Mecklenburg in einen Zug für Flüchtlinge. In Warnow musste die Familie allerdings aussteigen, weil Hans-Jürgens Bruder erkrankt war. Später erfuhren sie, dass der Zug in Hamburg von Luftangriffen getroffen worden war.

 Schließlich kam die russische Armee nach Warnow. Hans-Jürgen zufolge wurden die Russen mit Schrecken erwartet: „Wir saßen dort und zitterten. Dann sahen wir eine Staubwolke direkt auf uns zukommen.“ Die Russen plünderten die Häuser. Den Kindern taten sie nichts, aber sie erschossen Bauern.

 Der Krieg war nun offiziell vorbei, aber die Nachkriegszeit war hart für die Bewohner Warnows. Auch die Einheimischen waren nicht immer freundlich zu den Flüchtlingen. Und das Schlimmste war der Hunger. Er veranlasste die Kinder, in die Ställe der Bauern zu schleichen und Essensreste aus den Futtertrögen der Tiere zu stehlen. Menschen schnitten das Brot an, damit es antrocknete und hart wurde. So aß man länger an einem Stück und hatte das Gefühl, schon mehr gegessen zu haben. „Angenehm in diesen Zeiten war nur das Spielen mit Freunden. Wir ritten auf der Wiese des Bauern auf seinen Pferden. Ohne Sattel und Zaumzeug“, erzählte uns Hans-Jürgen.

 Um die Familie wieder zu vereinigen, wollte seine Mutter mit ihren drei Kindern nach Schleswig-Holstein, da der Vater dort nach dem Krieg gelandet war. Hans-Jürgens Erinnerungen an ihn waren verblasst. Eines Tages stand ein fremder Mann vor der Haustür. Nach einiger Zeit kam die Mutter zu den Kindern und erzählte ihnen, dass das ihr Vater sei.

 Gemeinsam gelangten sie bei Lübeck in ein Flüchtlingslager. „Zum ersten Mal aß ich dort helles Brot und Marmelade. Wir gingen dort zur Schule und es war alles so ungebunden. Nicht so wie heute, dass man an Termine gebunden ist“, erinnert sich Hans-Jürgen. Genau wie heute, wurden auch damals die Flüchtlinge im Land aufgeteilt. So gelangten sie in die Nähe von Schleswig.

 Endlich musste man keinen Hunger mehr haben. Die Erlösung für Hans-Jürgen: „Es gab nichts Schlimmeres, als Hunger zu leiden. Auch heute denkt man noch öfter daran, wie es früher einmal war, aber man verdrängt die schlimmen Ereignisse und erinnert sich an die ,guten’.“

 Von Emma Mau und Johanna Schröder, Klasse 9e, Gymnasium Altenholz