Menü
Kieler Nachrichten | Ihre Zeitung aus Kiel
Anmelden
Schleswig-Holstein Die Straße ist ihr Geschäft
Nachrichten Schleswig-Holstein Die Straße ist ihr Geschäft
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
13:08 26.11.2014
Seit fast 20 Jahren aus dem Kieler Straßenbild nicht mehr wegzudenken: „Hempels“-Ausgaben, die von Obdachlosen verkauft werden. Quelle: Sven Hornung
Anzeige
Kiel

Schon 1995 gab es in Kiel eine Tageswohnung für Obdachlose, in der das Straßenmagazin „Hempels“ entwickelt wurde. Zunächst füllten die Bewohner mit ihren Lebensgeschichten das Magazin, später wurde ein Redakteur eingestellt. Die Artikelideen kommen noch immer von obdachlosen Verkäufern. Wir haben die Redaktion in der Kieler Schaßstraße besucht.

 In den 80er-Jahren wurden Straßenzeitungen in den USA erfunden. Einst hilfsbedürftige Menschen kamen beim Verkauf in die Öffentlichkeit. Durch den Lohn, den sie sich eigenständig erwarben, bemerkten sie eine Arbeitsleistung. Die Beziehung zu den Käufern zeigte ihnen Anerkennung.

Anzeige

 Wie werden die Menschen obdachlos und zu „Hempels“-Verkäufern? Ob Wohnhausbrand, Schulden, Heimentlassung, psychische Krankheit oder Ende einer Haft: Es gibt viele Gründe, die Menschen aus der Bahn werfen und auf der Straße landen lassen. Arbeitslosigkeit ist das Problem aller Betroffenen. Deswegen bekommen sie Arbeitslosengeld, manche leben von Rente und Grundsicherung, andere erhalten gar nichts.

 Viele kommen auch aus Südost- und Osteuropa und hofften, schnell und erfolgreich an eine Arbeitsstelle zu gelangen. Dies gelingt jedoch nicht allen – die letzte Möglichkeit ist dann „Hempels“. Sobald man sich für den Verkauf entschieden hat, nimmt man auch Hilfe zur Selbsthilfe an. Anfangs bekommen die Obdachlosen zehn Freizeitungen, die sie für jeweils 1,80 Euro verkaufen. Die Hälfte des Verkaufspreises plus mögliches Trinkgeld dürfen sie als Belohnung behalten. Um weiteres Geld zu verdienen, erwerben sie mit ihrem eigenen Ersparten neue Ausgaben. Zahlreiche Bürger schätzen die Arbeit sehr und sind überrascht von der Ausstrahlung der Verkäufer.

 Die verdanken sie auch etlichen Menschen, die täglich Essen und Kleidung spenden. Und wie versorgen sie sich? Dank der Ein-Euro-Jobber in Küche und Café des Kontaktladens „Tako“ der Stadtmission, direkt unter der Hempels-Redaktion, wird Frühstück serviert und jeden Tag 100 warme Mahlzeiten gekocht. Selbst für Körperhygiene ist dort gesorgt. Einmal pro Woche stattet ein Zahnarzt den Obdachlosen einen ehrenamtlichen Besuch ab, um ihre Gesundheit aufzufrischen.

 Nicht nur das zeigt: Die engagierten Obdachlosen verdienen trotz oder gerade wegen ihrer Lebensgeschichte Respekt.

 Von Pia Süberkrup und Susanna Zmich, Klasse 9e, Gymnasium Altenholz