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Schleswig-Holstein Wenn das Leben wegen Corona am seidenen Faden hängt
Nachrichten Schleswig-Holstein Wenn das Leben wegen Corona am seidenen Faden hängt
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18:23 24.04.2020
Von Kristiane Backheuer
Nadine D., deren Kinder nicht auf dem Foto erkannt werden sollen, ist alleinerziehende Mutter und macht sich jetzt während der Corona-Krise große Sorgen. Ihre zwölfjährige Tochter ist mit einer Lungenerkrankung auf die Welt gekommen. Quelle: Ulf Dahl
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Preetz

Keine Kinderbetreuung mehr, kein Schulmittagessen. Der Unterricht findet online zu Hause statt. Wer schon vor der Pandemie finanziell kaum über die Runden kam, für den bedeutet der Alltag nun eine echte Katastrophe. "Es besteht die Gefahr, dass viele Menschen gerade jetzt durchs Raster fallen", sagt Friedrich Keller, Sprecher der Diakonie Schleswig-Holstein. "Trotz staatlicher Hilfen reicht das Geld in dieser besonderen Situation bei vielen nicht mehr aus."

Deshalb rufen die Kieler Nachrichten zusammen mit der Diakonie zu einer Spendenaktion auf. "Wir können nicht die Lebenssituation der Betroffenen verändern", erklärt Keller. "Aber wir können helfen, die derzeitige Härte etwas abzumildern."

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Wie schwer das Leben gerade ist, davon erzählt Nadine D. (38). Die Alleinerziehende lebt mit ihren beiden Töchtern Kiara (12) und Fee (4) in einer Dachgeschosswohnung in einem Dorf im Kreis Plön. Keine tolle Wohnung. Im Winter zu kalt, im Sommer zu warm. Dazu kommen Ratten, die sich auf dem Dach eingenistet haben. Klingt nach Klischee? Vielleicht. Aber so ist es gerade. "Eine neue Wohnung scheitert leider immer daran, dass ich ohne Mann bin", sagt sie.

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Für den Laptop und WLAN fehlt der Alleinerziehenden das Geld

Und natürlich am Geld. Das fehlt sowieso an allen Ecken und Enden. Der Online-Unterricht zu Hause kann nicht stattfinden. Für einen WLAN-Anschluss und für einen Laptop reicht es nicht. Auch beim Mittag muss die Mutter kräftig tricksen. So günstig, wie die Schul- und Kita-Mahlzeiten waren, kann sie nicht selber kochen.

Soll die Frau doch arbeiten gehen, kann man jetzt denken. Aber es ist immer gut, wenn man ein wenig genauer hinschaut. Seit gut sieben Jahren lebt die dreiköpfige Familie von Hartz IV. "Das war ein schwerer Schritt", sagt die Mutter. "Ich musste das erste Mal Schwäche zeigen. Mir eingestehen, dass ich es alleine nicht mehr schaffe." Dann erzählt sie, wie sie in diese Situation kam, in der sie nie sein wollte.

Für das Gespräch mit den Kieler Nachrichten hat sich Nadine D. einen See in der Nähe ausgesucht. Sie und ihre beiden Töchter tragen Behelfsmasken. Nicht nur seit Corona beherrscht Angst das Leben der Familie. Denn Tochter Kiara leidet unter einer angeborenen Lungenerkrankung.

Tochter wurde mit geschädigter Lunge geboren

Nadine D. war einst bei der Bundeswehr beschäftigt. War Sanitäterin und gelernte Sterilisationsassistentin. Doch das Berufsleben dauerte nur ein paar Jahre. Dann kam Kiara auf die Welt und alles änderte sich schlagartig. "Kiara wurde zweieinhalb Monate zu früh und mit geschädigter Lunge geboren", sagt Nadine D. "Die Ärzte sagten mir damals, dass meine Tochter es nicht schaffen wird." Doch Mutter und Tochter kämpften.

Jahrelang gehörten ein Beatmungsgerät, eine 24-Stunden-Überwachung und die Ernährung über eine Sonde zum Alltag. "Fünf bis sechs Mal wäre sie fast gestorben", erzählt Nadine D. und berichtet von Noteinsätzen, Klinikaufenthalten, von Arztbesuchen und unzähligen Zusatzterminen von der Ergotherapie bis hin zur Logopädie. Das geht bis heute so. An Arbeit war und ist da nicht zu denken.

Auch die Liebe zu Kiaras Vater blieb auf der Strecke. "Ohne meine Mutter, die in der Nähe wohnt, hätte ich das nicht geschafft", sagt Nadine D. und nimmt auf einer Bank am Seeufer Platz. Etwas zögernd verlassen die beiden Mädchen die schützende Nähe ihrer Mutter und machen sich auf zum flachen Wasser.

Woran es ganz konkret fehlt und wie Sie spenden können

Um in Not geratene Familien mit Kindern in der Corona-Krise zu unterstützen, hat unsere Zeitung zusammen mit der Diakonie Schleswig-Holstein eine Spendenaktion gestartet. Unter dem Dach des Projekts #SHbleibtstark wollen wir Geld sammeln, um ganz konkrete Sorgen zu lindern. Nach Angaben von Diakonie-Chef und Landespastor Heiko Naß melden sich bei den Sozialberatungsstellen jetzt vermehrt Familien, die ihre Nöte schildern. Bei manchen fehlt das Geld für ein ordentliches Mittagessen, weil Schulen, Horte und Kitas geschlossen haben. „Hier würden wir mit Gutscheinen fürs Einkaufen helfen“, erklärt Naß.

Manchmal fehle es auch an Babykleidung, Windeln oder anderen Hygieneartikel, auch hier will die Diakonie Gutscheine ausgeben. Andere Familien berichten, dass es Ihnen an Geld für die Teilnahme am digitalen Unterricht mangele, hier geht es oft um Prepaid-Karten fürs Handy. Kranke Menschen, die nicht Bus fahren können, bräuchten Geld fürs Taxi, nennt Naß ein weiteres Beispiel Die Diakonie hat unter der Nummer 0800-7662476 eine kostenfreie Spenden-Hotline geschaltet, an die sich sowohl Hilfesuchende als auch Spender wenden können (Mo-Do von 9-12 Uhr und 13-16 Uhr, freitags von 9-13 Uhr).

Wer in Not geratene Familien mit Kindern unterstützen möchte, kann auf das folgende Spendenkonto spenden: Diakonisches Werk Schleswig-Holstein bei der Evangelischen Bank eG unter der IBAN: DE 48 5206 0410 0406 4038 24, Stichwort: Corona-Familienhilfe. Wer eine Spendenbescheinigung möchte, sollte bitte Namen und Adresse angeben.

Nadine D. hat große Angst um ihre Tochter

"Fee ist eher die Draufgängerin", sagt Nadine D. und schaut ihren Töchtern liebevoll hinterher. "Sie tut ihrer großen Schwester richtig gut." Beide Mädchen wirken ernst. Von der Leichtigkeit einer unbeschwerten Kindheit ist nichts zu spüren. Wie auch? Wenn das Leben der Großen immer am seidenen Faden hängt. Zwölf Jahre hat sie schon geschafft. Es sollen noch viele, viele Jahre mehr werden.

Doch nun kommt Corona ins Land, und für Nadine D. eine viel größere Angst als je zuvor. "Viele Bekannte lästern schon, ich soll doch in Desinfektionsmittel baden. Aber die Gefahr, dass Kiara das Virus nicht überlebt, ist riesig." So versucht sie, ihre Tochter so gut es geht zu schützen. Sollten Kitas und Schulen wieder öffnen, wird sie ihre beiden Kinder zu Hause lassen. "Was ist, wenn sich Kiara ansteckt, oder Fee das Virus mit aus dem Kindergarten bringt?" Die Angst raubt der Mutter manchmal den Atem.

In ihrer Verzweiflung hat sie sich jetzt zum ersten Mal Hilfe bei der Diakonie geholt. Am Beratungstelefon in Preetz. "Es tut unglaublich gut, dass mir mal jemand zuhört", sagt sie. "Dass ich reden kann und jemand meine Sorgen versteht." Nach den Gesprächen fühlt sie sich wieder stark und voller Hoffnung. Irgendwann muss es ja wieder gut werden, denkt sie dann. Irgendwann muss ja der Alltag wieder zurückkommen. Und irgendwann reicht dann auch vielleicht wieder das Geld.

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