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Wirtschaft Netzausbau in 40 Meter Höhe
Nachrichten Wirtschaft Netzausbau in 40 Meter Höhe
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06:00 18.05.2019
Von Anne Holbach
Foto: 40 Meter über dem Boden verlegen Freileitungsmonteure die Hochspannungskabel. Der zweite Abschnitt der Stromtrasse wächst im Norden.
40 Meter über dem Boden verlegen Freileitungsmonteure die Hochspannungskabel. Der zweite Abschnitt der Stromtrasse wächst im Norden. Quelle: Ulf Dahl
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Rendsburg

Acht Männer klettern auf Mast 13 herum. An den Traversen, den seitlichen Auslegern des rostbraunen Strommastes, hängen rechts und links kleine Leitern in schwindelerregender Höhe. Zwei Freileitungsmonteure stehen auf einer Arbeitsbühne und ziehen das Leiterseil zurecht, um eine Schlaufe zu schließen.

„Arrête, arrête – hör auf“, ruft ein Kollege von unten auf Französisch. Die Baustelle liegt nicht etwa in der Provence, sondern in Lehmbek nahe Rendsburg. Linker Hand steht ein Bauernhof, rechts blicken die Monteure auf den Nord-Ostsee-Kanal. Das deutsch-französische Team von Omexom arbeitet am Netzausbau in Schleswig-Holstein – genau genommen an der Mittelachse.

Netzverstärkung auf 380 Kilovolt

Weil die bestehende 220-Kilovolt-Leitung im Land an ihre Grenzen kommt, soll sie durch eine neue Trasse mit einer Höchstspannung von 380 kV abgelöst werden. An der Westküste und der Ostküste entstehen ebenfalls neue Trassen. Die Stromautobahnen von Tennet sollen die Energie, die Windräder hier im Norden produzieren, zu den Verbrauchern bis nach Süddeutschland transportieren.

Wie Stromleitungen neu sortiert werden

An dieser Stelle am Nord-Ostsee-Kanal ist ein Knotenpunkt. Hier stehen in engem Abstand unterschiedliche Leitungssysteme von Tennet, der Deutschen Bahn und der Schleswig-Holstein Netz AG nebeneinander. „Das sind sehr komplizierte Kreuzungsverhältnisse. Wir müssen alles neu sortieren“, sagt der technische Leiter, Mario Schlimm.

Deswegen könne nicht einfach die alte Leitung abgebaut und direkt auf neue Masten verschoben werden. Zuerst muss eine 110-Kv-Leitung auf ein Provisorium verlegt werden, dann kommt der Bahnstrom auf die freigewordenen Masten, bevor an der Stelle neue für die Mittelachse errichtet werden.

Eine Operation am offenen Herzen

„Wir operieren hier am offenen Herzen“, sagt Tennet-Gesamtprojektleiter Dirk Jonassen. „Es wäre natürlich einfacher, wenn wir alles mal kurz abstellen könnten, aber das geht nicht. Die Versorgung muss ja weiter sichergestellt sein.“ Bis zu zwei Jahre lang könnte das Provisorium stehen bleiben.

Bei Wind und Wetter geht es auf den Mast

Vor zwei Wochen wurden mit einem Hubschrauber die Seile herübergezogen. Jetzt bauen die Monteure auf dem Abspannmast hellgraue Isolatorketten ein. Sie verhindern, dass der Strom aus der Leitung in die Masten gelangt. Die Sonne strahlt an diesem Vormittag.

Aber auch bei Regen, Wind oder Minusgraden sind die Monteure oben. Jeder der Steiger hat Haltegurte, mit denen er sich am Mast festmachen kann und ist zusätzlich durch eine Fangleine abgesichert. „Dann hat er beide Hände frei zur Verfügung, so dass er arbeiten kann“, sagt Kolonnenchef Jens Beck. „Gott sei Dank bin ich noch nie heruntergefallen.“

"Bei der Arbeit muss man immer wach sein"

Höhenangst dürfe ein Freileitungsmonteur nicht haben. Für den Job sei eine arbeitsmedizinische Untersuchung nötig, bei der beispielsweise Herzprobleme oder der Gleichgewichtssinn abgecheckt werden. „Das ist eine Arbeit, bei der man immer wach sein muss, damit keine Fehler passieren.“

Ein paar Meter entfernt lehnt ein Kollege mit weißem Helm und roter Weste am Mast, mit seinen Händen bremst er ein dickes Seil. Über den Kettenzug schicken die Monteure Material in einer Art Eimer hoch und runter.

Feinarbeit auf 40 Metern Höhe

Jetzt geht es auch für Jens Beck auf den 40 Meter hohen Mast. Beim Klettern ist er durch eine gelbe Steigleine gesichert. Beck kontrolliert, ob seine Kollegen das Leiterseil richtig abgespannt haben. Mit einem Winkelmessinstrument, dem Theodoliten, prüft er den Durchhang. Das ist Zentimeterarbeit.

„Die Kollegen ziehen das Seil mit einem Kettenzug auf die gewünschte Höhe, dann wird die Kette mit Isolatoren abgespannt“, erklärt der 33-Jährige. Wieder unten muss er etwas mit der Dolmetscherin besprechen, die die Kommunikation mit den französischen Kollegen vereinfacht. Ein Leiterseil war zu kurz abgeschnitten. Nun muss vom nächsten Mast wieder etwas herausgelassen werden.

Viermal den Eiffelturm verbaut

„Wenn wir hier fertig sind haben wir an Stahl viermal den Eiffelturm verbaut. Das sind etwa 40000 Tonnen Stahl“, erzählt Jonassen.

70 Kilometer ist der Abschnitt lang, an dem seit einem Jahr zwischen den Umspannwerken in Audorf und Flensburg gearbeitet wird. Mitte 2020 soll dieses Stück der Mittelachse in Betrieb genommen werden. Bis dahin müssen Beck und seine Kollegen noch einige Masten hochklettern.

Zwischen Audorf und Flensburg entsteht der zweite Teil der Mittelachse. Bis 2020 soll dieser Abschnitt der Stromtrasse fertig sein. Der Netzausbau läuft in luftiger Höhe.
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