Bauern-Proteste: Tausende Trecker rollen auf Berlin zu
Menü
Kieler Nachrichten | Ihre Zeitung aus Kiel
Anmelden
Wirtschaft Bauern-Proteste: Tausende Trecker rollen auf Berlin zu
Nachrichten Wirtschaft Bauern-Proteste: Tausende Trecker rollen auf Berlin zu
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
17:55 24.11.2019
Von Ulrich Metschies
Vor einer Woche hatten Landwirte mit einer Sternfahrt nach Hamburg auf ihre Nöte aufmerksam gemacht. Montag gehts nun Richtung Hauptstadt. Quelle: Christian Charisius
Anzeige
Kiel/Berlin

Die Demo ist zwar erst am Dienstag, doch aufgrund der langen Anfahrtsstrecke und einer Richtgeschwindigkeit von 35 km/h starten die Konvois bereits am Vortag. Die Organisatoren erwarten, dass sich vom Norden aus rund 600 Fahrzeuge Richtung Bundeshauptstadt bewegen werden.

Julia Klöckner sieht keinen Spielraum

Beim Gros der Landwirte ist Bundesagrarministerin Julia Klöckner (CDU) längst unten durch. Gestern lieferte die Unionsfrau den Bauern noch einmal eine Steilvorlage für Unmutsbekundungen. Im Interview mit dem Redaktionsnetzwerk Deutschland ließ Klöckner durchblicken, dass sie keine Möglichkeit sieht, auf europäischer Ebene für eine Lockerung der Düngeverordnung im Interesse deutscher Landwirte hinzuwirken.

Anzeige

Deutschland wurde verklagt und hat verloren. Spielraum gibt es keinen bei der EU-Kommission“, so die Ministerin. Und: Deutschland mache sich angreifbar, wenn es die Umsetzung der EU-Nitratrichtlinie weiter hinausschiebe: „Bauern anderer Länder, die schon längst nach strengeren Düngeauflagen arbeiten, werfen uns Wettbewerbsverzerrung vor“, beklagte Klöckner. Generell müsste die Landwirtschaft gesellschaftlichen Erwartungen etwa im Umgang mit Tieren und dem Klima Rechnungen tragen. „Deutschlands Landwirte können all dies nicht aussitzen, sie müssen vor die Welle kommen“, forderte Klöckner.

Bauern wollen Dialog mit Politik und Verbauchern

Vor die Welle kommen? Mit derartigen Formulierungen kann Dirk Andresen gar nichts anfangen. Der Schweinewirt und Ackerbauer aus Schaalby (Kreis Schleswig-Flensburg) ist Mitorganisator der Protestbewegung „Land schafft Verbindung“. Was Andresen vor allem in Rage bringt, ist, wenn Landwirte pauschal in die Schublade „Umweltverschmutzer“ gesteckt werden: „Wir wollen den Dialog mit Politik und Verbrauchern darüber, was Landwirtschaft heute bedeutet und wie Umweltbelastung insgesamt reduziert werden kann.“

Lesen Sie auch: Hans-Jürgen Jensen zum Bauern-Protest

Doch dazu benötige man zunächst eine belastbare Datengrundlage. Und eben die, so Andresen, sei in der Diskussion um Düngen und Nitratbelastung im Grundwasser nicht gegeben: „Warum wurden von bundesweit 11.000 Messstellen nur 7000 berücksichtigt, davon die meisten mit besonders hoher Belastung und viele in städtischem Umfeld?“ Es sei vor allem diese Auswahl, die dazu geführt habe, dass Deutschland sich nun bei der EU für Grenzwertüberschreitungen bei der Nitratbelastung verantworten müsse. „Niemand weiß, wie viel Nitrat aus der Landwirtschaft kommt und wie viel aus Klärwerken, und trotzdem überzieht man die Bauern mit Auflagen, die in vielen Fällen existenzbedrohend sind.“

Bauernverband hat wenig Verständnis

Das von Klöckner und Umweltministerin Svenja Schulze (SPD) präsentierte Agrarpaket gefährde nicht nur die landwirtschaftlichen Betriebe Schleswig-Holsteins, sondern sei auch eine Gefahr für die regionale Lebensmittelproduktion und für den Erhalt der ländlichen Räume. Andresen: „So kann man nicht mit uns umgehen.“

Lesen Sie auch: Landwirte sind wüten und enttäuscht

Auch der Bauernverband Schleswig-Holstein hat für die Ausführungen der Bundesministerin wenig Verständnis. „Im Kern mag es stimmen, dass auf EU-Ebene jetzt nicht viel nachzujustieren ist“, räumt Generalsekretär Stephan Gersteuer ein. Was ihn aber in Rage bringt, ist, dass die Bundesregierung die Landwirte vor vollendete Tatsachen gestellt habe: „Hier wurde zwischen zwei Ministerien etwas verhandelt und ein Kabinettsbeschluss verfasst, der massiv in die Existenz der Landwirte eingreift – und das über die Köpfe der Bauern hinweg.“

Zahl der Haupterwerbsbetriebe halbiert

Mit ihrem Protest richten sich die Landwirte vor allem gegen strengere Dünge-Auflagen und schärfere Vorgaben für den Insektenschutz. Wirtschaftlich steht ohnehin vielen Betrieben das Wasser bis zum Hals. Vorläufige Ergebnisse für das Wirtschaftsjahr 2018/2019 weisen nach Angaben der Landwirtschaftskammer hohe Eigenkapitalverluste aus, alle Betriebstypen seien betroffen.

Lesen Sie auch: Umbruch auf dem Acker - Wie Landwirte neue Wege gehen

Im Fünfjahresschnitt (2013 bis 2018) haben sich die Gewinne um ein Drittel vermindert. Die Effekte durch Dürre und Produktpreisentwicklungen seien „deutlich spürbar“, und die Liquiditätslage habe sich verschlechtert. Der Strukturwandel hat in der Branche in den vergangenen Jahren tiefe Spuren hinterlassen: Die Zahl der Haupterwerbsbetriebe ist seit 1999 von rund 24000 auf die Hälfte geschrumpft.

Immer informiert: Alle Nachrichten aus der Wirtschaft lesen Sie hier.