Deutsche Flotte schrumpft weiter - Probleme und Chancen durch Corona-Krise
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Deutsche Flotte schrumpft weiter - Probleme und Chancen durch Corona-Krise

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14:31 23.02.2021
Von Frank Behling
Der Hamburger Schwergutfrachter "Annegret" im Nord-Ostsee-Kanal.
Der Hamburger Schwergutfrachter "Annegret" im Nord-Ostsee-Kanal. Quelle: Frank Behling
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Hamburg

Fast ein Jahr nach Ausbruch der Corona-Pandemie schauen besonders die Eigner von Frachtern optimistisch in die Zukunft. „Wir haben die Krise, die uns seit 2009 beschäftigt hat, weitgehend hinter uns gelassen und sind in vielen Bereichen bislang auch erstaunlich unbeschadet durch die Pandemie gefahren“, sagte VDR-Präsident Alfred Hartmann.

Besonders Nachfrage nach klassischen Stückgutfrachtern und Containerschiffen sei sehr gut. „Wir haben bei Containerschiffen eine so große Nachfrage, dass es keine Auflieger mehr gibt“, so Hartmann.

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„Die Pandemie hat zu einer Veränderung beim Konsumverhalten geführt. Die Leute verreisen nicht, sie konsumieren dafür wieder mehr. Das führt zu mehr Transport, besonders aus Asien“, sagt Ralf Nagel, geschäftsführendes Präsidiumsmitglied beim VDR.

Insgesamt sank die Zahl der von deutschen Unternehmen kontrollierte Flotte im vergangenen Jahr auf nur noch 2001 Schiffe. So viel wie zuletzt im Jahr 2001.

Die deutsche Handelsflotte verändert sich. Von 2012 bis 2020 hat sich der Anteil der Containerschiffe von 58,5 Prozent auf 54 Prozent reduziert. Die Flotte der Containerschiffe deutscher Reeder sank in dem Zeitraum aber von 1669 auf 735.

Schwergutfrachter sind in der Corona-Krise gefragt

Neuer Hoffnungsträger sind jetzt Stückgutfrachter. Ihr Tonnage-Anteil stieg 2020 mit 645 Frachtern auf 10,3 Prozent. „Das ist ein wachsender Markt“, so Hartmann. Der Standort Deutschland habe auf diesem Gebiet durch das Ingenieurwissen und die gute Krantechnik einen Vorteil im Markt.

Der Bau von Industrieanlagen, Windparks und Kraftwerken sorgt für einen Anstieg bei der Nachfrage nach Schwergutfrachtern. Hier sind deutsche Reeder inzwischen in der Weltspitze, „Wir glauben, dass dieser Bereich auch in Zukunft wachsen wird“, so Hartmann.

Kreuzfahrtschiffe leiden extrem

Sehr schlecht sieht es dagegen in zwei Bereichen aus. „Das sind die Fähren und die Kreuzfahrtschiffe. Besonders bei den Kreuzfahrtschiffen sieht es sehr schlecht aus.

Nur drei der 29 Kreuzfahrtschiffe deutscher Reeder haben aktuell eine Beschäftigung. Aber auch die 78 deutschen Fähren leiden unter der Pandemie. „Der Reiseverkehr zu den Inseln ist stark eingeschränkt“, so Hartmann.  

Durchwachsene Perspektive bei deutschen Reedern

Weitere Themenfelder sind der Klimaschutz und die Suche nach neuen Treibstoffen. Das verflüssigte Erdgas LNG gelte dabei als Hoffnungsträger für die nächsten Jahre. Insgesamt sind die Aussichten bei deutschen Reedern durchwachsen.  „Niemand kann momentan voraussagen, ob der positive Trend insbesondere in der Containerschifffahrt weiter so anhalten wird.“

Deutschland ist den Zahlen nach weiter die fünftgrößte Schifffahrtsnation der Welt. Der Anteil bei der Tonnage liegt mit 48,7 Millionen BRZ bei 4,5 Prozent an der Welthandelsflotte, was einem leichten Rückgang von 0,4 Prozent gegenüber 2019 entspricht.

Portugal, Zypern und Malta sind begehrte Flaggen

Bei den Flaggen sind EU-Register auf dem Vormarsch. „45 Prozent der Schiffe führen die Flagge eines EU-Landes am Heck“, so Ralf Nagel. Hier führen Portugal, Zypern und Malta. Nur etwa 290 Schiffe haben eine deutsche Flagge am Heck. Zum Vergleich: 2012 führten 448 Schiffe die deutsche Flagge.

Die Zahl der in Deutschland sozialversicherungspflichtig beschäftigen Seeleute ist, bedingt durch den Rückgang in der deutschen Handelsflotte, auf 7558 gesunken. 2020 starteten 409 Frauen und Männer einen Berufsweg in der Seeschifffahrt. Bei der Nachwuchswerbung gibt es durch Corona jedoch Probleme.

Wie wird mit der Schiffsbesatzung umgegangen?

„Nach den Jahren des ungewöhnlichen Wachstums vor allem in der Containerschifffahrt Anfang der 2000er-Jahre und dem darauffolgenden Rückgang haben wir jetzt eine neue Normalität“, sagt Ralf Nagel.

Ein großes Problem der Pandemie ist weiter der Umgang mit den Schiffsbesatzungen in den Ländern. Dazu gehört auch die Möglichkeit zum Wechsel der Besatzungen. „Wir sehen uns mit sich ständig verändernden Regelungen für Tests und Quarantäne konfrontiert, das erschwert die Aufgabe enorm“, sagt VDR-Präsident Hartmann.

Seeleute haben Probleme mit Corona-Impfungen

Nach wie vor sind geschätzt etwa 400.000 Seeleute weltweit von der Crewwechsel-Krise betroffen. Besonders in China und den USA seien die Möglichkeiten zum Wechsel von Seeleuten nicht einfach, so Hartmann.

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Beim Thema Impfung sieht Hartmann auch Defizite für Seeleute. Angesichts der drohenden Reisebeschränkungen für nicht geimpfte Menschen bei Flügen und Grenzübertritten mahnt der VDR-Präsident Rechtssicherheit ein. „Wir dürfen nicht in eine Situation kommen, in der Seefahrer nicht an Bord kommen, weil sie noch nicht geimpft wurden“, so Hartmann.

Beim Betrieb gebe es so gut wie keine Chance zur Impfung, wenn zwei Impfungen mit einem Abstand von zwei Wochen erforderlich sind. „Dann können sich Seeleute nur im Urlaub impfen lassen“, sagte Hartmann.