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Wirtschaft Merkel: "Bleiben Sie der Fläche gewogen"
Nachrichten Wirtschaft Merkel: "Bleiben Sie der Fläche gewogen"
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18:17 15.05.2019
Von Ulrich Metschies
Bundeskanzlerin Angela Merkel sprach am Mittwoch auf dem Deutschen Sparkassentag. Quelle: Axel Heimken
Hamburg

Drinnen, im sparkassenrot ausgeschmückten Messezentrum geht es um bröckelnden Gemeinschaftssinn, wuchernden Populismus, um die ungerechte Verteilung von Globalisierungsgewinnen und eine neue Marktordnung für die digitale Welt. Rund 2500 Gäste sind gekommen zu diesem großen Familientreffen. Beim 26. Deutschen Sparkassentag in Hamburg waren sich die Teilnehmer am Mittwoch einig: Die öffentlich-rechtliche Kreditwirtschaft will und muss einen Beitrag leisten, um die Welt ein bisschen besser und den Kapitalismus menschlicher zu machen.

Doch draußen prallt den roten Bankern unübersehbar Kritik entgegen: Aktivisten der Umwelt- und Menschenrechtsorganisation „Urgewald“ fordern die Sparkassen-Tochter Deka Investment auf, ihr Engagement bei Kohle- und Rüstungsunternehmen zu stoppen.

Aktivisten fordern nachhaltige Anlagepolitik

Vor einem großen Transparent mit Totenkopf sind große Blechbüchsen aufgestapelt, auf denen die Logos bekannter Unternehmen prangen, darunter RWE, Thyssenkrupp Airbus, Daimler und Thales. Mit freundlichen Gesten lädt Urgewald-Sprecher Moritz Schröder Sparkassentags-Teilnehmer zum lustigen Dosenwerfen, und einige machen sogar mit. „Mit einer wirklich nachhaltigen Anlagepolitik ihrer Fondstochter könnten die Sparkassen beweisen, dass sie ihre gesellschaftliche Verantwortung ernst nehmen“, sagt Schröder.

Und so ermuntert Urgewald alle Sparkassenkunden, darauf zu bestehen, dass ihr Geld über Fondsanlagen weder an Unternehmen fließt, die Rüstungsgüter an kriegführende Staaten liefern oder „besonders kontroverse“ Waffensysteme herstellen, noch an Konzerne, die auf Kohle setzen.

Jeder Markt braucht eine Ordnung

Helmut Schleweis macht nicht mit beim Dosenwerfen. Das ziemt sich ja auch nicht für den obersten Interessenvertreter der 385 roten Institute im Land. Gleichwohl macht der Präsident des Deutschen Sparkassen- und Giroverbandes (DSGV) deutlich, dass jeder Markt eine Ordnung braucht, wenn er auch zum Wohle der Allgemeinheit funktionieren soll: „Das war schon im Mittelalter so, und das kann im digitalen Zeitalter nicht anders sein“, sagt Schleweis.

Schleweis kritisiert Bürokratisierung

Auch der Finanzsektor, der mit seinen Eskapaden die gesamte Weltwirtschaft vor zehn Jahren an den Abgrund gestoßen hatte, muss nach Überzeugung des Sparkassenpräsidenten in geordnete Bahnen gelenkt werden. Das Ausmaß an Vorschriften und Dokumentationspflichten, mit denen die Geldinstitute in der EU konfrontiert werden, hält Schleweis jedoch vor allem mit Blick auf kleinere Sparkassen für völlig überzogen: „Wir brauchen Regulierung. Was wir nicht brauchen, sind Bürokratisierung und Bevormundung.“

Sparkassen in Schleswig-Holstein geht es besser als anderen

Wie der gesamte Branche, weht den Sparkassen wirtschaftlich der Wind ins Gesicht. Immer tiefer graben sich die Folgen der europäischen Nullzinspolitk in die Bilanzen. Auch die elf Institute in Schleswig-Holstein kämpfen gegen bröckelnde Zinsmargen.

Doch verglichen mit früheren Jahren, als die Nord-Sparkassen schwergewichtige Stützungsfälle verdauen und die teuren Folgen des HSH-Desasters verarbeiten mussten, hat sich die Lage spürbar ins Positive gedreht. „Den Instituten im Land geht es heute deutlich besser als den Häusern in vielen anderen Bundesländern“, sagt Reinhard Boll, Präsident des schleswig-holsteinischen Sparkassenverbandes.

Merkel gegen Filialschließungen

Stargast des Tages ist die Kanzlerin. Begleitet von Händels Feuerwerksmusik, geblasen von Mitgliedern des Bundesjugendorchesters, schreitet Angela Merkel in die „Arena“ der Hamburg-Messe. Ihre Rede ist eine geschickten Mixtur aus Streicheleinheiten für die Sparkassenfamilie und freundlichen Ermahnungen.

Sparkassen seien eine wichtige Stütze stabiler Finanzmärkte. Diese böten jedoch noch immer zu wenig Anreize für nachhaltiges Handeln: „Ich bitte Sie weiter um Ihren Beitrag, Wachstum und Klimaschutz kompatibel zu machen.“

Gleichzeitig unterstreicht die Kanzlerin die Bedeutung der Sparkassen für das Ziel gleichwertiger Lebensverhältnisse: „Natürlich müssen Sie die Digitalisierung beherrschen, aber bitte nicht im Glauben, immer mehr Filialen schließen zu können, weil Kunden auf neuen Wegen zur Bank kommen.“ Sparkassen müssten auch künftig so etwas wie „die gute Seele eines Ortes“ sein: „Bitte bleiben Sie der Fläche gewogen.“

Schleswig-Holsteins Sparkassenpräsident nimmt die Botschaft gerne mit nach Hause: „Wir werden uns nicht aus der Fläche zurückziehen.“ Allerdings könnten die Sparkasse nicht allein die Stellung halten, wenn der Arzt, der Bäcker und die Post sich aus dem Dorf verabschiedet hätten.

Bis Ende Juni muss der insolvente Windanlagenbauer Senvion einen Investor finden - sonst drohen Entlassungen. Das verdeutlichte Meinhard Geiken, Leiter des IG Metall Bezirks Küste, am Mittwoch bei einem Treffen mit der Landesregierung. Ministerpräsident Daniel Günther (CDU) bot Unterstützung an.

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