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Wirtschaft Viele verdrängen das Problem
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07:05 19.04.2014
Von Jörn Genoux
Jens Seydell (re.), früherer Inhaber des Radio- und Fernsehdienstes Laboe, hat die Fischräucherei am Laboer Hafen von Jürgen Schröder (Mitte) übernommen. Unternehmensmentor Jörg Stolzenburg hat den Prozess eng begleitet. Seydells Neffe Nils Artkämper (hinten) verkauft. Quelle: vr
Kiel

In Schleswig-Holstein stehen allein in den nächsten fünf Jahren rund 4800 familiengeführte Unternehmen mit rund 69000 Mitarbeitern zur Übernahme an, weil die Inhaber aus persönlichen Gründen aus der Geschäftsführung ausscheiden. Diese Zahlen des Instituts für Mittelstandsforschung (IfM) stellte IHK-Experte Michael Schmidt in Kiel vor. Die Statistik bezieht sich auf Firmen mit mehr als 100000 Euro Jahresumsatz, alles, was darunter liegt, gilt wegen des geringen Gewinns laut IfM nicht als „übernahmewürdig“. Die Zahl der Firmen, für die eine Nachfolgelösung gefunden werden muss, steigt seit Jahren, vor allem wegen der „im Zuge des demografischen Wandels beschleunigenden Alterung der Unternehmer“, so das IfM. Und auch die IHK erkennt das am steigenden Bedarf von Beratungen.

 Wer den Weg zur IHK-Beratung findet, mit seinem Steuerberater und Rechtsanwalt oder einem Unternehmensberater über das Thema spricht, der ist schon gut davor. Doch das sind die wenigsten. „Die meisten Inhaber schieben das Problem auf“, berichten Michael Schmidt und sein Kollege Uwe Lehmann, die das Thema bei der IHK Kiel schwerpunktmäßig bearbeiten. Der 75-jährige Unternehmer, der sich im April meldet und bis zum Jahresende einen Nachfolger gefunden und die Betriebsübergabe geregelt haben möchte, ist sicher ein Extremfall. Aber nur selten läuft es so, wie Berater es sich vorstellen: Fünf Jahre vor der geplanten Übergabe sollte mit den Vorbereitungen begonnen werden; spätestens ab einem Alter von 55 Jahren sollten sich Unternehmer ernsthafte Gedanken zum Thema machen.

 Zwar wird das Thema in vielen Firmen vernachlässigt. Doch die Zahl der Beratungen bei der IHK Kiel steigt, so stark, dass die IHK-Experten alleine den Andrang nicht mehr bewältigen können. So kooperiert die Kammer unter anderem mit den Mentoren für Unternehmen in Schleswig-Holstein, einem Verein, in dem ehemalige Führungskräfte ehrenamtlich Firmeninhaber beraten. „Wir ersetzen keine Beratung, sondern verstehen uns als eine Art Coach, der den Unternehmer durch den gesamten Übergabeprozess begleitet“, erklärt Jörg Stolzenburg, einer der Mentoren. Dabei werde zuallererst geklärt, was das Ziel der Unternehmensnachfolge sein soll. Ein vollständiger Verkauf, einen jüngeren Nachfolger aufzubauen oder eine Beteiligung reinzuholen? Dann erst kann die Suche nach einer Lösung beginnen.

 Doch auch, wenn der Prozess so systematisch eingeleitet wird, tauchen immer wieder ganz typische Hindernisse auf. Da seien beispielsweise die Menschen mit dem „Unternehmer-Gen“ zu nennen, die einfach nicht loslassen können oder wollen, berichtet Stolzenburg. Auch setzten Inhaber in der Regel den Wert ihrer Firma meist zu hoch an. In beiden Fällen sehen sich die Mentoren dann als Vermittler.

 Über die bundesweite Internet-Börse Nexxt-Change können Nachfolger gefunden werden. Allerdings ist die Zahl der Verkaufsangebote mit derzeit mehr als 7200 deutlich höher als die der Kaufgesuche (2900). Bei der IHK Kiel haben sich die Berater für die Nachfolgersuche noch zusätzlich eine eigenen kleine Datenbank aufgebaut. Die Kammer wird ihre Aktivitäten auf diesem Feld weiter ausbauen. Denn die Nachfrage steigt deutlich. Und nur wenige kommen mit einer einmaligen Beratung aus, so wie der Unternehmer mit Frau und zwei Kindern, die nach knapp zwei Stunden Beratung zufrieden die IHK verließen. Sie hatten dort Bestätigung für das gefunden, was ihnen zuvor schon ihr Rechtsanwalt und Steuerberater geraten hatten.