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Wirtschaft EZB will Bankenfusion unter die Lupe nehmen
Nachrichten Wirtschaft EZB will Bankenfusion unter die Lupe nehmen
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17:34 21.03.2019
Deutsche Bank und Commerzbank in Frankfurt. Quelle: Getty Images
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Frankfurt

„Wir wissen nichts, wir haben keine Ahnung, wir hängen total in der Luft“, sagt eine Beschäftigte der Commerzbank. Seit Sonntag wird offiziell über die Fusion des Frankfurter Kreditinstituts mit der Deutschen Bank verhandelt. Am Donnerstag tagten die Aufsichtsräte der beiden Unternehmen. Details über mögliche Beschlüsse wurden zunächst nicht bekannt.

Deutsche-Bank-Chef Christian Sewing wolle die Kontrolleure seines Geldhauses vom Sinn einer Fusion mit dem kleineren Konkurrenten überzeugen, berichtete die Nachrichtenagentur Reuters. Ein wichtiges Argument soll dabei die Perspektive auf eine klare Dominanz auf dem deutschen Markt sein. Hinzu komme, dass er bei der Refinanzierung der eigenen Geschäfte sinkende Kosten erwarte – die neue Größe könnte geringere Risikoaufschläge nach sich ziehen.

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Indes zeichnet sich immer mehr ab, dass eine Verschmelzung - wenn überhaupt – ein äußerst komplexes und langwieriges Unterfangen wird. So soll Sewing damit rechnen, dass ein Deal nicht vor 2020 unter Dach und Fach gebracht werden kann.

EZB will realistischen Businessplan

Auch weil die Bankenaufsicht der Europäischen Zentralbank ein gehöriges Wörtchen mitzureden hat und schon mahnt. Ignazio Angeloni, Mitglied des EZB-Gremiums, sagte: Die beiden Institute müssten sich auf eine rigide Überprüfung gefasst machen. Die Aufseher wollen sich anschauen, ob es überhaupt einen realistischen Businessplan für eine „Deutsche Commerzbank“ gibt.

Womöglich komme man da zu unterschiedlichen Schlussfolgerungen in puncto Kapital und Liquidität als die Bank-Manager, so der Italiener. Die Aufsicht hat in der Vergangenheit großen Wert auf robuste Finanzen gelegt. So musste sich 2016 die italienische Banco Popolare SC erst einmal eine Milliarde Euro frisches Kapital besorgen, bevor sie mit der Banca Popolare di Milano zusammengehen durfte. Das legt nahe, dass auch die Deutsche Bank zunächst eine Kapitalerhöhung stemmen oder etwa Anteile in ihrer Fondstochter DWS verkaufen muss. Allein dies könnte sich Monate hinziehen.

Ist die Commerzbank ein Schnäppchen?

Das Misstrauen der EZB-Aufseher ist indes nachvollziehbar. Die Deutsche Bank ist immer noch in fragwürdige Geschäfte verwickelt - unter anderem in einen gigantischen Geldwäscheskandal bei der Danske Bank, bei dem es sich um 200 Milliarden Euro dreht. Bei der Commerzbank geht es auch um ein Kuriosum, das stutzig macht. Sie ist ein Schnäppchen. Ihr Börsenwert beträgt nur rund neun Milliarden Euro, obwohl sie über eigenes Kapital in Höhe von 23 Milliarden Euro verfügt. Man kann sich also die Bank für neun Milliarden kaufen und erhält 23 Milliarden. Da stellt sich die Frage, warum dies noch kein Konkurrent gemacht hat. Eine naheliegende Erklärung wäre, dass es beim besagten Geschäftsmodell hapert oder dass Konkurrenten die Angst vor bislang unbekannten Risiken vorherrscht.

Sewing scheint das nicht zu schrecken, und vielleicht hat er es genau auf die 14 Milliarden Gewinn abgesehen, um sein Geldhaus zu stabilisieren. Wie in Branchenkreisen zu hören ist, kommunizieren jedenfalls Manager beider Banken seit einigen Tagen auf verschiedenen Ebenen mehr oder weniger ständig miteinander. Es gehe darum, wie eine Integration funktionieren kann. Etwa im Privatkundengeschäft. Dabei gibt es in beiden Häusern zugleich noch immer Arbeitsgruppen, die quasi parallel an neuen Konzepten für jeweilige Bank allein weiterarbeiten. Schließlich haben beide zurückliegende Übernahmen noch immer nicht komplett verdaut.

Unter Mitarbeitern der Commerzbank geht derweil die Angst um, dass ihr Unternehmen bei einer Fusion als Juniorpartner besonders viele Stellen abbauen muss. Dass der Chef Martin Zielke abgetaucht und von ihm seit Tagen nichts zu hören ist, steigert die Verunsicherung noch.

Mitarbeiter skeptisch

Mutmaßungen kursieren, dass insgesamt zwischen 30.000 und 50.000 Jobs wegfallen könnten. Ganz offensichtlich ist das beim Geschäft mit Privatkunden: Wo Coba- und Deutsche-Filialen in Sichtweite voneinander liegen, könnten die Gelben einfach dicht machen, ohne dass es einen maßgeblichen Nachteil für die Kunden gebe. Sewing soll die Position vertreten, dass die Stellenstreichungen ohnehin unausweichlich sind, vor allem wegen der anstehenden Digitalisierung vieler Aufgaben. Arbeitnehmervertreter und Gewerkschafter wehren sich hingegen massiv gegen die Fusion.

Auch weil bei solchen Deals in den vergangenen Jahren schlechte Erfahrungen gemacht wurden. Die Commerzbank schluckte mitten in der Finanzkrise die angeschlagene Dresdner Bank. Um das Manöver seinerzeit bewerkstelligen zu können, musste der Staat einsteigen – heute ist die Bundesrepublik mit 15 Prozent immer noch größter Anteilseigner. Die Deutsche sicherte sich für sechs Milliarden Euro Ende 2010 die Mehrheit an der Postbank, um ein „Powerhouse“, wie es damals hieß, zu formen.

Daraus wurde nichts. Stattdessen zeigte sich, dass die Manager nicht so recht wussten, was sie mit der Ex-Tochter der Post anfangen können. Deshalb wollte man sich 2015 dann von ihr trennen. Doch auch das ging schief und wurde zwei Jahre später abgeblasen. Seither wird versucht man wenigstens mit gemeinsamer Technik und Verwaltung Kosten zu drücken. Dieses Projekt ist ebenfalls längst noch nicht abgeschlossen. Was zeigt, wie schwierig eine Integration sein kann. Ein ganz besonders wichtig sind dabei die IT-Systeme der Banken, die jeden Tag gigantische Datenmengen transportieren. Sewing soll damit argumentieren, dass eine fusionierte Bank hier massiv sparen könnte.

Von RND/Frank-Thomas Wenzel