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Wirtschaft Elektroautos machen jetzt künstlich Krach? Ruhe, bitte!
Nachrichten Wirtschaft Elektroautos machen jetzt künstlich Krach? Ruhe, bitte!
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15:09 15.09.2019
Zu leise ist im Straßenverkehr verboten: Elektroautos sollen künstliche Motorengeräusche von sich geben. Quelle: pathdoc - stock.adobe.com

Ich weiß ja nicht, ob Sie diese Kolumne am Steuer eines Düsenfliegers lesen oder in Reihe zwei eines Iron-Maiden-Konzerts. Ich selbst präferiere Ruhe. Ruhe freilich ist ein rares Gut geworden. Im öffentlichen Leben gilt Ruhe als unschicklich. Wer heute schweigt, gilt als nichtssagend. Stattdessen werden Menschen bei jeder Gelegenheit mit geräuschvollem Unfug belästigt. Im Einzelhandel etwa werden Klamottenkäufer beim Durchblättern eines T-Shirt-Ständers nach Strich und Faden bebumst. Selbst Schuhläden klingen wie ein Junggesellenabschied auf Ibiza.

Keine Alternative: Die Marschkapelle vorweg

Und jetzt droht noch mehr nutzloser Lärm: Alle neu verkauften Elektroautos müssen ab sofort künstlich Motorengeräusche erzeugen. Aus Sicherheitsgründen. Das hat die EU beschlossen. Und es gilt nicht, wenn Fahrer bei offenem Fenster laut "Bummbrumm!" rufen. Ebenso wenig sind folgende Lösungen erlaubt: eine vorweg marschierende Marschkapelle, ein Bläsersextett auf dem Rücksitz, permanent links und rechts gegen parkende Autos zu donnern oder ein Anhänger, auf dem ein traditioneller Ottomotor lustig vor sich hinpöttert.

Künstlicher Autolärm. Spitzenidee. Ich rechne stündlich mit den ersten Brummton-Download-Charts fürs Auto. Das wird das große Comeback für den Crazy Frog im Jamba-Spar-Abo: "Ringdingdingdingrennderenndenndenndenndennenn...!"

Akustisches Methadonprogramm

Eltern kennen das von der Holzeisenbahn. Das Modell "Rote Lola" von Brio zum Beispiel macht beim Fahren Lokomotivgeräusche. Es erklingt ein leises "Tufftufftuff". Tesla legt in Sachen künstliches Motorengeräusch vor und liefert seit dem 1. September ein Update für seine Model-3-Autos nach. Die Soundvariante "Tufftufftuff" ist dem Vernehmen nach nicht im Angebot - stattdessen gibt's vermutlich ein pfeifendes "Nöööööööööööt", ein klassisches "Brrrrrrrr" oder gegen Aufpreis ein keckerndes "Greinerpettermemmemmemmemmemmm...". Ab dem 1. Juli 2021 ist das sogenannte Acoustic-Vehicle-Alert-System dann für alle neu zugelassenen Elektroautos Pflicht - ab einem Tempo von 19 Stundenkilometern. Ab Tempo 30 sind die Rollgeräusche der Reifen laut genug, um auf das akustische Methadonprogramm zu verzichten.

"Du sollst nicht lärmen!"

Es ist ja grundsätzlich wünschenswert, dass so wenig Menschen wie möglich im öffentlichen Straßenverkehr ums Leben kommen. Aber warum dann nicht auch künstliche Abgaswolken und synthetischer Gestank? 1982 hat man Autos schon von weitem gehört, gesehen UND gerochen! Ist Kunstkrach wirklich die intelligenteste Lösung, damit moderne E-Mobilität weniger Menschen tötet? Wie wäre es stattdessen mit mehr gesicherten Überwegen, klar markierten Radwegen, mehr Schülerlotsen, strengeren Tempovorgaben, intelligenteren Ampelschaltungen, komfortablerem Nahverkehr und dem festen Willen aller Beteiligten, im Straßenverkehr einfach viel besser aufzupassen, statt sich unter Kunstkrach besinnungslos zu rasen?

Geräuschlosigkeit ist in der modernen Gesellschaft unzumutbar geworden. Niemand hält sich mehr an Robert Gernhardts elftes Gebot: „Du sollst nicht lärmen.“ Freuen wir uns stattdessen jetzt auf Spotify-Playlisten mit den geilsten Ferrari-Sounds für Ihren Smart.

"Musik setzt Freiwilligkeit voraus"

Viele Menschen empfinden Stille als bedrückend. Für sie ist es Stress, akustisch auf den eigenen Herzschlag zurückgeworfen zu sein. Ich empfinde Stille als Wohltat. Es ist das Privileg des Glücklichen, keinen Tongrießbrei aus Supermarktlautsprechern oder Motorengeräusche hören zu müssen. „Musik setzt Freiwilligkeit voraus“, hat Hans Magnus Enzensberger zu Recht geschrieben. Und wie heißt es bei Kurt Tucholsky: „Der Mensch: ein Lebewesen, das klopft, schlechte Musik macht und seinen Hund bellen lässt. Manchmal gibt er auch Ruhe, aber dann ist er tot.“ Immerhin: Dass er von einem Elektroauto überfahren wurde, ist in Zukunft unwahrscheinlich.

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Anmerkung der Redaktion: In der ersten Version dieses Texts hieß es, dass das Acoustic-Vehicle-Alert-System ab Juli 2021 für alle Elektroautos Pflicht ist. Wir haben nun ergänzt, dass diese Regel zunächst nur für alle neu zugelassenen E-Autos gilt.

Von Imre Grimm/RND

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