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Wirtschaft Neuer IfW-Chef plädiert für CO2-Preis
Nachrichten Wirtschaft Neuer IfW-Chef plädiert für CO2-Preis
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15:30 03.06.2019
Von Ulrich Metschies
Gabriel Felbermayr ist seit März 2019 Chef des Kieler Instituts für Weltwirtschaft. Quelle: Ulf Dahl
Kiel

Er ist das neue Gesicht des Kieler Instituts für Weltwirtschaft: Gabriel Felbermayr (42). Im Interview mit unserer Zeitung fordert der Österreicher eine Wende in der Klimapolitik und mehr europäische Einigkeit als Antwort auf die destruktive Handelspolitik von US-Präsident Donald Trump.

Sie sind jetzt drei Monate IfW-Chef. Fühlen Sie sich schon heimisch im Norden?

Heimisch vielleicht noch nicht, auf jeden Fall aber pudelwohl und sehr freundlich aufgenommen.

Als Wohnsitz haben Sie sich Hamburg ausgesucht. Warum hat sich der Präsident des Kieler Instituts für Weltwirtschaft nicht für Kiel entschieden?

Meine Familie zieht nach Hamburg, aber ich werde in Kiel sehr präsent sein. Meine Frau ist Französin. Unsere Kinder sollen zweisprachig aufwachsen und auch im Norden eine französische Schule besuchen können. Da es die in Kiel nicht gibt, und weil die Job-Möglichkeiten für meine Frau in Hamburg besser sind, haben wir uns für Hamburg entschieden. Ich habe aber auch in meinem Berufungsgesprächen deutlich gemacht, dass ich der Präsident des Kieler Instituts bin. Und wir werden Kiel, diese vier Buchstaben, noch stärker zum Teil unserer Identität machen. Ich will den gesamten Standort hier noch intensiver nutzen mit der Expertise, die wir gemeinsam mit der Uni haben.

Haben Sie dazu schon Ideen?

Wir werden mit unterschiedlichen Formaten noch stärker vor Ort an die Öffentlichkeit gehen. Das können Diskussionen sein oder offene Vortragsveranstaltungen. Wir werden uns auch intensiver um Standortfragen kümmern, die den Norden betreffen. Wir tragen zwar das Wort Weltwirtschaft in unserem Namen, aber trotzdem darf man schon erwarten, dass wir uns nicht nur um die Peso-Krise in Argentinien kümmern oder um den Handelskrieg zwischen Amerikanern und Chinesen, sondern dass wir uns auch die Frage stellen: Wie kann sich diese Region wirtschaftlich erfolgreich entwickeln?

Europa hat gewählt. Was bedeutet der Ausgang für Wachstum und Arbeitsplätze?

Der von einigen befürchtete Durchmarsch der Populisten und EU-Kritiker ist nicht eingetreten. Aber die Zugewinne von Populisten in einigen Ländern und die zunehmende Polarisierung in der EU erschweren es, einen konstruktiven Weg nach vorne zu finden. Vor allem die Ergebnisse in Frankreich und Italien sind in dieser Hinsicht beunruhigend. Damit wird es auch schwieriger, den Binnenmarkt zu vollenden und Handelsabkommen mit anderen Ländern und Regionen zu schließen. Dabei ist unser EU-Binnenmarkt das wichtigste Pfund, mit dem wir im globalen Wettbewerb wuchern können. Offene Gesellschaften und offene Grenzen sind Garanten für mehr Wachstum und Arbeitsplätze, was viele Menschen offenbar unterschätzen. Nach unseren aktuellen Berechnungen sorgt der integrierte Binnenmarkt in Summe für alle EU-Mitglieder für Wohlstandsgewinne von zirka 643 Milliarden Euro jährlich, die Zollunion, Handelsabkommen, Schengen und Euro sorgen gemeinsam für weitere 287 Milliarden.

Grüne und „Fridays for Future“-Bewegung fordern endlich eine CO2-Steuer, um dem Klimawandel zu begegnen. Sie auch?

Ich würde nicht sagen, dass wir zwingend eine CO2-Steuer brauchen. Was wir brauchen, ist ein CO2-Preis von 80 bis 100 Euro je Tonne. Ob der über eine Steuer kommt oder über den Handel mit Emissionszertifikaten ist dann erst die nächste Frage.

Die Erfahrungen mit dem Emissionshandel sind schlecht.

Es gibt einfach noch zu viele Zertifikate, das macht den CO2-Ausstoß zu billig. Das wird aber nicht so bleiben. Schwerer wiegt, dass wichtige Sektoren vom Emissionshandel ausgenommen sind: Verkehr zum Beispiel, Gebäudeheizungen und die Landwirtschaft. Wir brauchen einen Handel, der alle CO2-Emissionen erfasst, am Ende sogar auch die Methan-Abgase der schleswig-holsteinischen Kühe. Um die Dekarbonisierung unserer Wirtschaft so effizient wie möglich zu gestalten, brauchen wir einen einheitlichen CO2-Preis über alle Emissionen. Ich warne aber vor einem Flickenteppich aus ein bisschen Emissionshandel und ein bisschen Steuer – in jedem Land etwas anderes. Am besten wäre ein EU-einheitlicher Zertifikatehandel für alle Sektoren.

Wie groß sind Ihre Sorgen als Ökonom mit Blick aufs Klima?

Sehr groß. Die Klimaerwärmung hat schnell Auswirkungen auf die Agrarwirtschaft. Das haben wir ja im vergangenen Jahr sehr deutlich gesehen. Andere Auswirkungen hat man nicht so schnell auf dem Radar. Wir haben 2018 fast 0,3 Prozentpunkte Wachstum verloren durch das Niedrigwasser auf dem Rhein. Auch wenn an anderen Orten Transportwege unpassierbar werden oder Ernten ausfallen, spüren wir das bei uns. Weltweite Wertschöpfungsketten können durch den Klimawandel betroffen sein. Wir wissen auch, dass starke Temperaturschwankungen die Arbeitsproduktivität belasten. Und der Klimawandel wird auch Migrationsströme beeinflussen. Das ist vielleicht eine Folge der Erderwärmung, die unsere Kinder und deren Kinder am stärksten beschäftigen wird. Klimaschutzpolitik ist also auch Migrationspolitik.

Artensterben, Klimawandel, Raubbau an Ressourcen: Ist ein Wirtschaftssystem, das auf Wachstum basiert, nicht ein Auslaufmodell?

Man muss unterscheiden zwischen gutem und schlechtem Wachstum. Wenn die jungen Menschen das Wachstum eines extrem C02-intensiven Flugverkehrs kritisch sehen, dann muss man ihnen zustimmen, denn dieses Wachstum geht auf Kosten ihrer und künftiger Generationen. Aber es gibt auch Wachstum, das ressourcenschonend erfolgt. Warum sollten wir darauf verzichten? Wir müssen grünes Wachstum fördern und das braune Wachstum zurückführen.

Ist der Boom bei E-Rollern gutes oder schlechtes Wachstum?

Wenn wir wirklich vom ersten Produktionsschritt an bis zum letzten Kilometer, den der Nutzer mit seinem Fahrzeug fährt, Ehrlichkeit haben über die tatsächlichen CO2-Kosten, dann ist Wachstum in diesem Segment gutes Wachstum. Wenn wir dort aber Wachstum haben, weil Batterien hergestellt werden ohne Berücksichtigung der Umweltkosten durch die Extraktion von Lithium und Seltenen Erden in anderen Ländern der Welt, dann ist es schlechtes Wachstum.

Stichwort Zollkrieg: Ist Donald Trump dabei, die Welthandelsordnung zu zerstören?

Ja. Er hat auch schon einige Vorzimmer dieses Gebäudes zertrümmert – mit dem Vorschlaghammer. Wir haben jetzt schon eine Welthandelsorganisation, die eigentlich nicht mehr arbeitsfähig ist, weil das negative Vorbild USA immer mehr Nachahmer findet. Wahrscheinlich ist das Gebäude WTO sogar irreparabel beschädigt, so dass man über Neubau oder Kernsanierung nachdenken muss. Das wird mit den USA unter diesem Präsidenten nicht gelingen. Im schlimmsten Fall steuern wir also noch weitere fünf Jahre immer tiefer in die Krise.

Sparkurs und Personalabbau: Sie haben das Kieler Institut in schwierigen Zeiten übernommen. Wie geht es weiter?

Wir sind auf sehr gutem Weg und haben vor Kurzem einen erfreulichen Evaluierungsbescheid erhalten. Das Institut hat sich in den vergangenen Jahren gut entwickelt, vor allem wissenschaftlich. Wir haben Nachholbedarf, was die öffentliche Wirksamkeit unserer Arbeit angeht. Doch auch da geht es voran. Wir werden zwei neue Professuren einrichten, die sich mit Zukunftsfragen der Weltwirtschaft befassen. Wir wollen Top-Leute nach Kiel holen, die nicht nur hervorragend forschen, sondern die auch Lust haben, mit Medien zu sprechen und in politische Prozesse einzugreifen. Da gibt es nicht viele im deutschsprachigen Raum, nicht mal in Europa. Gerne würden wir auch weibliches Talent anziehen.

Das Gespräch führte Ulrich Metschies

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