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Nachrichten Wirtschaft Zahnarztketten breiten sich in SH aus
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12:20 02.09.2019
Von Ulrich Metschies
Früher undenkbar, heute im Trend: Zahnmedizinische Leistungen sind ein lukratives Geschäft für internationale Investoren. Quelle: Markus Scholz/dpa
Kiel

"Werden Sie Teil einer wachsenden Marke." "Profitieren sie als Partner von Vorteilen". Mit warmen Worten umgarnt Colosseum Dental die Zahnärzte. Über Jahre hat der Praxisverbund, der zur Stiftung des Kaffeeriesen Jacobs gehört, international ein beachtliches Netz von zahnärztlichen Behandlungszentren aufgebaut.

So funktioniert die Kettenbildung

Um eine Zahnarztkette aufzubauen, gründen Finanzinvestoren (zumeist durch den Aufkauf von Krankenhäusern) ein zahnärztliches Medizinische Versorgungszentrum. Über dieses MVZ, können weitere Praxen aufgekauft oder neue MVZ-Praxen gegründet werden, die sich über ganz Deutschland verteilen und unter dem gleichen Namen firmieren können. Die Kettenbildung hat den wirtschaftlichen Vorteil, dass die angeschlossenen Zentren günstiger als kleine Praxisstrukturen Verbrauchsmaterialien einkaufen können, Praxisabläufe können standardisiert, rationalisiert und vereinheitlicht werden. Das zahnärztliche Handeln wird auf Masse ausgelegt – und somit industrialisiert, fürchtet die Zahnärztekammer. Denkbar sei auch, dass die Dentalketten aufgrund ihrer Marktmacht mit Krankenkassen Einzelverträge für bestimmte Leistungen aushandeln könnten.

KZV fürchtet um Berufsfreiheit

Nun gibt die Gruppe in Deutschland Gas, frei nach dem Motto "Krone statt Krönung." Standen bislang noch gewinnträchtige Praxen in den Ballungszentren im Fokus, klopfen milliardenschwere Investoren wie Colosseum verstärkt auch bei Praxis-Inhabern in Schleswig-Holstein an: "Wir merken ganz deutlich: Der Markt ist in Bewegung", sagt Dr. Michael Diercks, Vorstandsvorsitzender der Kassenzahnärztlichen Vereinigung Schleswig-Holstein (KZV).

Zahnärzte könnten unter Druck geraten

So wie er fürchten viele seiner Kolleginnen und -kollegen unter den rund 1700 niedergelassenen Zahnärzten im Land eine „Kommerzialisierung des Gesundheitswesens“, die für die Qualität der Versorgung der Patienten ein erhebliches Risiko darstellen könne: „Es besteht die Gefahr, dass Zahnärzte, die bei einem Investor angestellt sind, bei der Entscheidung über Behandlungsalternativen erheblich unter Druck geraten.“

Teurer Ersatz statt Reparatur?

Soll heißen: Statt einen Zahn für vergleichsweise kleines Geld zu reparieren, könnte den Patienten nahegelegt werden, eine teure Edelversorgung zu wählen. Wirtschaftliche Zwänge und der Druck, dem Investor starke Zahlen vorlegen zu können, könnten die Entscheidungsfreiheit der behandelnden Ärzte und Ärztinnen beeinträchtigen, fürchtet Diercks: „Hier sehe ich ein erhebliches Risiko für unser Berufsethos.“

Deutscher Zahnärztemarkt ist für Investoren attraktiv

Angesichts der niedrigen Zinsen ist der Gesundheitsmarkt ein lukratives Tummelfeld für Kapitalanleger aus dem In- und Ausland. Private-Equity-Gesellschaften und Anlage-Büros wohlhabender Familien zahlen offenbar gut. Laut "Wirtschaftswoche" werden für eine gut laufende Praxis fünf bis sechs Millionen Euro geboten. Nach Angaben der Zahnärztekammer Schleswig-Holstein ist der Norden der Republik zwar noch nicht so stark im Fokus der Anleger, doch auch auch hier fassen die ersten Ketten Fuß. Noch seien es Einzelfälle wie etwa in Lübeck, sagt Präsident Dr. Michael Brandt. Doch die Anfragen nähmen zu.

Angebote unter Verschwiegenheitspflicht

In der Regel würden Zahnärzte, die sich auf Gespräche mit Investoren einließen, zu strikter Verschwiegenheit verpflichtet. Erste Erfahrungen mit profitorientierten Investoren deuteten tatsächlich darauf hin, dass weniger eine angemessene Patientenversorgung im Vordergund stehe, sondern das Geldverdienen: "Wir stellen fest, dass sich das Abrechnungsverhalten ändert", sagt Diercks.

Praxisketten waren früher undenkbar

Vor wenigen Jahren war die Gründung einer zahnärztlichen Praxiskette in Deutschland undenkbar. Es bestanden nicht nur rechtliche Hürden, auch das Bewusstsein im Dentalmarkt war ein anderes: Die Idee einer zahnärztlichen Praxiskette wurde nicht selten als "McDonalds für Zahnarztpraxen" abgetan. Doch diese Zeiten sind vorbei. Zum einen hat die Bundesregierung mit dem "Versorgungsstärkungsgesetz" in der Gesetzlichen Krankenversicherung Investoren den Markteinstieg ermöglicht – in der trügerischen Hoffnung, durch die Einrichtung Medizinischer Versorgungszentren (MVZ) die Versorgung in ländlichen Regionen zu verbessern. Zum zweiten sprechen die Experten von einem Nachfrage-Markt. Die Zahl der abgabebereiten Inhaber ist größer als die Zahl der Niederlassungswilligen. Seit geraumer Zeit geben im Schnitt rund 15 Praxen im Jahr auf, während gleichzeitig die Zahl angestellter Zahnärzte und -ärztinnen steigt.

Colosseum Dental blickt auf Schleswig-Holstein

Zur Colosseum Dental Gruppe, die europaweit in acht Ländern agiert, gehören mehr als über 300 Praxen, davon rund 30 Deutschland. Grundsätzlich plane man auch Investments in Schleswig-Holstein, so eine Sprecherin. Die Befürchtung, dass Profitorientierung auf Kosten der Patienten gehe, weist sie zurück: "Die Verantwortung für die Patientenbehandlung und die Versorgungsqualität liegen ausschließlich bei den behandelnden Zahnärzten." Diese seien im "Partner-Netzwerk" weiterhin eigenverantwortlich und weisungsunabhängig in Diagnose und Therapie.

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