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Wirtschaft Mindestlohn schützt nicht vor Armut
Nachrichten Wirtschaft Mindestlohn schützt nicht vor Armut
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08:07 05.05.2014
Von Heike Stüben
Quelle: Patrick Pleul/dpa
Kiel

Berücksichtigt man die jüngste Lohnentwicklung, würde der Mindestlohn nur 57000 Erwerbstätige von Hartz IV befreien – 4,3 Prozent aller Aufstocker. „Ein Teil dieser Personen würden stattdessen Wohngeld oder Kinderzuschlag erhalten. Die Transferausgaben würden im Saldo um 500 Millionen Euro zurückgehen“, heißt es in der Studie des IAB.

Umgerechnet auf Schleswig-Holstein bedeutet das, dass 2107 der 49000 Aufstocker von Hartz IV wegkommen. „Das funktioniert eigentlich nur, wenn man schon jetzt über 1200 Euro im Monat hat. In Kiel trifft das aber lediglich auf 450 der gut 6700 Aufstocker zu. Von Hartz IV unabhängig werden aber eher noch weniger werden“, erklärt Britta Kempcke, stellvertretende Geschäftsführerin des Jobcenters Kiel.

Bei der Vereinigung der Unternehmensverbände Nord erwartet man noch deutlich geringere Effekte - maximal 12000 Fälle bundesweit. „Die Politik ist dem großen Irrtum aufgesessen, dass Mindestlohn vor Armut schützt“, sagt Michael Thomas Fröhlich, Hauptgeschäftsführer des UV Nord. „In Schleswig-Holstein haben 98 Prozent der Vollzeit-Erwerbstätigen ein Existenz sicherndes Einkommen. Dreiviertel der Aufstocker arbeiten aber Teilzeit oder sind geringfügig beschäftigt.“ So bleibe man auch mit Mindestlohn auf Hartz IV angewiesen.

Die Regionaldirektion Nord bestätigt, dass von den 49000 Aufstockern in Schleswig-Holstein nur 8000 eine sozialversicherungspflichtige Vollzeitstelle haben. 14400 arbeiten Teilzeit und 22300 haben einen Minijob. Viele Schleswig-Holsteiner bekämen im Handel, in der Gastronomie und Lebensmittelbranche, im Gesundheits- und Sozialwesen und in der Leiharbeit aber nur Teilzeitstellen oder Minijobs oder könnten mangels Kinderbetreuung nicht Vollzeit arbeiten.

Für Uwe Polkaehn, Vorsitzender des DGB Nord, sprechen diese Zahlen nicht gegen den Mindestlohn, sondern offenbaren das Ausmaß der Fehlentwicklungen am Arbeitsmarkt. „Das ist das Ergebnis von immer mehr Minijobs, explodierender Teilzeitarbeit – wir brauchen mehr sozialversicherte und unbefristete Vollzeitarbeit und gesetzliche Schritte gegen den Missbrauch von Leih- und Teilzeitverträgen.“