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Wirtschaft Ist Wasserstoff die Lösung?
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20:30 19.11.2019
Von Anne Holbach
In der Werft von TKMS werden schon lange Brennstoffzellen in U-Boote eingebaut, die Wasserstoff und Sauerstoff in Energie umwandeln. Die beiden Stoffe werden – wie hier an einem Boot der Klasse 212 zu sehen – in Tanks außenbords mitgeführt. Quelle: Frank Behling
Kiel

Der Landtag hat sich gerade für den Aufbau einer Wasserstoffindustrie in Schleswig-Holstein mit Öko-Strom ausgesprochen. „Das Engagement von Wirtschaftsminister Bernd Buchholz in Sachen Wasserstoff ist gut. Es darf aber nicht bei einem Lippenbekenntnis bleiben“, fordert Stephanie Schmoliner, Chefin der IG Metall Kiel Neumünster.

Es brauche verpflichtende Rahmenbedingungen und klare Ausbaupfade für Erneuerbare Energien vonseiten der Politik, damit die Energiewende klappen kann. Ob Wasserstoff die Lösung der Energiefrage ist, will die Gewerkschaft Mittwochabend diskutieren.

U-Boot-Branche nutzt schon lange Wasserstoff

„Wir arbeiten schon seit vielen Jahren mit Wasserstoff“, sagt Max Sonnenberg, Betriebsrat bei Thyssenkrupp Marinesystems (TKMS). Durch umgekehrte Elektrolyse werden in Brennstoffzellen geräuschlos Wasserstoff und Sauerstoff in Energie für Batterien und den Fahrmotor umgewandelt. U-Boote in Schleichfahrt können damit einige Wochen unter Wasser bleiben.

Bei Caterpillar werde dagegen noch nicht mit Wasserstoff gearbeitet, sagt Betriebsrat Torsten Lange. Er sehe die Technologie nicht als Ersatz für Diesel-Schiffsmotoren, wohl aber als Möglichkeit zur Ergänzung. „Ich glaube, dass der Verbrennungsmotor weiter eine Chance hat. Wir dürfen nicht immer eine absolute Diskussion führen und eine Lösung als die einzige ansehen.“ Er wünscht sich mehr Offenheit für alle Innovationen und die Freigabe von Investitionen, statt sich auf batteriebetriebene Elektromobilität zu versteifen.

Industrie experimentiert auf vielen Feldern mit Wasserstoff

Schleswig-Holstein ist wegen seiner überschüssigen Windenergie prädestiniert für Wasserstoffprojekte. In Heide wird mit Wasserstoff aus Offshore-Windenergie experimentiert, der für die Produktion von klimafreundlichem Treibstoff für Flugzeuge genutzt werden soll.

Nicht nur hier wagt die Industrie Neues: Thyssenkrupp Steel in Duisburg will statt Kohlestaub als Reduktionmittel im Hochofen nun Wasserstoff einblasen, um CO2 einzusparen. Die Salzgitter AG hat diese Woche ein 50-Millionen-Euro-Projekt gestartet, bei dem sie in Schachtöfen Wasserstoff statt Kokskohle benutzen will. Der Wasserstoff dafür soll von sieben Windkraftanlagen und einem 2,2-Megawatt-Elektrolyseur kommen.

Kieler Professor forscht zu Wasserstoffherstellung durch Blaualgen

„Wie stelle ich Wasserstoff her, damit er wirklich grün ist? Das ist doch die Achillesferse“, sagt Hans-Ulrich Stangen, ehemaliger Betriebsrat bei HDW. Hierzu forscht der Botaniker Rüdiger Schulz von der Christian-Albrechts-Universität. „Organismen wie Cyanobakterien, besser als Blaualgen bekannt, verfügen über das Enzym Hydrogenase“, sagt der Professor. Damit können sie die Energie aus der Photosynthese zur Herstellung von Wasserstoff verwenden.

Um ihn in größeren Dimensionen zu gewinnen, müsste man große Fläche mit Mikroalgen belegen und sie mit Licht bescheinen. „Das ginge auf hoher See.“ Ein Problem ist bislang, dass Sauerstoff den biologischen Prozess hemmt. Eine Forschungsgruppe der CAU glaubt hierfür eine Lösung gefunden zu haben. Die ist allerdings geheim, weil sie noch patentiert werden soll.

Eine weitere Schwierigkeit sei, dass Gentechnik eingesetzt werden müsse. „Dafür ist die Akzeptanz in Europa ganz schlecht. Wir müssten deswegen mit dieser Technik ins Ausland gehen.“ Bis sie Anwendung im großen Stil findet, werden mindestens zehn Jahre vergehen, glaubt Schulz.

Forscher: Politik hat Wasserstoff zu lange ignoriert

„Wir hätten schon viel früher so weit sein können.“ Zu lange habe die Politik das Thema Wasserstoff ignoriert und entsprechende Forschung zu wenig gefördert. „Die Politik muss an die Technik glauben und mit vorsichtigen Subventionen versuchen, sie in den Markt zu bringen. Wasserstoff wird nicht alle Probleme lösen, aber wir werden ihn in der Energiewende an vielen Stellen brauchen.“

Die IG Metall will es nicht allein Politik und Vorständen überlassen, wie solche technologischen Umbrüche gestaltet werden. „Wir wollen laut unsere Stimme erheben, bevor wie bei der Windkraft durch falsche politische Entscheidungen viele Arbeitsplätze verloren gehen“, sagt Schmoliner.

Mit einer Lesung des Autors Tim Koch soll die Veranstaltung am 20. November um 18 Uhr im Kieler Legienhof starten. „Man wird sehen, ob der gesellschaftliche Wandel, der mit der Umstellung auf H2 erfolgen wird, in Form einer Revolution oder einer Evolution vonstattengeht. Vorausgesetzt, er kommt überhaupt“, schreibt er in seinem Buch „Das Supermolekül“. Nachdem die Professoren Andreas Luczak (FH Kiel) und Rüdiger Schulz (CAU) Denkanstöße geliefert haben, soll eine offene Diskussion folgen.

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