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Wirtschaft Wie das Traumhaus zum Albtraum wurde
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13:34 17.06.2019
Von Florian Hanauer
Betroffen von der Insolvenz der Optimal Energiehaus GmbH: Ralph Valtinke aus Müssen (Kreis Herzogtum-Lauenburg) Quelle: Privat
Flintbek.

Rund 5000 betroffene Bauherren, 2400 Geschädigte – darunter viele Handwerker – und ein Mammutverfahren um Steuerhinterziehung, Untreue und Betrug: Die Pleite des Büdelsdorfer Fertighaus-Anbieters IBG 2012 hat bundesweit Schlagzeilen gemacht. Verglichen damit ist die Insolvenz der Optimal Energiehaus GmbH aus Flintbek mit rund 300 Gläubigern und elf Baustellen ein überschaubares Malheur. 

Die Familie Valtinke aus Müssen im Kreis Herzogtum Lauenburg würde diesen Satz nie unterschreiben: Für sie hat sich der Traum vom eigenen Heim zum Albtraum entwickelt. Wie auch andere Betroffene Bauherren meldete sich Ralph Valtinke bei den Kieler Nachrichten – und schilderte bittere Erfahrungen mit Optimal Energiehaus

Drastisch verteuerte Baupreise

Wie berichtet, musste der Hausanbieter im April beim Amtsgericht Kiel Insolvenzantrag stellen. Als wesentlichen Grund nannte der Kieler Rechtsanwalt Reinhold Schmid-Sperber als Insolvenzverwalter „drastisch verteuerte Baupreise.“ Die Kosten für Handwerker seien so stark gestiegen, dass die Einnahmen aus den Hausverkäufen nicht ausreichten, um die Kosten zu decken.

Allerdings spricht Schmid-Sperber heute auch von „Managementfehlern“ und Gesetzesverstößen. So habe die Optimal-Geschäftsführung Zahlungen von Bauherr A benutzt, um finanzielle Probleme auf Baustelle B zu lösen. Derartige Quersubventionierungen sind verboten. 

Das Ehepaar entschied sich für Typ "Vario"

Der Leidensweg der Valtinkes beginnt mit einem eigentlich erfreulichen Ereignis: Im April 2017 unterschreibt das Ehepaar bei Optimal einen Bauvertrag für den Haustyp „Vario“ – auch wegen der gute Möglichkeiten, bei dieser Wahl eigene Vorstellung architektonisch einbringen zu können. Anfang August flattert die Baugenehmigung ins Haus, und schon wenig später rollten die Probleme an. 

Zunächst dauerte nach Angaben der Valtinkes die Baufreimachung des Immobilienmaklers viel länger als versprochen. „Leider“, sagt der Bauherr, „war Optimal nicht in der Lage, auf den Verzug zu reagieren, sodass erst Ende Dezember mit den Arbeiten begonnen werden konnte.“ 

Nach dem Baustart, so die Valtinkes, folgte eine Hiobsbotschaft nach der anderen: Zwischen Weihnachten und Neujahr habe das Bauunternehmen kein Beton bekommen, in der Silvesternacht sei die Baustelle voll Wasser gelaufen. Nachdem die Arbeiten im Februar 2018 weitergingen, kam der Winter und die Valtinkes mussten bis Mai 2018 warten, bis es mit den Mauerarbeiten weiterging.

Falscher Klinker soll geliefert worden sein

Nach dem Richtfest Ende Juni hatten die Bauherren das Gefühl, dass es voranging. Im Juli wurde das Dach gedeckt, doch dann sei es Schlag auf Schlag gekommen. 19 Paletten falscher Klinker seien geliefert, Fenster mit falschen Sicherheitsbeschlägen eingebaut worden. Doch das Schlimmste war die nach Worten Valtinkes „augenscheinlich von Nicht-Fachhandwerkern“ errichtete Klinkerfassade. 

Sie wies seinen Angaben zufolge so gravierende Mängel auf, dass am Abriss der Fassade kein Weg vorbei führte. Zwar wurden die Mängel durch einen Sachverständigen bestätigt und letztlich von Optimal akzeptiert. Doch das half den Valtinkes auch nicht mehr: Optimal ging pleite. Nervlich und finanziell wurde das Bauvorhaben somit zum Desaster: Zwei Jahre nach Abschluss des Bauvertrages steht noch immer nur der Rohbau. Geschätzter Gesamtschaden: ein mittlerer fünfstelliger Betrag. Die Chance, im Insolvenzverfahren Geld wiederzusehen, sind jedoch gleich Null. Schmid-Sperber: „Aus heutiger Sicht wird es keine Quote geben.“ 

Osteuropäische Handwerker tauchten auf

Doch steigende Kosten und „Verfügbarkeitsprobleme“ bei Handwerkern wollen die Valtinkes nicht als Grund für ihren Albtraum akzeptieren. Sie werfen dem Unternehmen mangelnde Planungsqualität vor und vermuten, dass Optimal zu viele Projekte angenommen habe. Bauleiter, „die vor Ort ab und zu auftauchten“, seien augenscheinlich nicht in der Lage gewesen, die Qualität der Handwerker zu bewerten. Zudem berichten die Valtinkes von osteuropäischen Handwerkern, „die mit Fahrzeugen ohne Firmenaufschrift, ohne Bauleiter, ohne Planunterlagen und ohne deutsche Sprachkenntnisse auftauchten“.

Probleme führten zu Kettenreaktionen

Georg Schareck, Hauptgeschäftsführer des Baugewerbeverbandes Schleswig-Holstein, sieht den Mangel an Fachkräften, Kapazitätsprobleme von Baubetrieben und steigende Preise schon als Belastungsfaktor für die gesamte Branche. Andererseits lautet seine Vermutung: „Wenn Probleme auf einzelnen Baustellen zu einer Kettenreaktion führen, die ein Unternehmen in Not bringen, dann muss es einen Fehler im System gegeben haben.“ 

Zu den von der Optimal-Pleite betroffenen Betrieben gehört auch Maurermeister Bernd Erichsen  (*) aus Goldelund (Kreis Nordfriesland). Er wartet bis heute auf einen fünfstelligen Betrag, musste Insolvenz anmelden und hat Strafanzeige gestellt. Sein Vorwurf an die Optimal-Geschäftsführung: Veruntreuung von Baugeldern.

Ende August wollen die Valtinkes umziehen

Der bleibt auch nach der Insolvenz unternehmerisch aktiv: als Geschäftsführer der Rema Bauträger- und Projektentwicklungsgesellschaft mbH in Flintbek. Auf Anfrage räumt der Immobilienunternehmer zwar Fehlentscheidungen ein, weist jedoch den Verdacht zurück, Kunden oder Handwerkern vorsätzlich geschadet zu haben. 

Immerhin: Für die Valtinkes bahnt sich inzwischen ein Ende des Albtraums an. Sie haben in eigener Regie Handwerker beauftragt. Ende August soll der Umzug starten. 

Das müssen Bauherren wissen

Zu einhundert Prozent kann sich kein Bauherr vor negativen Folgen schützen, wenn sein Hausbauunternehmen pleite geht. Doch es gibt Möglichkeiten, die Risiken zu minimieren. „Der beste Schutz vor Insolvenz ist ein Bauunternehmen, das vollständig in Vorleistung geht und erst mit Fertigstellung des Bauwerkes eine Gesamtzahlung fordert“, sagt Michael Herte von der Verbraucherzentrale Schleswig-Holstein. Ansonsten sollten Verbraucher darauf achten, dass die Abschlagszahlungen nach dem Zahlungsplan auch dem tatsächlichen Baufortschritt entsprechen. Zusätzlich absichern können sich Bauherren mit dem Abschluss einer Fertigstellungsbürgschaft, das heißt, eine Bank oder Versicherung bürgt dafür, dass das Haus auch gebaut wird, beziehungsweise übernimmt bei Ausfall des Unternehmens die zusätzlichen Kosten. Hier gelte es aber, genau in die Bedingungen zu schauen und zu vereinbaren, dass die Versicherungspolice auch dem Bauherren übergeben wird – sonst kann im Schadensfall keine Leistung verlangt werden.

(*) In einer früheren Version haben wir fälschlicherweise berichtet, die Gebr. Erichsen GmbH, ebenfalls mit Sitz in Goldelund, sei insolvent. Das trifft nicht zu. Wir haben den Artikel aktualisiert und bitten, den Fehler zu entschuldigen.

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