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Wirtschaft „Bei vielen geht es um die Existenz“
Nachrichten Wirtschaft „Bei vielen geht es um die Existenz“
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07:00 06.11.2016
Von Ulf Billmayer-Christen
Er sieht viele Reeder unter Druck: Ralf Nagel (57) war früher Wirtschaftssenator in Bremen und einst SPD-Staatssekretär im Bundesverkehrsministerium. Quelle: Frank Krems

Herr Nagel, wie ist die aktuelle Lage auf dem Schifffahrtsmarkt?

Ralf Nagel: Von der boomenden Kreuzschifffahrt einmal abgesehen, sind die Fracht- und Charterraten in den meisten Schifffahrtsmärkten nicht auskömmlich. Vor allem Massengut- und Containerschiffe können häufig nur ihre Betriebskosten decken. Zins und Tilgung zu zahlen, ist vielen Unternehmen derzeit nicht möglich. Weltweit liegen rund 400 Containerschiffe mit Stellplätzen für mehr als 1,5 Millionen Container ohne Beschäftigung auf.

Wie sieht es im Segment der eher mittelgroßen Frachter mit 4000 bis 9000 Container-Stellplätzen aus?

Ein pauschale Antwort kann ich darauf nicht geben. Auf der wichtigen Handelsroute zwischen Asien und Europa ist die Gefahr am größten, von Mega-Containerschiffen verdrängt zu werden. Diese können einen Container günstiger transportieren, müssen dafür aber auch voll beladen sein. In anderen Regionen der Welt sind Häfen und Wasserstraßen gar nicht für besonders große Schiffe geeignet. Wichtige Fragen sind auch: Wie alt ist das Schiff? Wieviel Brennstoff verbraucht es?

Haben solche mittelgroßen Frachter Zukunft, gerade nach der Eröffnung des neuen Panamakanals?

Die für die alten Schleusen optimierten Panamax-Schiffe stehen unter einem besonders starken Wettbewerbsdruck. Denn durch die verbreiterten Schleusen können jetzt noch größere Schiffe den Kanal befahren. Sich in einem solchen Marktumfeld zu behaupten, ist eine enorme Herausforderung. Im achten Krisenjahr geht es bei vielen Reedereien, auch weit über die Containerschifffahrt hinaus, ums wirtschaftliche Überleben, um die Existenz.

Was bedeutet das für die Reedereien in Deutschland?

Die Zahl der deutschen Handelsschiffe ist seit 2012 um ein Viertel zurückgegangen. Der Rückzug wesentlicher Banken aus der Schiffsfinanzierung hat den Spielraum für Investitionen massiv verringert. Gleichzeitig geraten immer mehr Bestandsschiffe in extreme Schieflage und müssen verkauft werden. Wir verlieren viele relativ neue Schiffe an ausländische Unternehmen, vorwiegend aus Griechenland, die sie dann zu günstigeren Konditionen einsetzen können. Zudem baut China seine Handelsflotte trotz der globalen Überkapazitäten aus strategischen Gründen weiter aus. Die Folge: Die Märkte geraten noch stärker unter Druck. Es droht der Verlust von Arbeitsplätzen, Wertschöpfung und letztlich auch der maritimen Kompetenz am Standort Deutschland.

Wann ist mit einem Ende der Krise zu rechnen?

Dazu müssen Angebot und Nachfrage wieder in ein besseres Verhältnis zueinander kommen. Die Neubestellungen weltweit sind auf dem niedrigsten Stand seit 35 Jahren. Vor allem die deutschen Reeder haben in den letzten Jahren massiv auf die Bremse getreten. Gleichzeitig werden so viele Schiffe verschrottet wie noch nie zuvor. Wenn jetzt auch noch die Weltwirtschaft wieder anzieht, besteht zumindest die Chance auf eine Erholung der Märkte. Mit ihrer vergleichsweise jungen Flotte und klugen Köpfen an Land sind deutsche Reedereien gut im Wettbewerb aufgestellt. Entscheidend für den Erhalt der Schifffahrt in Deutschland ist es, keine zusätzlichen Hürden durch nationale oder europäische Sonderregeln zu schaffen.

Interview: Ulf B. Christen

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