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Wirtschaft Präsident spricht von Wendepunkt
Nachrichten Wirtschaft Präsident spricht von Wendepunkt
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00:15 25.02.2014
Von Jörn Genoux
Der ehemalige Präsident der Europäischen Zentralbank (EZB), Jean-Claude Trichet, spricht am Sonnabend beim Festakt zum 100-jährigen Bestehen des Instituts für Weltwirtschafts (IfW) im Rathaus von Kiel. Das am 20. Februar 1914 in Kiel gegründete Institut ist eine der nahmhaftesten Forschungseinrichtungen seiner Art in Deutschland. Quelle: dpa
Kiel

Vom Königlichen Institut zum global ausgerichteten Forschungszentrum mit internationaler Wirkung: Mit einem großen Festakt wurde am Sonnabend das Jubiläum des Kieler Instituts für Weltwirtschaft (IfW)  begangen. Jean Claude Trichet, der ehemalige Präsident er Europäischen Zentralbank (EZB), blickte in seiner Festrede nicht zurück, sondern machte sich Gedanken über die Weiterentwicklung der Europäischen Union und der Euro-Zone.

Obwohl Europa derzeit die schwerste Krise seit dem Zweiten Weltkrieg durchlebe, halte die europäische Gemeinschaftswährung den Herausforderungen stand, stellte Trichet zunächst fest. „Aber wir brauchen auf EU-Ebene ganz neue Entscheidungsprozesse, wenn ein Land sich nicht an die Regeln hält“, sagte er. Notwendige Anpassungsmaßnahmen in Krisenländern wie zum Beispiel das Einfrieren der Ausgaben sollten künftig auf EU-Ebene beschlossen werden. Aber dabei solle das Europäische Parlament intensiv mit einbezogen werden und bei der Einführung solcher Maßnahmen dann „das letzte Wort haben“. So könne es gelingen, auf europäischer Ebene mehr Demokratie zu verankern. Trichet geht davon aus, dass über die engere Beteiligung des EU-Parlaments auch die Akzeptanz schmerzhafter Reformen in den betroffenen Ländern und in Europa insgesamt gesteigert werden kann.

Mit einem Festakt hat das Kieler Institut für Weltwirtschaft am Sonnabend sein 100-jähriges Bestehen gefeiert. Unter den 300 Gästen im Rathaus waren Ministerpräsident Torsten Albig und der frühere Präsident der Europäischen Zentralbank, Jean-Claude Trichet. Das Institut stehe an der Spitze der ökonomischen Forschung und sei für Schleswig-Holstein ein echter Standortfaktor, sagte Albig (SPD). Das IfW wurde am 20. Februar 1914 als Königliches Institut für Seeverkehr und Weltwirtschaft gegründet. Es ist eine der namhaftesten Forschungseinrichtungen dieser Art in Deutschland. Präsident ist seit zehn Jahren der Amerikaner Dennis J. Snower.

 Der Präsident des Kieler Instituts, Dennis Snower, sieht angesichts der vielfältigen globalen Herausforderungen die Wirtschaftswissenschaft an einem „historischen Wendepunkt“. Denn es gebe ein sich verstärkendes Spannungsfeld zwischen der Internationalität von Märkten und den Bindungen der Menschen an ihre jeweiligen Länder und Regionen. „Die Wirtschaftswissenschaft muss sich ändern, um dieses Spannungsfeld besser zu verstehen“, sagte er. Nur dann könne sie „gute Beratung“ leisten. Und das sei auch eine „zentrale Mission“ des Instituts. Von den alten Rechts-Links-Debatten, die über Jahrzehnte die Ökonomie beherrschten, hält Snower gar nichts.

Als Wissenschaftler will er nicht nur Märkte und deren Funktionsweisen erforschen und erklären, sondern zunehmend auch die Felder erkunden, in denen Märkte komplett versagen, beispielsweise den Klimawandel. Das bedeutet vor allem: den Menschen wieder mehr in die Betrachtungen mit einzubeziehen. Denn die Ökonomie habe mit dem Homo oeconomicus, der nach seinem individuellen Nutzen strebt, den Menschen fast „auf eine Nebenrolle degradiert“; durch die zunehmende Spezialisierung sei das Fach „menschenlos geworden“, sagte Snower. Der IfW-Präsident hat das an seinem Institut schon geändert und forciert die Kooperation mit anderen Disziplinen. Snower erinnerte auch an die Vertreibung herausragender Forscher aus Kiel durch die Nazis: „Forschung ohne ethisches Fundament muss scheitern.“

Ministerpräsident Torsten Albig  würdigte in seiner Ansprache die große internationale Bedeutung des IfW: „Das Institut für Weltwirtschaft sorgt mit dafür, dass Kiel und Schleswig-Holstein auf der internationalen Landkarte der Wissenschaft und Forschung eingezeichnet sind. Für uns in Schleswig-Holstein ist das Institut für Weltwirtschaft ein echter Standortfaktor.“ Es stehe an der Spitze der ökonomischen Forschung.  Es sei wichtig, dass es auch in Zukunft mit Kreativität und Mut seine Positionen vertrete, die Position an der Spitze der weltweiten ökonomischen Forschung behaupten und sogar noch ausbauen könne. Es könne nicht sein, so Albig, dass es als eines der Top-10-Institute weltweit nicht mehr am Gemeinschaftsgutachten der Bundesregierung beteiligt sei, sagte der Ministerpräsident in Richtung Berlin. Und EU-Kommissionspräsident José Manuel Barroso und Finanzminister Wolfgang Schäuble würdigten jeweils in ihren per Video übermittelten Grußbotschaften die hohe Bedeutung der Kieler Experten für ihre Arbeit.

Am IfW arbeiten derzeit rund 170 Personen, davon 100 Wissenschaftler. Seinen Etat von zwölf Millionen Euro tragen der Bund und die Bundesländer, ein knappes Viertel der Mittel kommt derzeit aus Drittmitteln. Es ist als sogenanntes „An-Institut“ der Christian-Albrechts-Universität angegliedert, jedoch kein Teil der Uni. In den kommenden Monaten wird das Jubiläum mit einer Reihe von weiteren Veranstaltungen begangen (www.100.ifw-kiel.de).