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Wirtschaft Werften bangen um Jacht-Aufträge
Nachrichten Wirtschaft Werften bangen um Jacht-Aufträge
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00:16 24.03.2014
Von Frank Behling
Die russische Mega-Jacht A wurde bei HDW in Kiel gebaut. Quelle: FB
Kiel

Das Schicksal der Holtseer Meierei droht auch den Werften im Land: Vor wenigen Tagen war der Meierei ein Großauftrag aus Russland gekündigt worden. 4000 Tonnen Käse sollten mit Lkw und Fähren von Holtsee nach Russland geliefert werden. Bei einer „kurzfristigen“ Inspektion beanstandeten russische Kontrolleure in Holtsee „gravierende Mängel“ bei der Hygiene und stornierten den Auftrag. „Das klingt schon sehr merkwürdig und wirkt vorgeschoben“, sagt Michael Fröhlich, Hauptgeschäftsführer des Unternehmensverbandes Nord (UV Nord). Das Beispiel Holtsee zeige, wie schnell die Krim-Krise auch auf die regionale Wirtschaft in Schleswig-Holstein durchschlage, so Fröhlich.

 In den Docks in Kiel, Schacht-Audorf, Rendsburg und Wewelsfleth sind derzeit sechs Mega-Jachten in Bau, ein Teil davon für den russischen Markt. Tausende Jobs hängen an den Aufträgen. Im Dock 8 von Abu Dhabi Mar in Kiel wird der Rumpf der 130-Meter-Jacht „White Pearl“ montiert. Auftraggeber ist ein Russe. Nächste Woche wird in Hamburg eine Mega-Jacht für einen russischen Oligarchen auf Probefahrt geschickt. „Es ist deutlich eine Verunsicherung im Markt zu spüren. Die russischen Kunden reagieren mit Zurückhaltung“, sagt ein Manager aus der Broker-Szene, die neue Aufträge vermittelt. Namen wie Andrej Melnichenko, Roman Abramovich, Mikhail Prokhorov oder Alisher Usmanov stehen in den Kundenlisten der deutschen Werften. Bislang findet sich noch keiner dieser Namen auf der Liste der EU-Sanktionen. Doch die Liste von 21 russischen Politikern und Wirtschaftsbossen soll erweitert werden. Die EU berät seit gestern in Brüssel über die Ausdehnung der bereits bestehenden Reisebeschränkungen und Kontosperrungen auf weitere Personen. Die Annexion der Krim verstoße „gegen alle internationalen Verträge“, sagte Merkel vor dem EU-Gipfel. „Wir werden sehr deutlich machen, dass wir auch bei weiterer Eskalation bereit sind, wirtschaftliche Sanktionen einzuführen“, betonte die Kanzlerin. Auch die USA erhöhten den Druck auf Moskau und froren weitere Konten von Russen ein.

 „Sanktionen bringen Unsicherheit in den Markt. Und Unsicherheiten sind Gift für die Wirtschaft. Wir können mit Blick auf die Werften nur hoffen, dass sich die Lage schnell wieder entspannt“, sagt Martin Kruse von der IHK zu Kiel. Wie dramatisch die Situation ist, zeigte sich gerade in Hamburg: Ein für Montag geplanter Werft-Besuch der Delegation eines Auftraggebers für den Bau einer 70-Meter-Jacht wurde über Nacht storniert.