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Wirtschaft Kieler Schneiderin: "Unser Beruf wird aussterben"
Nachrichten Wirtschaft Kieler Schneiderin: "Unser Beruf wird aussterben"
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06:04 01.11.2019
Von Karen Schwenke
Die Meisterin und ihre Auszubildenden: (von links) Tessa Schwarz, Angela Ziemer, Alena Plock und Edith Krzyzskowiak Quelle: Thomas Eisenkrätzer
Kiel

Acht fleißige Hände, sechs Nähmaschinen, haufenweise bunte Stoffe, Stecknadeln und Garnrollen: Die Meisterin Angela Ziemer und ihre Gesellin geben das überlieferte Wissen an zwei Auszubildende weiter.

205 Euro – so viel bekommen die Auszubildenden im ersten Lehrjahr. Nun hat der Bundestag ein Gesetz verabschiedet, nach dem Azubis monatlich mindestens 515 Euro verdienen. "Das können sich die Maßschneiderbetriebe nicht mehr leisten", sagt Meisterin Ziemer. "Wir sind alles Kleinstbetriebe und würden unseren Auszubildenden gern mehr bezahlen, aber es geht wirtschaftlich schlichtweg nicht, weil wir mit der Modebranche eine industrielle Konkurrenz haben. Es ist schwierig für uns, höhere Preise zu rechtfertigen, wenn alle anderen Anbieter in Billiglohnländern produzieren lassen."

Azubis in Kiel werden von den Eltern finanziell unterstützt

An dem großen Zuschneidetisch zeigt Angela Ziemer ihren Auszubildenden gerade, wie sie Ärmel exakt in ein Oberteil einsetzen. Tessa Schwarz (21) ist im zweiten Lehrjahr, Alena Plock (20) im ersten. Beide kommen mit dem kleinen Verdienst nur über die Runden, weil sie von ihren Eltern unterstützt werden. 500 Euro geben die Eltern von Tessa Schwarz obendrauf, damit sie die 400 Euro für ihr WG-Zimmer zahlen kann und die Fahrten zum Berufsschulunterricht nach Lübeck. Außerdem jobbt die 21-Jährige noch jeden Samstagmorgen auf dem Wochenmarkt, "weil ich keine Lust habe, nur Nudeln zu essen". Das Ausbildungsgehalt von 245 Euro im zweiten Lehrjahr reicht vorne und hinten nicht.

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Und trotzdem: "Ich bin total happy mit der Ausbildung. Den Beruf macht man ja nicht, weil man viel Geld verdienen will, sondern weil man Spaß haben will. Es ist ziemlich motivierend, am Ende des Tages zu sehen, was man Tolles gemacht hat", erzählt sie und heftet ein Stück Stoff in ein Armloch. Nach dem Abitur hat sie zunächst drei Semester Architektur studiert,"„wo ich mich am Ende nur noch hingequält habe". Sie ist überzeugt: Um mehr junge Menschen für das Handwerk zu begeistern, brauche es keine Mindestausbildungsvergütung, sondern: "Man müsste in der Schule ansetzen. Für mich kam nach dem Abi erst gar keine Ausbildung infrage, weil wir auf dem Gymnasium in Eutin immer zu hören bekamen: ,Strengt Euch an, damit ihr studieren könnt und am Ende nicht als Bäcker endet.’ Ihr gesamtes Umfeld sei skeptisch gewesen, als sie den Wunsch äußerte, ein Handwerk zu lernen.

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Wenige Lehrbetriebe, viele Bewerber im Handwerk

Alena Plock, die nach ihrer Fachhochschulreife als Au-pair-Mädchen in Kanada war, hatte zwar von Anbeginn familiären Zuspruch für ihre Ausbildungswahl, musste aber "bestimmt 40 bis 50 Bewerbungen schreiben", um einen Ausbildungsplatz zu bekommen. Jetzt steht sie strahlend an dem Bügelbrett und dämpft einen halbfertigen Blazer. "Ich habe schon früher gern geschneidert."

Meisterin Ziemer weiß, wie beliebt der Beruf bei jungen Frauen ist: "Wir haben viel zu wenig Lehrbetriebe und müssen vielen Berwerbern absagen. Das wird sich durch die Anhebung der Ausbildungsvergütung noch dramatisch zuspitzen."

Wenn die Ausbildungsplätze wegfallen, dann werde nur noch eine schulische Ausbildung möglich sein, meint Angela Ziemer. Private Modeschulen etwa in Hamburg ließen sich das mit 500 bis 1000 Euro pro Monat gut bezahlen. Die Akademisierung mache schon jetzt vor dem Handwerk nicht halt, sagt sie.

Gewerkschaft und Handwerk brachen Gespräche ab

Auch ihre beiden aktuellen Azubis wollen nach der Ausbildung studieren. Bis das soweit ist, werden sie noch zum alten, geringen Salär beschäftigt sein. Denn ihre Verträge wurden vor Inkrafttreten des Mindestlohns abgeschlossen. Ihre Meisterin hatte die leise Hoffnung, dass die beiden doch nicht ihre letzten Azubis gewesen sein könnten. Wenn sich das Schneiderhandwerk mit der IG-Metall auf einen tariflichen Ausbildungslohn einigt, kann dieser auch unter dem gesetzlichen Mindestlohn liegen. Dann wären die Ausbildungsbetriebe aus dem Schneider.

Doch entsprechende Gespräche hat die Gewerkschaft jetzt abgebrochen, wie ein Sprecher auf Nachfrage mitteilte. "Das ist das Aus für den Traditionsberuf", befürchtet die Innungsmeisterin. Sie und einige andere tapfere Schneider wollen trotzdem weitermachen. Ohne Azubis.

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Der vom Bundestag beschlossene Mindestlohn für Auszubildende ist im schleswig-holsteinischen Handwerk auf scharfe Kritik gestoßen. Die betriebliche Ausbildung werde quasi unmöglich gemacht. Nach dem Parlamentsbeschluss sollen Auszubildende ab 2020 mindestens 515 Euro im ersten Lehrjahr verdienen.

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