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14:13 15.12.2018
213 Pakete hat Jörg Brumann in seinem Fahrzeug verstaut. Quelle: Moritz Frankenberg
Wunstorf

Es ist gar nicht so einfach, Jörg Brumann zu befragen. Der Zusteller belädt gerade in der DHL-Basis in Wunstorf seinen Iveco-Transporter. Was ihn an seinem Job nervt? „Hier in der Halle nervt mich gar nichts“, sagt er zwischen zwei Paketen. Draußen auf der Straße, da gebe es aber Einiges. Bevor er weiterreden kann, schiebt das Förderband ein halbes Dutzend Kartons in seine Richtung. Brumann greift zu und verschwindet wieder im Laderaum seines Transporters.

„Die Leute bestellen und bestellen und gehen einfach davon aus, dass wir es bei den Nachbarn abgeben“, schimpft der 52-Jährige, als er wieder auftaucht. „Es gibt Kunden, die nie zu Hause sind.“ Brumann muss dann nacheinander bei mehreren Nachbarn klingeln und hoffen, dass er das Paket dort loswird. Falls nicht, muss er es wieder in seinem Transporter verstauen und später in einer Filiale hinterlegen. All das kostet Zeit – Zeit, die er nicht hat.

Erst Recht nicht vor Weihnachten. Normalerweise fahren Brumann und seine Kollegen in Wunstorf pro Tag rund 2000 Sendungen aus, an diesem Dienstag im Dezember werden es 3600 sein. Wer wissen will, wie eigentlich die Zusteller die Paketflut bewältigen, muss sich hinten anstellen. Nach und nach wird aber klar: Viele Boten machen den Job auch nach Jahrzehnten noch gern. Doch der ständige Kampf gegen die Uhr macht selbst den Routiniers zu schaffen. Und viele Anfänger geben nach ein paar Tagen schon auf.

Keine Zeit zum Einparken

Brumann zum Beispiel trägt schon seit 18 Jahren Pakete aus. Er kennt fast alle Zustellbezirke in Wunstorf bestens. Und doch hat er unterwegs nicht die Zeit, seinen Transporter in eine Parklücke zu bugsieren. „Da denke ich gar nicht dran“, sagt er. Rückwärts einzuparken koste nicht nur wertvolle Minuten. Die Gefahr sei auch zu groß, „einen Zaun wegzuputzen oder ein Carport anzuditschen“. Lieber hält er in der zweiten Reihe.

Ihm ist klar, dass das viele Autofahrer aufregt. Er wurde schon oft genug angehupt. „Das sind dann die Leute, die auf ihr Paket warten“, sagt er. Was soll er auch tun? Der Online-Handel legt jedes Jahr um zehn Prozent zu, doch DHL und die anderen Logistikfirmen finden kaum Verstärkung. Also müssen die bestehenden Zusteller in der bestehenden Zeit mehr schaffen.

Noch mehr ärgert sich Brumann über den Vorwurf, dass manche Boten angeblich nicht beim Empfänger klingeln, sondern einfach einen Abholzettel in den Briefkasten werfen, um sich das Treppensteigen zu sparen. „Ich klingele immer, meine Kollegen klingeln alle“, betont er. Selbst erlebt habe er etwas ganz anderes: Kunden, die ein Paket annehmen – und danach behaupten, sie hätten keines bekommen. „Dann bin ich in der Beweispflicht“, sagt er.

Mittlerweile hat Brumann 213 Pakete eingeladen, es geht los. Auch auf der Straße verschwendet er keine Zeit – er rast nicht, beschleunigt aber entschieden. Seine erste Station ist eine Klinik. Ein paar Sekunden braucht er, um ein halbes Dutzend Paketen auf seine Sackkarre zu laden, ein paar Sekunden durch zwei Türen bis zur Poststelle.

Mineralwasser, Brennholz, Katzenstreu

Danach geht es zu einer Packstation auf dem Gelände einer Tankstelle. Aus Brumanns Sicht sollten Kunden, die selten zuhause sind, ihre Pakete zu diesen Kästen schicken lassen und dort abholen. „Das ist eine sichere Sache“, sagt er, als er die Pakete in die Fächer schiebt. Kunden mit eigenem Grundstück empfiehlt er einen „Ablagevertrag“, mit dem sie DHL die Erlaubnis geben, Pakete in den Schuppen oder die Garage zu legen.

Auch Brumanns Kollegen wundern sich manchmal über das Verhalten einiger Kunden. Leute bestellen Brennholz, Katzenstreu, Mineralwasser oder Stroh im Internet, sagt einer der Zusteller. Auch von Studenten, die ihren Umzug per Post erledigen, hört man in der Zustellbasis.

Dass Zusteller mal etwas falsch machen, bestreiten die Wunstorfer aber auch nicht. „Das Problem ist immer dasselbe“, sagte einer. „Wir finden kaum Leute, und haben kaum Zeit, die Anfänger einzuarbeiten. Dann passieren Fehler.“ Viele Neulinge unterschätzten den Job, könnten den Handscanner nicht bedienen oder zu wenig Deutsch.

Trotz allem: Brumann würde keinen anderen Job machen. Aufgrund seiner Dienstjahre verdiene er doppelt so viel wie ein Anfänger, sagt er. Und der Job sei sicher, weil ein Ende des Trends zum Online-Kauf nicht in Sicht ist: „Wenn man keine goldenen Löffel klaut, kann man hier alt werden.“

Klassengesellschaft: Arbeitsbedingungen von Zustellern

Immer wieder gibt es Berichte über schlechte Arbeitsbedingungen in der Paketbranche. Man muss dabei allerdings unterscheiden zwischen großen Logistikfirmen wie DHL und UPS und kleinen Subunternehmen, die häufig für DPD oder Hermes unterwegs sind. DHL zahlt nach eigenen Angaben im ersten Jahr 13,38 Euro pro Stunde, danach steigt der Lohn von Jahr zu Jahr. Hinzu kommen Weihnachtsgeld und Urlaubsgeld. Die Arbeitszeit liegt bei 38,5 Stunden. Bei der DHL-Tochtergesellschaft Delivery sind die Bedingungen etwas schlechter, Anfänger verdienen hier knapp unter 12 Euro pro Stunde.

Berichte über Ausbeutung betreffen meist Subunternehmer von Hermes oder DPD. Bei der hannoverschen „Beratungsstelle für mobile Beschäftigte bei der Bildungsvereinigung Arbeit und Leben“ melden sich immer wieder Zusteller aus Polen und Rumänien, die unbezahlte Überstunden leisten mussten und nicht einmal den Mindestlohn erhalten haben. Um das zu vertuschen, fälschen die Subunternehmer auch Abrechnungen, sagt Katarzyna Zentner, Leiterin der Beratungsstelle.

Von Christian Wölbert

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