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Wirtschaft Der Spion in der Hosentasche
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16:59 08.09.2013
Von Tanja Köhler
Auch wenn das Smartphone nicht aktiv genutzt wird sammelt es unentwegt Daten. Quelle: fotolia
Kiel

Das Smartphone ist aus dem Alltag nicht mehr wegzudenken: Nachdem es einen morgens geweckt hat, informiert es prompt über die Geburtstage von Freunden und sonstige wichtige Termine. Über den Tag verteilt, hält es einen über Facebook und Whatsapp auf dem Laufenden. Und dann verwaltet es auch noch unzählige Fotos und Videos. Das alles ist praktisch. Doch die Reduzierung auf ein Gerät birgt auch Risiken.

 Spätestens seit Handys smart geworden sind, sammeln sie unentwegt Daten: „Apple und Google wissen ganz genau, mit wem ich zuletzt telefoniert, was ich über mein Smartphone eingekauft und welche Webseite ich aufgerufen habe“, sagt Boris Wita von der Verbraucherzentrale Schleswig-Holstein. Sind die Ortungsdienste beim iPhone oder einem Android-Gerät aktiviert, liegen zudem noch Informationen über den aktuellen Aufenthaltsort vor. Der GPS-Chip im Smartphone zeichnet wie ein Spion jede Bewegung auf.

 Grundlegend schlecht sind die Ortungsdienste nicht: Apple und Google nutzen die Funktion beispielsweise, um den Smartphone-Besitzern einen lokalen Wetterbericht anzuzeigen, ihm Hinweise zu Verkehrsbehinderungen zu geben oder Restaurants in seiner Nähe zu empfehlen. Davon profitiert der Nutzer. Doch der Preis für diese standortbezogenen Dienste ist hoch: Google und Apple können aus den Daten herleiten, wo die Nutzer zu Hause sind und wo sie arbeiten. Dazu muss der Nutzer nicht einmal seine Adressen preisgeben. Wer sich regelmäßig über Nacht acht Stunden an einem Ort aufhält, ist automatisch „zu Hause“. Wer wochentags immer mehrere Stunden an einem Ort verbringt, ist am Arbeitsplatz.

 Wie viele Bewegungsdaten gesammelt werden, macht Apple mit dem kommenden Software-Update auf iOS 7 (erscheint voraussichtlich am 10. September) sichtbar. In der Funktion „Häufige Orte“ soll minutengenau aufgelistet werden, wer sich wann wo wie lange aufgehalten hat. Wenn also Lars Schmidt im vergangenen Monat 25 Mal ins Büro fuhr und dabei immer sein iPhone in der Hosentasche hatte, wird Apple den Ort als Arbeitsplatz auf einer Karte markieren und darunter 25 Mal die exakte Ankunfts- und Abfahrtszeit anzeigen.

 Anders als beim Herbst-Update im Jahr 2011, bei dem Apple die systematische Katalogisierung der Aufenthaltsorte den Nutzern verheimlicht hatte, geht das Unternehmen diesmal offensiv mit der Datensammelwut der Smartphones um. Es bietet in seinen Datenschutzeinstellungen unter Ortungsdienste und Systemdienste einen Schalter an, der die regelmäßige Ortung unterbinden soll und mit dem der Verlauf gelöscht werden kann. Apple führt gleichzeitig aber auch gute Gründe an, den Schalter nicht umzulegen. Das Unternehmen wolle die Koordinaten nur dazu nutzen, andere standortbezogene Produkte und Dienste zu verbessern. Anonymisiert – versteht sich.

 Thilo Weichert, Leiter des Unabhängigen Landeszentrums für Datenschutz Schleswig-Holstein, rügt diesen Ansatz: „Eigentlich sollte der Nutzer entscheiden, ob er den Dienst aktivieren möchte. Momentan aber schalten die Unternehmen die Dienste automatisch frei und die Nutzer müssen sie im Nachhinein deaktivieren.“ Erschwerend komme hinzu, dass das Deaktivieren mit einem großen Aufwand verbunden sei: „Die Nutzer müssen sich durch die ganzen Einstellungen wühlen, bis sie die richtige gefunden haben.“

 Bei Google ist das nicht anders. Der Suchmaschinenriese visualisiert die Bewegungsprofile seiner Nutzer bereits im „Standortverlauf“. Über den Dienst werden alle Bewegungen eines Smartphones oder Tablet-PCs registriert, auf dem sich der Nutzer mit seinem Google-Konto angemeldet hat. Wer sein Bewegungsprofil einsehen möchte, bekommt auf der Webseite www.google.com/locationhistory die Möglichkeit dazu. Deaktivieren kann der Nutzer den Dienst – die bereits katalogisierten Bewegungen löschen allerdings nicht.

 Ähnliche Informationen sammelt Google über den erweiterten Suchmaschinendienst „Google Now“. Das Programm verspricht den Nutzern, sie bei der Planung des Tagesablaufes zu unterstützen. Gibt es einen Stau auf dem Heimweg? Wie komme ich am schnellsten von Termin A zu Termin B? Und wie hat mein Lieblingsverein gerade gespielt? Dazu muss Google auf die Ortungsfunktion zugreifen. Doch nicht nur das: Für die Anwendung zieht sich der Internetdienstleister auch Daten aus dem Kalender und dem E-Mail-Account.

 Daten- und Verbraucherschützer schlagen Alarm. Zum einen, weil die Unternehmen durch die Dienste einen erschreckend detaillierten Einblick ins Privatleben eines jeden Einzelnen bekommen. Zum anderen, weil alle Daten, die das Smartphone sammelt, theoretisch auch woanders mitgelesen werden können. „Gerade bei amerikanischen Dienstleistern kann man sicher sein, dass die NSA auf die Metadaten zugreifen kann“, sagt Schleswig-Holsteins oberster Datenschützer Thilo Weichert. Hierzulande finden sich andere Interessenten.

 Für Dritte sind Smartphones mit aktivierten Ortungsdiensten eine wahre Fundgrube: Das Handy verrät ihnen binnen weniger Minuten viele Einzelheiten über das Privatleben des Eigentümers. Die Polizei könnte beispielsweise prüfen, ob sich das Alibi mit dem Bewegungsprofil deckt. Kriminelle hingegen könnten aus den Daten herauslesen, ob der Eigentümer gerade arbeitet – und währenddessen in aller Ruhe seine Wohnung leerräumen.

 Auch für die Wirtschaft sind die standortbezogenen Nutzerdaten Gold wert. „Je mehr die Unternehmen über ihre Nutzer wissen, desto gezielter können sie ihre Produkte bewerben und verkaufen“, sagt Verbraucherschützer Boris Wita. Gut 250 Euro sind den Unternehmen die Datensätze wert. Offiziell zugeben will das aber niemand. Der Nutzer merkt es nur, wenn ihm seine Smartphone-Apps maßgeschneiderte Produkte oder Dienstleistungen empfehlen – frei nach dem Motto: Das könnte Sie interessieren.

 Gegen die Datensammelwut können sich die Nutzer wehren. Wer nicht auf Schritt und Tritt verfolgt werden möchte, sollte die Ortungsdienste deaktivieren. Datenschützer Thilo Weichert empfiehlt darüber hinaus: „Wägen Sie immer ab, welche App auf Ihre Daten zugreifen darf.“ Eine Spiele-App braucht keinen Zugriff auf die Ortsdaten und Kontakte. Eine App zur Navigation hingegen wird kaum ohne die Standortbestimmung funktionieren. Und: Ein Mikrofon muss nicht im Stand-by-Modus funktionieren. Dies würde Hackern die Möglichkeit bieten, die Privatsphäre der Handynutzer auszuspionieren.