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Nachrichten Wirtschaft Monika Grickschat bekommt Rechnungen ohne Bestellung
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17:00 30.07.2019
Von Anne Holbach
Insgesamt 40 Rechnungen bekam Monika Grickschat aus Boksee (Kreis Plön) und musste sich bei jedem einzelnen Händlern melden. Quelle: Ulf Dahl
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Boksee

„Nach der zweiten oder dritten Rechnung bin ich zur Polizei gegangen“, sagt Grickschat. Damit hat sie alles richtig gemacht. „Die Strafanzeige bei der Polizei ist ein wichtiger Schritt. Nur so können die Ermittlungsbehörden feststellen, ob es sich bei diesen Fällen um massenhaften Betrug handelt“, sagt Boris Wita von der Verbraucherzentrale.

Seien auch Konten oder Kreditkarten betroffen, komme es darauf an, möglichst schnell die Bank zu informieren und die Konten sperren zu lassen.

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Betrüger bestellten vor allem Kosmetika

Knapp 2000 Fälle von Warenkreditbetrug mittels Internet – zu denen diese Masche zählt – gab es laut Kriminalstatistik im vergangenen Jahr in Schleswig-Holstein. Bei wie vielen es sich um Identitätsdiebstahl handelt, ist nicht erfasst.

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In Grickschats Fall orderte ein Benutzer namens „Gaimu Sakura“ (übersetzt Kirschblüte), der eine Vorliebe für Kosmetik und Körperwohlseins-Produkte hatte. „Es waren ganz viele Anti-Aging-Produkte dabei. Die Täter müssen vielleicht gewusst haben, dass ich schon etwas älter bin“, sagt die 65-Jährige.

„Ich habe das als große Belästigung empfunden“

Rund 40 Rechnungen und Mahnungen landeten in ihrem Briefkasten – sowohl von bekannten als auch von kleineren Onlinehändlern. Jedes Mal musste sie die Firmen anrufen und ihnen schriftlich mitteilen, dass sie die Waren nicht bestellt hatte. Kopien der Bescheinigung über die polizeiliche Anzeige und Briefmarken hatte sie schon bereitliegen.

„Ich habe das als große Belästigung empfunden“, sagt Grickschat. „Und war genervt von der Mühe, die mir das gemacht hat.“ Sie sei immer in Habachtstellung gewesen, wenn sie zum Briefkasten ging. Erst nach drei Monaten war der Spuk vorbei. Im Juli kam noch eine Mahnung, in der mit einer Inkassofirma gedroht wurde.

Daten bekamen Betrüger möglicherweise über Phishing-Mail

Wie die Betrüger an ihre Daten gekommen sind, weiß sie nicht. „Vielleicht haben sie einfach das Telefonbuch aufgeschlagen und einen Namen rausgesucht“, sagt sie. Im Verdacht hat sie auch eine Mail von der Telekom, in der ihr mitgeteilt wurde, dass ihr Konto gehackt worden sei. Möglicherweise handelte es sich dabei um eine Phishing-Mail.

Die Bestellbeträge lagen meist zwischen 150 und 250 Euro, nur eine Rechnung für über 600 Euro sei dabei gewesen, erzählt Grickschat. Das passiere häufig, habe ihr die Polizei gesagt, weil Händler bei höheren Beträgen schneller kontrollierten. „Acht oder neun Firmen waren wegen der Mailadresse, die benutzt wurde, misstrauisch geworden und haben bei mir nachgefragt, ob ich wirklich etwas bestellt habe.“

Empfangsadressen werden verschleiert

Den Betrügern über die Lieferadresse auf die Schliche kommen, ist nicht so einfach. „Ermittler haben die Möglichkeit, auf die gespeicherten Daten der Online-Dienstleister für diesen Bestellvorgang zurückzugreifen“, erklärt eine Sprecherin des Landeskriminalamtes. Die eingegebenen Daten können polizeilich relevante Hinweise liefern.

„Häufig werden jedoch bewusst Mechanismen, wie mit falschen Daten hinterlegte Mailadressen für die Auftragsbestätigung, eingesetzt, um eine Aufklärung zu erschweren.“ Oft würden auch Empfangsadressen verschleiert und Paketstationen als Abholadresse angegeben.

Pakete wurden nach China weitergeleitet

Bei Grickschat führte die Spur zu einer Paketweiterleitungsfirma in Neugersdorf (Sachsen). Solche Unternehmen ermöglichen Menschen im Ausland, Waren aus deutschen Shops zu bestellen, die sonst nicht außer Landes liefern. Betrüger machen sich das zu nutze. Aus Sachsen ging die Ware nach China, wo sich die Spur verlief. Das Ermittlungsverfahren wurde gerade eingestellt.

Fast jeder Onlinehändler war schon mit Betrug konfrontiert

Laut einer Umfrage der Wirtschaftsauskunftei Crifbürgel unter Onlinehändlern im deutschsprachigen Raum waren 97,4 Prozent bereits mit Betrug konfrontiert. Jeder Zweite gab an, im Jahr dadurch einen Schaden von mehr als 10.000 Euro erlitten zu haben.

Die Maschen – wie der Betrug mit abweichenden Liefer- und Rechnungsanschriften oder die Bestellung an anonyme Paketstationen – seien wiederkehrend. Aber auch neue Praktiken kämen hinzu, sagt Sebastian Schulz vom Bundesverband E-Commerce und Versandhandel. „Wir tauschen uns innerhalb der Branche und auch mit den Landeskriminalämtern darüber intensiv aus“, sagt Schulz.

Händler versuchen, sich durch Software zu schützen

„Viele Händler versuchen, sich über die Einbindung von Dienstleistern oder Software zu schützen. So können bestimmte Algorithmen beispielsweise Muster erkennen, die auf Betrug hinweisen. Andere setzen auf erfahrene Mitarbeiter, die sich vorgefilterte, verdächtige Bestellungen genau anschauen.“

Fast jeder Dritte Kunde bestellt im Netz auf Rechnung. Die Bezahloption einfach zu streichen, sei für die meisten Händler keine Alternative. „Es gibt Berechnungen, dass ein Händler dann mit einem Umsatzrückgang von 40 Prozent rechnen muss“, so Schulz.

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