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13:00 12.07.2019
Von Anne Holbach
Wenn alte Windanlagen wie hier in Dithmarschen abgebaut werden, können sie zum Teil weiterverkauft werden. Der Rest wird verschrottet. Quelle: Ulf Dahl
Kiel

Der europäische Branchenverband Wind Europe hat sich deswegen mit der Chemie- und der Verbundwerkstoff-Industrie zusammengetan, um neue Verwertungsmöglichkeiten anzuschieben.

„Die erste Generation von Windturbinen kommt nun an das Ende ihrer Lebenszeit und wird von modernen Rädern abgelöst. Recycling der alten Rotoren ist daher eine Top-Priorität für uns“, sagt Wind-Europe-Präsident Giles Dickson. Sein Verband will mit dem europäischen Chemieverband Cefic und dem Composites-Industrieverband Eucia gemeinsam neue Konzepte dafür entwickeln.

Zunächst werde ein Überblick erarbeitet, welche existierenden Methoden es bereits gibt. Im September soll in einem Seminar in Belgien über Lösungen diskutiert werden.

Das waren mal Rotorblätter: Ein Bagger schiebt bei der Firma Neocomp in Bremen zerkleinerte glasfaserverstärkte Kunststoffe und Reste aus der Aufbereitung von Altpapier auf ein Band. Foto: Carmen Jaspersen

Neuer Markt für Entsorgungsunternehmen

Die Kooperation zeige, dass sich die Branche proaktiv mit den Themen Nachhaltigkeit, Recycling und Entsorgung beschäftige, sagt Marcus Hrach, Landesgeschäftsführer des Bundesverbandes Windenergie (BWE). Sie verdeutliche auch, dass andere Industrien reges Interesse an der Verwertung dieser Verbundstoffe haben. Es biete sich ein neuer Markt für Entsorgungs- und Recycling-Unternehmen.

80 bis 90 Prozent der Windräder können laut einer Fraunhofer-Studie wiederverwertet werden. Das betrifft den Beton aus dem Fundament oder Stahl und andere Metalle aus dem Turm. Die Rotorblätter bestehen allerdings aus Verbundwerkstoffen, die nicht so einfach zu recyceln sind. Sie sind aus Glasfaser, Kohlefaser und Polyester-, Vinylester- oder Expodydharz gefertigt.

Über 1000 Altanlagen in Schleswig-Holstein

Wind Europe schätzt, dass in ganz Europa in den kommenden fünf Jahren 12.000 Windräder stillgelegt werden. In Deutschland endet zum Jahresende 2020 erstmals der EEG-Vergütungsanspruch von Anlagen, die bis zur Jahrtausendwende installiert wurden. Das betrifft bundesweit mehr als 5600 Altanlagen im ersten Jahr. Der BWE spricht von einer Leistung von etwa 4000 Megawatt.

Der Verband betont, dass das Ende des Förderzeitraums nicht das Ende der Laufzeit bedeuten müsse. Aus technischer Sicht könnten sich die Räder noch weiter drehen, allerdings würden natürlich nur jene Anlagen weiterbetrieben, die die laufenden Betriebskosten decken können. Das sei über mehrere Modelle denkbar. „Eine finale Aussage, wie viele Anlagen tatsächlich vom Netz gehen und damit zurückgebaut und recycelt werden müssen, kann man also erst treffen, wenn man weiß, wie sich die Marktbedingungen Ende 2020 darstellen“, so Hrach.

Mehr als ein Drittel der über 20 Jahre alten Windkraftanlagen stehen laut einer Studie der Deutschen Windguard in Niedersachsen. Schleswig-Holstein kommt auf 13 Prozent. Hier sind mehr als 1000 Altanlagen mit circa 1200 MW installiert, die zwischen 2021 und 2025 aus der EEG-Förderung fallen.

Komplette Altanlagen und Ersatzteile gehen ins Ausland

Die Firma Wind Nielsen aus Süderlügum in Nordfriesland (Schleswig-Holstein) ist auf den Abbau von alten Windrädern spezialisiert. „Zuerst versuchen wir, die Anlage komplett ins Ausland zu verkaufen“, sagt Geschäftsführer Dirk Nielsen. Aktuell kämen Kunden hierfür häufig aus Polen, Bulgarien oder Italien.

Sei das nicht möglich, schaut sich die Firma die einzelnen Komponenten an. „Der Turm wird meist direkt verschrottet, die Maschinenhäuser werden zerlegt und kommen zu uns in die Lagerhalle.“ Sie werden als Ersatzteile weiterverkauft. Bei den Rotorblättern würden die Sorten eingelagert, die gerade knapp am Markt sind. Etwa zehn bis 15 Prozent könnten weiter genutzt werden. Der Rest werde entsorgt.

Einzige Recyclingfirma für Rotorblätter sitzt in Bremen

Bundesweit die einzige Firma, die bislang Rotorblätter recycelt, ist die Neocomp in Bremen. Mit ihr arbeitet auch Nielsen zusammen. Die abmontierten rund 60 Meter langen Flügel vom Windrad werden vor Ort meist in sechs Meter lange Stücke zersägt. Das vereinfacht den Transport.

Später werden die Rotorblätter-Reste mit Scheren auf 50 Zentimeter lange Teile gestutzt. „In unserer Anlage zerhäckseln wir sie dann in zwei Schritten zu bis zu 40 Millimeter kleinen Schnitzeln“, erklärt Neocomp-Betriebsleiter Stefan Groß.

Zementwerk nutzt Häcksel als Brennstoff

Dem Material werden Spuckstoffe aus der Papierherstellung beigemischt, bevor es an ein Zementwerk in Lägerdorf (Kreis Steinburg) geht. Dort wird die Häcksel als Brennstoff genutzt. Eine Tonne kann etwa 600 Kilogramm Braunkohle ersetzen.

„Weil in der Glasfaser Silizium enthalten ist, bleibt der Stoff im Produkt, so dass im Zementwerk nicht wie sonst Sand eingesetzt werden muss“, so Groß. Der so produzierte Zement kann wiederum als Baustoff für neue Windanlagen benutzt werden – es entsteht ein Verwertungskreislauf.

Prognose: Jährlich 33.000 Tonnen zu entsorgende Rotorblätter

Die Neocomp verarbeitet aktuell pro Jahr etwa 5000 Tonnen Rotoren-Müll. Das entspricht etwa einem Drittel der glasfaserverstärkten Kunststoffe, die dort recycelt werden. „Wir könnten die Annahme der Flügel von unseren Kapazitäten her locker versechsfachen“, sagt Groß. Das könnte auch nötig sein: Das Umweltbundesamt rechnet ab 2020 jährlich mit einem Aufkommen zu entsorgender Rotorblätter von bis zu 33.000 Tonnen.

Weil in vielen Rotorblättern auch Carbonfasern verarbeitet sind, tüftelt das französische Unternehmen Veolia derzeit an einer Methode zum Abscheiden dieses Stoffes. Das Carbon könnte dann im Flugzeugbau wiederverwendet werden.

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