Menü
Kieler Nachrichten | Ihre Zeitung aus Kiel
Anmelden
Wirtschaft Warnung vor Minuszinsen
Nachrichten Wirtschaft Warnung vor Minuszinsen
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
20:12 30.07.2019
Von Ulrich Metschies
Die Lehrbücher von damals gelten nicht mehr, sagt Ulrich Boike. Der scheidende Vize-Chef der Förde Sparkasse sieht noch lange keine Zinswende.   Quelle: Ulf Dahl
Anzeige
Kiel.

Als Ulrich Boike bei der Sparkasse Menden im Sauerland seine Ausbildung begann, war die Bankenwelt eine komplett andere. Unter den langen Tresen in der Schalterhalle gab es große Taschen für die Kontoauszüge und ein Förderband unter dem Tisch transportierte Zahlungsaufträge vom Giro- zum Kassenschalter. Noch etwas war anders 1976: Es gab kein Internet, das für Transparenz im Wettbewerb sorgte. Und: Für Spargelder gab es damals noch richtige Zinsen. Dass der Zins einmal abgeschafft werden würde – das hat Boike sich damals nicht vorstellen können: „Wir sind in einer Situation, die wir in den 43 Jahren, die ich zurückblicken kann, noch nie erlebt haben.“ Die Lehrbücher von damals stimmen nicht mehr, sagt der stellvertretende Vorstandschef der Förde Sparkasse, der heute in den Ruhestand geht. 

Der Druck auf die Banken wird immer größer 

Dass sich die Aussichten für Sparer in absehbarer Zeit grundlegend aufhellen, glaubt Boike nicht. Eher sei zu erwarten, dass sich die Lage noch verschärft: „Eigentlich müssten wir für Einlagen heute schon Negativzinsen nehmen.“ Doch das sei nur bei wenigen großen Kunden mit hohen Guthaben der Fall. Sollte es aber dazu kommen, dass die Kreditinstitute für ihre Einlagen bei der Europäischen Zentralbank mehr zahlen müssten als die heutigen 0,4 Prozent, dann werde es für die gesamte Branche zunehmend schwieriger, Normalsparer vor Negativzinsen abzuschirmen. Je länger die Nullzinswelt bestehe, desto größer werde der Druck auf die Banken, sich neue Ertragsquellen zu erschließen: „Ich fürchte, das Risiko von Minuszinsen wird eher größer.“ 

"Wir wollen auch sichere Arbeitsplätze bieten"

Den meisten Kunden, so Boike, sei die Lage durchaus bewusst. Und so gebe es grundsätzlich Verständnis für Kontoführungsgebühren und Vermittlungsprovisionen. Die große Mehrheit der Kunden wisse im Übrigen auch zu würdigen, dass Geldverdienen für die Sparkassen kein Selbstzweck sei: „Wir wollen ja auch sichere Arbeitsplätze bieten und der Region etwas zurückgeben.“ Dass die Institute einen Teil ihrer Erträge über Spenden und Sponsoring der Region zurückgeben, „ist und bleibt Teil unserer DNA“. 

Das Kerngeschäft wird immer schwieriger

Doch nicht nur schrumpfende Zinsmargen kratzen am Kerngeschäft der Sparkassen, nämlich Einlagen von Kunden zu bündeln und in Kredite für den Mittelstand zu wandeln. Auch der wachsenden Konkurrenz durch online-basierte Fintechs gelte es zu begegnen. Eine der Herausforderungen sei es daher, das wertvollste Asset der Sparkassen zu bewahren: die Nähe zu den Kunden. Keine leichte Aufgabe für Boikes Nachfolger Peter Moll (43), der aktuell noch als Bereichsdirektor und Generalbevollmächtigter bei der Volksbank Köln Bonn arbeitet und zum 1. Oktober seinen Job in Kiel antritt. Wenn sich Kundenverhalten und Besucherzahlen ändern, sagt Boike, müsse die Sparkasse ihr Filialnetz immer wieder auf den Prüfstand stellen. Doch was am Ende zähle sei, dass die Bank für ihre Kunden bequem erreichbar sei. Die Förde Sparkasse werde auch künftig alle Möglichkeiten nutzen, um dies zu gewährleisten: digital, durch SB-Standorte an stark frequentierten Orten und selbst durch neue Zweigstellen. „Wir sind eine Sparkasse, die wie in Kiel-Neumeimersdorf auch noch Filialen eröffnet.“