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Wirtschaft Projekt fordert Coworking-Pauschale
Nachrichten Wirtschaft Projekt fordert Coworking-Pauschale
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11:00 27.06.2019
Von Anne Holbach
Die Coworkland-Genossen vor ihrem Container (von links): Ulrich Bähr, Heiko Kolz, Marcel Lumgershausen und Jean-Pierre Jacobi. Quelle: Frank Peter
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Kiel

Besonders die Möglichkeit am Strand zu arbeiten sei gut angenommen worden. „Da sind viele Freelancer und ITler aus Hamburg und anderen Städten gekommen, die mehrere Tage geblieben sind. Die sind erst surfen gegangen und haben sich dann an den Laptop gesetzt.“ Die Kombination aus Freizeit und Büro habe viele gereizt. In Grönwohld, Stein und Brasilien sollen nun langfristig Coworking Spaces entstehen.

Im Home-Office sind viele einsam

An jeder Station des Containers wurden Interviews mit den Menschen geführt, die dorthin zum Arbeiten kamen. Je nach Standort gab es unterschiedliche Bedürfnisse. Grundvoraussetzungen seien schnelles Internet, guter Kaffee und eine nette Betreuung.

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Der Kreativaustausch mit Gleichgesinnten, der in einer Stadt viel einfacher entstehe, fehle vielen Menschen im Home-Office auf dem Land. „Es gab zum Beispiel einen Mann aus Kotzenbüll, der für eine Kölner Firma Trickfilme illustriert“, erzählt Bähr. „Er ist mehrere Tag zu uns gekommen, weil ihm die Gemeinschaft gefehlt hat, wenn er allein in Nordfriesland vor sich hin arbeitet.“

Teams gehen in Klausur

Rückzugsorte wie das Gut Panker seien von Gruppen gut angenommen worden. „Dorthin sind einige Teams gekommen, die in Klausur gegangen sind und das lieber in einem offenen Raum in Naturnähe statt in einem Tagungshotel machen wollten.“

Arbeitskultur soll weg von Sitzzeit kommen

Auch Gemeinden, in denen zwar viele Menschen wohnen, aber ein Großteil in Städte pendelt, seien für Coworking Spaces geeignet. „Viele Menschen auf der Station in Gettorf haben gesagt, dass sie es satt haben, jeden Tag hin- und herzufahren“, sagt Bähr. „Aber unsere Arbeitskultur müsste erst wegkommen von Sitzzeit und Anwesenheitspflicht.“ Noch seien die meisten Angestellten wenig flexibel.

Das Projekt sei deswegen im Gespräch mit großen Arbeitgebern in der Region, damit diese ihren Mitarbeitern andere Modelle ermöglichen. „Das kann auch ein Weg sein, um Fachkräfte zu gewinnen“, sagt Bähr. Zudem könne es ein Mittel sein, um teure Büroeinheiten in Städten zu reduzieren, sagt Jean-Pierre Jacobi, der wie Bähr im Vorstand der im Februar gegründeten Coworkland-Genossenschaft sitzt.

Genossenschaft will vernetzen

Das Projekt habe viele Leute im ländlichen Raum inspiriert, einen Coworking Space zu gründen – und das über Schleswig-Holstein hinaus. 25 Menschen aus ganz Norddeutschland haben sich in der Genossenschaft zusammengetan, um in puncto Marketing und Qualitätsstandards zusammenzuarbeiten.

Bähr möchte eine Coworkingpauschale

Die Genossenschaft will zudem politische Lobbyarbeit leisten. „Wenn ich pendele, kann ich das von der Steuer absetzen. Wenn ich einen Platz im Coworking Space miete aber nicht. Wir fordern eine Coworking-Pauschale“, sagt Bähr. Viele regionale Entwickler und Wirtschaftsförderer zeigten großes Interesse an dem Projekt, weil es eine Möglichkeit biete, um den ländlichen Raum attraktiver zu machen und einer Abwanderung entgegenzuwirken.

Cowork-Betreiber wollen sich vernetzen

Der Austausch in der Genossenschaft könne dabei helfen, Startschwierigkeiten zu überwinden, glaubt Heiko Kolz, der in Felde den Heuboden betreibt. Er hat sein Unternehmen auf mehrere Beine gestellt. „Der Kernbetrieb ist unsere Segelmacherei. Zusätzlich erwirtschaften wir über Veranstaltungen im Heuboden etwas. Die Coworker tragen nur einen kleinen Teil zu den Einnahmen bei, weil sie eher unregelmäßig kommen.“

Auch Marcel Lungershausen gehört zu den Genossen. Er hat in der alten Mu in Kiel die „Coworking Kitchen Cocina“ eröffnet und stellt seine Produktionsküche für Food-start-ups zur Verfügung. Er erhofft sich, dass die Betreiber einander mit ihren Ideen befruchten.

Buchung über zentrale Webseite

Bald soll es eine Coworkland-Karte geben, mit der Kunden in allen Bürogemeinschaften im Netzwerk arbeiten können. Auch die Buchung und Abrechnung soll über eine zentrale Webseite laufen. Geld verdienen will die Genossenschaft zudem über die Beratung von Gemeinden. Mit dem mobilen Konzept sollen neue potenzielle Standorte erschlossen werden.

Aus einem Cowork-Container sind inzwischen drei geworden. Im Juli geht es nach Sankt-Peter-Ording und nach Erfde an der Eiderfähre.

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