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Wirtschaft Das Binnenland hat Luft nach oben
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22:23 17.06.2019
Von Ulrich Metschies
Foto: Wunderbar zum Entschleunigen, könnte aber durchaus noch mehr Anhänger finden: Wandern im Naturpark Aukrug.
Wunderbar zum Entschleunigen, könnte aber durchaus noch mehr Anhänger finden: Wandern im Naturpark Aukrug. Quelle: hfr
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Neumünster

 Von den deutlich über 30 Millionen Übernachtungen, die der „echte Norden“ im vergangenen Jahr verbuchen konnte, entfallen 16,3 Millionen auf die Ostsee und zwölf Millionen auf die Westküste. Da bleibt für das Landesinnere nur ein Bruchteil des Kuchens übrig.

Wertschöpfung könnte um 421 Millionen steigen

Gestern stellten der Verband Schleswig-Holstein Binnenland Tourismus und Wirtschaftsminister Bernd Buchholz (FDP) in Neumünster eine Studie vor, die das touristische Wachstumspotenzial des Binnenlandes aufzeigt. Tenor: Mit einem „strategischen Vorgehen“ könnte die jährliche Wertschöpfung bis 2025 um bis zu 421 Millionen Euro erhöht werden. Zum Vergleich: Aktuell erwirtschaften die Betriebe im Binnenland einen Bruttoumsatz von rund 1,829 Milliarden Euro pro Jahr. Nach Berechnungen von Andreas Lorenz vom Berliner Beratungsbüro „Tourismus Plan B“ könnte diese Summe bis 2025 auf 2,25 Milliarden Euro jährlich klettern.

Angebote sind oft zu kleinteilig

Doch um dieses Potenzial zu heben, muss sich Grundlegendes ändern. So krankt das Tourismusangebot im Binnenland nach Einschätzung des Gutachters an einer „kleinteiligen Anbieterstruktur“, die zudem wenig vernetzt ist. Lorenz: „Einzelne, gute Angebote sind zu wenig bekannt und das Beherbergungsangebot muss deutlich ausgebaut werden.“ Nach Einschätzung des Gutachters werden aktuell nicht ausreichend Mittel in die Entwicklung des Binnenlandtourismus eingesetzt. Sprich: Die Tourismusorganisationen seien nicht ausreichend finanziert und die örtliche Infrastruktur – insbesondere Rad- und Wanderwege hätten qualitative Mängel.

Gutachten plädiert für "Entwicklungspartnerschaft"

Daher plädiert Lorenz für eine langfristige – mindestens zehnjährige – Entwicklungspartnerschaft von Land, Tourismusorganisationen und Binnenland-Kommunen. Ziel: Mehr Angebote schaffen, die das „aktive Land- und Naturerlebnis mit persönlicher Note“ herausstellen. Konkret schlägt der Experte beispielsweise vor, die Naturparks des Landes zu Wanderzentren weiterzuentwickeln, qualitativ hochwertige Radregionen zu etablieren und auf ausgewählten Radfernwegen die Infrastruktur- und Angebotsqualität zu erhöhen. Nötig sei darüber hinaus, die Anbieter besser zu qualifizieren und das gewerbliche Bettenangebot zu erhöhen.

Binnenland-Tourismus braucht Investitionen

Das bedeutet natürlich auch mehr Geld für ein gemeinsames Marketing und zusätzliche Investitionen in die Infrastruktur. Für Lorenz steht fest: „Das Land hat das Binnenland zu lange unzureichend gefördert.“ Doch diesen Schuh will sich Buchholz nicht anziehen. Schleswig-Holstein habe zwar mehr Fördermittel in die touristischen Hotspots an den Küsten investiert, doch liege das vor allem daran, dass es dort auch mehr förderfähige Investitionsvorhaben gegeben habe. Grundsätzlich sicherte der Minister den Binnenland-Kommunen die Unterstützung des Landes zu, wenn es etwa um ein attraktiveres Radwegenetz geht oder um die Ansiedlung von Beherbergungsbetrieben mit einem hochwertigen Übernachtungsangebot. Doch gelte es zuvor, ein noch immer verbreitetes Kirchturmdenken zu überwinden: „Es wird darauf ankommen, dass es uns gelingt, Leuchtturmthemen zu produzieren und die Binnenregion auch anders zu vermarkten.“ Da erzähle heute noch jeder Akteur seine eigene Geschichte: „Wir haben noch einige Regionen, die es wachzuküssen gilt.“ Das Binnenland, so Buchholz, müsse Schwerpunkt einer neuen Tourismusstrategie sein.

Festes Budget für Binnenland-Marketing

Um schlagkräftiger werben zu können, schlägt Lorenz zudem vor, das Binnenland-Marketing bei der Tourismusagentur Schleswig-Holstein (TA.SH) zu bündeln. Hierzu hatte Buchholz eine Zusage im Gepäck. „Wir werden ein festes Budget für das Binnenland-Marketing bei der TA.SH zur Verfügung stellen.“ Doch auch die Kommunen und Kreise seien aufgerufen, die Regionen im Binnenland zu unterstützen.

Die Ergebnisse der Studie fließen ein in die laufende Evaluierung der Tourismusstrategie Schleswig-Holstein 2025. Nach den Sommerferien soll eine Arbeitsgemeinschaft Binnenland zu einer ersten Sitzung zusammenkommen, um die geforderten Prozesse anzuschieben.