Menü
Kieler Nachrichten | Ihre Zeitung aus Kiel
Anmelden
Wirtschaft Was ist los mit unserer Industrie?
Nachrichten Wirtschaft Was ist los mit unserer Industrie?
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
12:00 31.08.2019
Von Ulrich Metschies
Große Namen, große Probleme: Der Medizin- und Sicherheitstechnikkonzern Dräger kündigte einen Persomalabbau an, der Vossloh verkauft seinen Verlustbringer Lokbau an die Chinesen und der einstige Windkraft-Star Senvion wird zerschlagen.  Quelle: Frank Peter, Uwe Paesler, Thomas Eisenkrätzer
Kiel

Namhafte Industrie-Unternehmen aus dem Norden haben in den vergangenen Tagen und Wochen für Schlagzeilen gesorgt - meist waren es negative. Dräger? Hat ein Riesen-Kostenproblem und kündigt Einschnitte beim Personal. Senvion? Ein Trauerspiel von Zerschlagung und Jobabbau. KVP und Vossloh Locomotives? Werden ins Ausland verkauft. Was ist los mit der Industrie in Schleswig-Holstein? Das sagen Wirtschaftminister Bernd Buchholz und IG-Metaller Daniel Friedrich

Bernd Buchholz: "Wirtschaftliche Rahmenbedingungen ändern sich ständig – schon deshalb ist es richtig und wichtig, die Industriepolitik auch in Schleswig-Holstein nachzujustieren. Das tun wir bis zum Herbst. Nur: Mit den hier aufgeführten Fällen hat das nichts zu tun. Deutlicher gesagt: Dräger, KVP, Vossloh, FSG und Senvion sind alles andere als eine Art 'Schleswig-Holstein-Quintett in Moll'.

Bernd Buchholz (FDP) Quelle: dpa

Dräger hat ein Kostenproblem

Der Global-Player Dräger ist stabil, hat aber infolge einer zunehmend rauen See in der Medizintechnik ein Kostenproblem – und reagiert darauf. Die Gründe liegen also nicht in der Industriepolitik, sondern in steigenden Ausgaben für Forschung, Entwicklung, Vertrieb und Marketing. Und in der Tatsache, dass die Währungen in vielen Ländern, in denen Dräger aktiv ist, aktuell gegenüber dem Euro fallen.

Käufer sind keine Heuschrecken

Auch die Übernahme von KVP und Vossloh taugt eher für Optimismus als für Pessimismus. Es werden weder Menschen noch Maschinen ins Ausland 'verkauft', sondern umgekehrt: Ausländische Investoren mit großer Branchenerfahrung – also keine profitgierigen 'Heuschrecken' – kommen zu uns ins Land. Und das tun sie, weil sie von der Qualität der Betriebe, den lokalen Rahmenbedingungen und dem Know-how der Belegschaften überzeugt sind. Und warten wir einmal ab: Vielleicht kommt es unter den Dächern von „China Railway Rolling“ und „Elanco“ sogar zu Erweiterungen der Standorte.

Managementfehler bei FSG und Senvion

Und was die Flensburger Schiffbaugesellschaft und Senvion angeht: Ja, beide Unternehmen sind in Schieflage. Nicht etwa wegen einer verfehlten Industriepolitik, sondern aufgrund eines global zugespitzten Wettbewerbs, aber auch wegen handfester Management-Fehler.

Wirtschaft hat sich immer neu erfunden

Max Frisch hat gesagt: Die Krise ist ein unglaublich kreativer Zustand – man muss ihr nur den Beigeschmack der Katastrophe nehmen. Also das tun, was der Ökonom Joseph Schumpeter den Prozess der schöpferischen Zerstörung nannte. Die „Old Economy“ in Schleswig-Holstein – neben Chemie, Rüstung oder Bahntechnik vor allem die Werften – hat dies stets erfolgreich getan und sich selbst immer wieder neu erfunden.

Steuerdebatten vergiften Investitionsklima

Die wichtigste Pflicht von Politik bei abkühlender Konjunktur ist aber noch eine andere: Durch den entschlossenen Ausbau jeglicher Infrastruktur – von Breitband bis zu Straßen – für reibungslose Rahmenbedingungen zu sorgen. Das tun wir. Anders als es die Bundesregierung aktuell vormacht. Sie steht bei Investitionen auf der Bremse und führt überflüssige Steuerdebatten. Das vergiftet jedes Investitionsklima."

Bernd Buchholz (FDP) ist Minister für Wirtschaft, Verkehr, Arbeit, Technologie und Tourismus in Schleswig-Holstein.

Daniel Friedrich: "Wird Schleswig-Holstein zur Industrie-Wüste? Diesen Eindruck könnte man gewinnen, wenn man sich die Schlagzeilen der letzten Wochen und Monate über größere Industriebetriebe im nördlichsten Bundesland anschaut. Aber das Bild täuscht. In fast 7000 Industriebetrieben mit an die 170000 qualifizierten Beschäftigten ist die Industrie ein zentrales Standbein des wirtschaftlichen Erfolges im Norden.

Daniel Friedrich Quelle: Olaf Malzahn

Nötig wären Zukunftsinvestitionen

Neben einer deutlichen höheren Wertschöpfung gegenüber anderen Wirtschaftsbereichen liegen Löhne und Gehälter mit fast 50 Prozent deutlich über dem Schnitt im Land. Beide Faktoren – erfolgreiche Unternehmen und gutbezahlte Arbeitsplätze – sind für die Steuer- und Sozialkassen unverzichtbar. Daher schmerzt es umso mehr, wenn Betriebe nun Arbeitsplatzabbau und Schließungen anstatt Zukunftsinvestitionen ankündigen.

Im Boom die Hausaufgaben nicht gemacht

Dies ist nicht nur für die Betroffenen verheerend, sondern in den meisten Fällen auch das Ergebnis falscher Entscheidungen der Vergangenheit. Bei schwächelnder Konjunktur geraten die Betriebe unter Druck, die während der Boom-Phase ihre Hausaufgaben nicht gemacht haben. Dies rächt sich dann. Da wo es keine Betriebsräte und Gewerkschaften gibt, sind die Beschäftigten den Entscheidungen des Arbeitgebers hilflos überlassen. Die Finanzkrise 2008 hat gezeigt, dass ein Rendite-Wahn die Wirtschaft in den Kollaps führt.

Zu viele Firmen im Dornröschenschlaf

Die Digitalisierung wird Produkte, Arbeitsabläufe und Arbeitsplätze auf den Kopf stellen und verändern. Dafür müssen die Belegschaften fit gemacht werden. Dieser „Transformationsprozess“ muss gestaltet und darf nicht dem Markt überlassen werden. Der IG Metall-Transformationsatlas zeigt, dass hier noch zu viele Betriebe im Dornröschenschlaf sind und ein böses Erwachen droht. Der Klimawandel stellt die Industrie vor die Aufgabe, nachhaltig zu wirtschaften.

Industriepolitik für Beschäftigte

Um Fachkräfte zu halten und zu gewinnen brauchen wir bessere Arbeitszeitmodelle, mehr Frauen im Betrieb und neue Führungs- und Unternehmenskulturen. Betriebe mit Betriebsräten und Tarifverträgen sind produktiver und erfolgreicher. Mitbestimmung und Beteiligung sind der Schlüssel für die Zukunftsfähigkeit der Industrie. Die Landesregierung ist gefordert, eine Industriepolitik für die Beschäftigten voranzutreiben. Förderungen des Landes müssen an eine Tarifbindung gekoppelt werden.

Alle Beteiligten müssen an einen Tisch

Alle Beteiligten müssen regelmäßig an einem Tisch zusammenkommen. Kurzum: Wir brauchen eine industriepolitische Steuerung, die neben dem ökonomischen Erfolg die gesellschaftliche Verantwortung der Wirtschaft im Blick hat."

Daniel Friedrich ist Geschäftsführer der IG Metall Lübeck-Wismar und wird zum 1. Dezember neuer Bezirksleiter der IG Metall Küste.

Im Marineschiffbau stehen die Zeichen wieder auf Wachstum. Der Technologie-Konzern Thales hat in der Kieler Wik sein neues Marine-Kompetenzzentrum eröffnet. 250 Mitarbeiter sollen am Kanal für die deutsche Marine und auch für ausländische Streitkräfte Systeme entwickeln, konfigurieren und testen.

Frank Behling 30.08.2019

Rot oder blau, Sparkasse oder Volksbank - auf dem Weg zum Bankschalter trennten sich bislang die Wege der Kunden unterschiedlicher Geldhäuser. Erstmals legen die Konkurrenten nun Filialen zusammen.

03.09.2019

Jeder Hobbygärtner weiß, wie schnell Unkraut sprießen kann. An den vielen Bahntrassen in Deutschland ist die Herausforderung besonders groß. Die Bahn schlägt nun einen neuen Glyphosat-Kurs ein. Doch das ist nicht ganz einfach.

30.08.2019