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Wirtschaft Beratung? Macht zehn Euro, bitte!
Nachrichten Wirtschaft Beratung? Macht zehn Euro, bitte!
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15:00 02.11.2019
Von Anne Holbach
Jürgen Weferling, Geschäftsführer des Baumarkts Ludwig Ohlendorf, steht in seinem Geschäft mit einer Säbelsäge. Der Einzelhändler will mit einer Gebühr gegen Beratungsdiebstahl vorgehen. Quelle: Christophe Gateau
Kiel/Braunschweig

„Wegen erhöhtem Beratungsdiebstahl sehen wir uns gezwungen, ab sofort eine Beratungsgebühr von zehn Euro zu erheben.“ Das steht auf einem Schild in seinem Geschäft für Maschinen, Werkzeuge und Elektrogeräte.

„Zu 99 Prozent sind die Rückmeldungen positiv“, sagt Inhaber Jürgen Weferling. Auf der Einkaufsmesse Infa in Hannover sei er oft auf die Maßnahme angesprochen worden. Auch ein Bericht in der Lokalpresse über die Aktion habe zu viel bestärkendem Feedback geführt. Es habe zuweilen sogar Kunden gegeben, „die an den Tresen kamen und die zehn Euro von sich aus bezahlt haben, bevor sie nach Beratung fragten“, sagte er gegenüber der „Braunschweiger Zeitung“. Er treibe die Gebühr aber nicht ernsthaft ein, sondern verstehe sie vielmehr als Hinweis für die Kunden, mit dem Thema sensibler umzugehen.

Fachgeschäfte erleben "Beratungsklau"

„Wir sehen davon ab, eine solche Pauschale zu erheben, und haben auch nicht vor, das einzuführen“, erklärt Claus-Joachim Harder vom Kieler Eisen- und Werkzeughändler Adolf Richter. Er habe so ein Kundenverhalten bislang nur in Einzelfällen erlebt.

Jens Begehr vom Kronshagener Elektrofachgeschäft media@home Begehr erlebt „Beratungsklau“ dagegen häufig. Das ziehe sich durch alle Altersklassen hindurch. „Ich hatte neulich einen Herren hier, der eine Geschirrspülmaschine kaufen wollte und sich schon eine im Katalog ausgesucht hatte“, schildert er ein Beispiel.

Im knapp dreiviertelstündigen Beratungsgespräch habe sich herausgestellt, dass das Modell gar nicht zu den Gegebenheiten in dessen Küche gepasst hätte. „Ich habe ihn also davor bewahrt, dass er etwas Falsches kauft.“ Der Kunde sei mit einem Vorschlag nach Hause gegangen, um sich mit seiner Frau auszutauschen. „Zwar kam er wieder, präsentierte mir aber ein günstigeres Angebot aus dem Internet.“ Weil Begehr nicht so weit mit dem Preis entgegenkommen konnte, sei der Kunde ohne zu kaufen wieder gegangen.

Kunden wählen billigere Option im Netz

Wenn er Kunden seine Verhandlungsspanne zeige und erkläre, dass er ja auch etwas verdienen müsse, zeigten sie zwar Verständnis, wählten aber trotzdem die billigere Option im Netz. Eine Beratungsgebühr kommt für ihn dennoch nicht infrage. „Das würde die Kunden verprellen“, meint Begehr.

„Eine solche Beratungsgebühr wäre kontraproduktiv“, sagt auch eine Mitarbeiterin des Kieler Optikers Moll. Sie glaubt, Kunden würden dadurch abgeschreckt und kämen dann nicht mehr wieder. „Beratung ist unsere Kernkompetenz. Wir nehmen uns Zeit und beraten individuell, das kann das Internet nicht. Das spiegelt sich aber auch im Endpreis wider.“

Was sehr wohl berechnet werden könne, sei eine gute Dienstleistung wie die Augenprüfung. Der Kunde bekomme anschließend seine Werte mit, und die Prüfung sei nicht an den Kauf einer Brille gekoppelt. Entscheide er sich aber anschließend zum Brillenkauf im Geschäft, dann werde die Augenprüfung anteilig verrechnet. „Natürlich ist es ärgerlich, wenn ein Händler intensiv berät, der Kunde dann aber im Netz kauft“, sagt Dierk Böckenholt, Hauptgeschäftsführer des Handelsverbands Nord. Umgekehrt sei es aber auch so, dass laut Umfragen rund die Hälfte aller Verbraucher sich vor dem Gang ins Geschäft schon im Internet über Ware informiere. Das erleichtere wiederum manche Verkaufssituation im stationären Handel.

Brautmodenläden oder Küchenstudios arbeiten bereits mit Gebühren

Verbraucher würden einer Gebühr in den meisten Geschäften wohl mit wenig Verständnis begegnen. In bestimmten Bereichen arbeiteten Händler jedoch so. Als Beispiele nennt Böckenholt Brautmodenläden oder Küchenstudios. Auch manche Reisebüros, die sich mit einer individuellen Reiseplanung viel Arbeit machten, verfahren nach diesem Muster. „Wenn eine Beratung viel Aufwand kostet oder sogar ein Mitarbeiter extra zum Kunden nach Hause kommen muss, um etwas abzumessen, dann ist so eine Gebühr für Kunden nachvollziehbar. Sonst ist sie eher systemfremd.“ Der Braunschweiger Werkzeughändler verstehe seine Schilder aber ja auch eher als Fingerzeig, um auf das Problem aufmerksam zu machen.

Rechtlich erlaubt ist so eine Beratungsgebühr, sagt Boris Wita von der Verbraucherzentrale Schleswig-Holstein. „Ich kann gut nachvollziehen, dass Händler so ein Kaufverhalten nervt. Ich halte aber eine solche Gebühr für keine gute Idee“, sagt der Jurist. Auf Kunden wirke das abschreckend. „Was kommt dann als nächstes? Dass Eintrittsgeld für den Laden genommen wird?“, fragt er überspitzt. Händler sollten lieber mit ihrem Mehrwert argumentieren: Service und Wissen. Das mache den Unterschied zu den Internet-Anbietern aus.

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