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13:20 08.07.2019
Von Sebastian Ernst
Marten Thiele (l.), Projektmanager beim Start-Up Egeos aus Kiel und Geschäftsführer Jann Wendt präsentieren die Software Amucad, in der Munitionsaltlasten erfasst werden.  Quelle: Thomas Eisenkrätzer
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Kiel

Ein Teil der Altlasten ist durch Gefechte oder Übungen in die Meere geraten. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde eine große Menge an Munition in Nord- und Ostsee entsorgt. Verklappung nennt man diesen Vorgang. So sind etwa in der Kolberger Heide in der Kieler Außenförde 10 000 Seeminen und 8 000 Torpedoköpfe versenkt worden. Das Sperrgebiet ist gar nicht weit entfernt von den beliebten Badestränden Heidkate, Brasilien und Kalifornien.

"Unser Ziel ist es, ein Kataster anzulegen, in dem alle Informationen zu den Altlasten zusammengefasst sind", sagt Jann Wendt, Geschäftsführer von Egeos. Seit 2011 läuft das Projekt mit dem Namen "Amucad". Insgesamt 20 Mitarbeiter aus sieben Nationen arbeiten für Egeos – Informatiker. Geografen und Web-Entwickler. Darunter auch studentische Hilfskräfte. "Einige schreiben bei uns auch ihre Bachelor- oder Masterarbeit", sagt Wendt. Der Jahresumsatz liegt bei ungefähr 1,2 Millionen Euro."

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Interaktive Karte: Munitionsfunde in der Nord- und Ostsee

Wichtigste Quellen: Historische Karten und Aufzeichnungen

"Das Amucad-Projekt wird querfinanziert durch andere Projekte", sagt Wendt. "Egeos bietet individualisierte Softwareentwicklung für Unternehmen und den öffentlichen Dienst an." Die Gewinne daraus werden direkt in das Projekt reinvestiert. Außerdem wird Amucad durch nationale und europäische Forschungsgelder gefördert.

Die wichtigste Quelle für Amucad: historische Karten und Aufzeichnungen. Dabei gehe es vor allem um räumliche Verknüpfung. "Wir haben in Baden-Württemberg eine Aufzeichnung von geheimen Routen der Deutschen Kriegsmarine gefunden", sagt Wendt.

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"Wenn wir darüber jetzt die Abwurfskizzen der Alliierten darüber legen, sehen wir, dass sie die Routen kannten, und diese systematische mit Minen versehen haben." Die Aufzeichnung sind teilweise sehr detailliert. "Oft ist sogar vermerkt, welche Munition abgefeuert wurde und mit welchen Zündern sie versehen war", sagt Wendt.

"Es gibt Studien, die zeigen, dass Muscheln TNT anreichern"

Die Datenmasse dazu ist schier unendlich. "Im ehemaligen Militärarchiv in Freiburg liegen 51 Kilometer Akten", so Wendt. "Die kann man ohne systematischen Ansatz gar nicht aufbereiten." Dafür hat das Start-Up einen Algorithmus entwickelt, der Schlagwörter erkennt und miteinander in Verbindung setzt. 

Neben der Explosionsgefahr sind die Altlasten auch eine Bedrohung für die Umwelt. Durch Erosion der Stahlummantelung kann der Sprengstoff austreten und sich im Wasser verteilen. Das wirkt sich auf das Ökosystem aus. "Es gibt Studien, die zeigen, dass Muscheln TNT anreichern", sagt Wendt. "Auch im Muskelfleisch von Plattfischen haben Wissenschaftler Sprengstoffrückstände gefunden."

Um diese Risiken bewerten zu können, bezieht Egeos Daten aus verschiedenen Forschungsprojekten mit ein. "Wenn ein Forschungsprojekt abgeschlossen ist, verschwinden die Ergebnisse oft einfach in der Schublade", so Wendt. "Das ist doch viel zu schade."

Mit der Software lassen sich Risiken errechnen

Anhand von Daten wie der Strömungsgeschwindigkeit, dem Salzgehalt und der Wassertemperatur und Ergebnissen aus 30.000 Fischentnahmen lässt sich eine Risikoanalyse zu den einzelnen Munitionsfunden errechnen. Auch die Infrastruktur und der Schiffsverkehr fließt mit ein.

In der App Amucad vom Kieler Start-Up Egeos lassen sich Munitionsaltlasten in Nord- und Ostsee anzeigen und deren Risiken bewerten.

Dadurch lässt sich abwägen, welche Auswirkungen beispielsweise die Erosion eines Munitionsfundes auf die Fischerei hätte, oder wie eine Explosion die Schifffahrt beeinflussen würde. Außerdem lässt sich erkennen, welche Altlasten besonders dringend geborgen werden müssten.

"Wir können Munition nur so lange lokalisieren, wie sie von Metall ummantelt ist", sagt Wendt. Aufgrund der fortschreitenden Erosion werde das Problem deshalb immer dringender. Auch die Politik hat das zumindest erkannt. Im Koalitionsvertrag der Jamaika-Landesregierung ist etwa die Einrichtung eines Katasters festgeschrieben – ohne dass es bis jetzt zur Umsetzung gekommen werden.

FDP-Politiker Bornhöft: "Möchte das Thema noch in diesem Jahr im Landtag aufs Tableau bringen"

"Schleswig-Holstein hat die größte Betroffenheit von Munitionsaltlasten im Wasser", sagte Dennys Bornhöft, FDP-Abgeordneter im Landtag, beim Besuch bei Egeos. "Ich möchte das Thema noch in diesem Jahr im Landtag aufs Tableau bringen und gucken, wo das Land etwas unternehmen kann und wo uns der Bund unterstützen kann."

Ähnlich sieht es der FDP-Bundestagsabgeordnete Olaf in der Beek, der sich in der Vergangenheit bereits für die Bergung der Munition stark gemacht hatte: "Wir müssen Forschungsprogramme auflegen, die sich mit dem Problem beschäftigen und Unternehmen unterstützen, die Prototypen entwickeln, die die Kampfmittel räumen können. Egal ob Land, Bund oder EU – wir müssen Gelder bereitstellen."

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