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Wirtschaft Statt Reste wegzuwerfen: Dieser Supermarkt verschenkt Lebensmittel
Nachrichten Wirtschaft Statt Reste wegzuwerfen: Dieser Supermarkt verschenkt Lebensmittel
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15:31 14.06.2019
Braune Stellen – auch in Ordnung, sofern das Essen noch genießbar ist. Quelle: Harald Tittel/dpa
München

Die Kartoffeln haben leicht ausgetrieben. Die Blätter am Radieschenbund sind welk. „Aber die Radieschen selbst sind noch hart, kann man bedenkenlos essen“, sagt Ralph Ulbricht. Während der Geschäftsführer der kleinen Lebensmittelkette AEZ aus Fürstenfeldbruck bei München spricht, greift eine Kundin zu. Sie lässt einen Joghurt aus dem Kühlregal der Foodsharing-Station in ihrer Einkaufstasche verschwinden und verlässt den Laden ohne dafür zu bezahlen.

Das muss sie auch nicht. Denn AEZ verschenkt Lebensmittel. Das gilt zumindest für solche mit optischen Mängeln oder wo das Mindesthaltbarkeitsdatum abzulaufen droht. „Ich finde es super, dass das nicht in der Tonne landet und es schmeckt ja immer noch gut“, freut sich die Kundin. Sie bedient sich hier regelmäßig.

„Das ist eine Win-win-Situation für alle Beteiligten“, findet Ulbricht und sieht AEZ als Pionier im Kampf gegen grassierende Lebensmittelverschwendung. Tonnenweise landet an sich noch genießbare Nahrung in Deutschland in den Müllcontainern des Handels. Entweder ist das Datum für die Mindesthaltbarkeit abgelaufen oder einer von sechs abgepackten Äpfeln ist angeschlagen. Wer im Abfall nach Essbarem wühlt, macht sich des allerdings strafbar.

„Alle waren begeistert“

Ulbricht und das Familienunternehmen AEZ haben das Problem für sich gelöst. „Wir können als Lebensmittelhändler nicht wegwerfen, was man noch essen kann“, sagt der Geschäftsführer. Vor eineinhalb Jahren habe man dann am AEZ-Stammsitz in Fürstenfeldbruck einen dreimonatigen Test mit einer ersten Foodsharing-Station gewagt und Kunden befragt. „Alle waren begeistert, es gab nur positives Feedback“, erzählt Ulbricht. Das Konzept wurde auf alle zehn Filialen übertragen. „Es funktioniert überall gleich gut“, freut sich der Manager.

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Seitdem stehen Foodsharing-Stationen inklusive Kühlbereich und einer Kiste mit Salatblättern oder Obstresten für Haustiere wie Hasen in allen AEZ-Filialen direkt hinter den Kassen. Während Ulbricht alles erklärt, leert sich das Umsonst-Regal zusehends. „Wir füllen mehrmals am Tag nach“, sagt er. Ware mit Mindesthaltbarkeit werde eine Woche vor Ablauf erst einmal auf die Hälfte reduziert. Am Tag des Ablaufs kommt sie dann in die Station, gemeinsam mit leicht angeschlagenen Lebensmitteln oder Bananen mit braunen Flecken auf der Schale. „So etwas kauft niemand mehr“, erzählt Ulbricht.

Zu Beginn herrschte Unsicherheit

Auch der Händler profitiert. Früher wurden allein in der Stammfiliale pro Woche 30 Mülltonnen vor allem mit Lebensmitteln gefüllt, heute sind es noch zehn. „Und die werden nicht mehr voll, zwei Drittel weniger Müllentsorgungskosten“, rechnet der Ulbricht vor. Das bringe auch Imagegewinn und das Gefühl, etwas ethisch Richtiges zu tun. Dabei habe es anfangs schon Bedenken gegeben. „Wir wussten nicht, was dabei herauskommt“, räumt der Manager ein.

Da war die Furcht, unerwünschte Klientel anzuziehen, die den Laden belagert und Stammkunden vertreibt. Sie war unbegründet. „Vereinzelt kommen Obdachlose, aber das läuft alles problemlos und völlig gesittet“, erzählt Ulbricht. Es werde auch nicht weniger verkauft als vorher, eher im Gegenteil. Ein Kunde habe ihm von einem Tzatziki erzählt, den er nie gekauft hätte aber umsonst aus der Foodsharing-Station mitgenommen habe, um ihn zu probieren. „Hat ihm so gut geschmeckt, dass er jetzt regelmäßig nachkauft“, freut sich der Händler.

Das Prinzip funktioniert nicht immer

Das Verschenken von Lebensmitteln funktioniert aber nicht immer. Anton Meyer kennt Fälle, wo von anderen Ketten vor Märkten aufgestellte Lebensmittelboxen wegen Vermüllung wieder abgebaut wurden. Der Betriebswirtschaftsprofessor ist an der Münchner Ludwig-Maximilians-Universität Chef des Instituts für Marketing. „Auf Dauer wird sich das oder eine ähnliche Lösung mit Sicherheit durchsetzen, weil es nicht sein kann, dass so viele Lebensmittel weggeschmissen werden“, glaubt er aber und sieht AEZ als Pionier.

Auch Ulbricht kennt Fälle, wo Konkurrenten Lebensmittel eher verschämt auf den Hof geschoben und zur Abholung freigegeben hätten. Derart unkontrollierte Abgabe provoziere Müllecken. „Man muss auch beim Verschenken eine Wertigkeit erhalten“, glaubt der AEZ-Manager. Es zu verstecken sei nicht der richtige Weg. Deshalb stünden die Stationen direkt hinter den Kassen, wo sie jeder sieht. Das Personal sei angehalten, sie nicht zu überfüllen, stetig nachzulegen und sauber zu halten.

Vorbild für Andere?

So könne es überall auch bei großen Ketten funktionieren. „Schade, dass es nicht mehr um sich greift, wir haben kein Patent darauf“, sagt der Manager zum organisierten Verschenken noch verzehrbarer Ware und fordert seine Branche zur Nachahmung auf. Der Handel könne der Nahrungsmittelvernichtung in Eigenregie entgegentreten, ohne auf Gesetze warten zu müssen. Das könne einen Imagegewinn für den gesamten Lebensmittelhandel bringen, von dem am Ende alle profitieren.

„Im Moment bestehen bei den Anbietern von Foodsharing-Konzepten noch Pioniervorteile, die positiv auf deren Image einzahlen“, stellt Marketing-Experte Meyer klar. Er rechnet mit weiteren Aktivitäten dieser Art inklusive Kooperationen mit Dritten wie Tafeln sowie rechtlichen Änderungen, um noch genießbare Lebensmittel nicht zu verschwenden. Für die Lebensmittelindustrie werde es hoffentlich zur Selbstverständlichkeit, in diesem Bereich einen Beitrag für die Gesellschaft zu leisten.

Von RND/Thomas Magenheim

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