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Wirtschaft Risiken durch Nahrungsergänzungsmittel
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08:49 03.01.2015
Von Frank Lindscheid
Das Geschäft mit Noni-Saft und Fischölen, Vitaminkapseln und Pflanzenextrakten ist europaweit zum Milliardenmarkt gewachsen. Quelle: dpa
Berlin/Düsseldorf

Glaubt man den Verheißungen der Anbieter, dann schwören die Kunden auf die Segnungen ihrer „Gesundheitsmittel“, wie die Präparate oft beworben werden. Dr. Hittich, einer der Branchen-Könige im Markt der Nahrungsergänzungsmittel, hat zum Beispiel das „GinkgoMax“ im Angebot, eine Art Allzweckwaffe gegen Beschwerden für Kopf und Geist.

 „Früher litt ich unter starkem Schwindel und schlechtem Gedächtnis. Seit ich Ginkgo nehme, geht es mir wieder gut“, zitiert die Website von Dr. Hittich eine Elvira S. Der Mann mit Firmensitz in den Niederlanden, der dem Betrachter auf seinen Werbe-Fotos als freundlicher Best-Ager im weißen Kittel entgegenstrahlt, macht mit Produkten wie „GinkgoMax“ seit Jahren Millionen-Umsätze. Der promovierte Biochemiker hat über ein ausgeklügeltes Versandsystem eine treue Gemeinde um sich geschart, die seine Mittel bisweilen gleich kartonweise ordert.

 Das Geschäft mit Noni-Saft und Fischölen, Vitaminkapseln und Pflanzenextrakten ist europaweit zum Milliardenmarkt gewachsen. Allein in Deutschland kommen Anbieter von „Nahrungsergänzungs“- und „Gesundheitsmitteln“ auf mehr als eine halbe Milliarde Euro Umsatz. Seit Jahren wächst der Absatz rasant, beschleunigt noch durch den Internet-Versandhandel.

 Dort tummeln sich Shops unter dem Label „Dr. Rath“, „Feelgood“, „Zentrum der Gesundheit“ oder „Vitaminexpress“, die so ziemlich alles in allen Spielarten anbieten. So wird zum Beispiel der beliebte Alleskönner Ginseng in Dutzenden Varianten von „Korea Ginseng“ bis „Doppelherz“ feilgeboten, als Kapsel, Dragee oder Tonikum. Wer es für sinnvoll hält, kann mit „Ultra-Ubiquinol Q 10“ angeblich den Alterungsprozess von Zellen verzögern. Wissenschaftlich belegbar ist das nicht, trotzdem werben manche Anbieter mit allen möglichen Studien und vor allem mit euphorischen Postings von angeblichen Kunden. Aber auch in Drogerie- und Supermärkten stehen längst Regale mit aller Art Nahrungsergänzungsmitteln.

 Hochwertige Zusatzkost, die Gesundheit bis ins hohe Alter beschert? Oder Kauderwelsch für Leichtgläubige? Verbraucherschützer ärgern sich seit langem über die Masche mit der Gesundheit – und warnen eindringlich, Nahrungsergänzungsmittel als natürliche Gesundmacher zu verharmlosen. Eine von ihnen ist die Ernährungswissenschaftlerin Angela Clausen, Expertin der Verbraucherzentrale Nordrhein-Westfalen. „Auch Nahrungsergänzungsmittel können Krankheiten beeinflussen, und zwar durchaus im negativen Sinn“, sagt sie. „Oft werden Wechsel- und Nebenwirkungen nicht bedacht. Es ist zum Beispiel bekannt, dass Grapefruitsaft die Wirkung von Medikamenten verändern kann. Das kann auch bei Nahrungsergänzungsmitteln passieren, die überdies Wirkstoffe in hoher Konzentration enthalten.“

 Die oft hohen Wirkstoffkonzentrationen sind für sich schon problematisch. Bei chronisch kranken Menschen aber, die dauernd Arzneimittel nehmen, können schwer berechenbare Wechsel- und Nebenwirkungen eintreten, wenn sie bestimmte Nahrungsergänzungsmittel schlucken. Die Mittel können, das haben Untersuchungen belegt, beispielsweise Fettwerte oder Blutzucker verändern, Medikamente verstärken oder blockieren. Das Etikett „natürlich“ bürgt also noch lange nicht für Gesundheit.

 Zudem ist eine unkontrollierte Grauzone entstanden. Nahrungsergänzungsmittel fallen in Deutschland nicht unter die Arzneimittelkontrolle, sondern – wie in den meisten EU-Staaten – unter das Lebensmittelrecht. Damit unterliegen sie keiner strengen Zulassungs- und Registrierungspflicht.

 Die grüne Bundestagsabgeordnete Nicole Maisch will das so nicht mehr hinnehmen. Sie fordert „Höchstmengen zum Beispiel für Vitamine und Mineralstoffe“, mit denen auch immer mehr Lebensmittel angereichert werden. „Wer häufig zu angereicherten Produkten oder Nahrungsergänzungsmitteln greift, der riskiert damit unter Umständen eine Überversorgung mit bestimmten Vitaminen oder Mineralstoffen und bringt seinen Stoffwechsel durcheinander“, mahnt die Grüne. Notfalls müsse die Bundesregierung im Alleingang handeln. „Wenn es die EU seit Jahren nicht schafft, eine Harmonisierung auf die Beine zu stellen, muss Deutschland erst einmal eine rechtlich mögliche nationale Lösung wählen.“