Menü
Kieler Nachrichten | Ihre Zeitung aus Kiel
Anmelden
Wirtschaft Auf der Suche nach der Wilke Wurst
Nachrichten Wirtschaft Auf der Suche nach der Wilke Wurst
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
07:59 10.10.2019
Von Ulrich Metschies
Verbraucher sollten sehr genau hinsehen. Der Rückruf gilt für die Marken Wilke, Haus am Eichfeld, Metro Chef, Service Bund Servisa, Casa, Pickosta, Sander Gourmet, Rohloff Manufaktur, Schnittpunkt, Korbach, Aro, Findt und Domino. Betroffen sind die Marken aber nur, wenn sie das Kennzeichen „DE EV 203 EG“ tragen. Quelle: Julian Stratenschulte/dpa
Kiel

Doch es eilt: Zwei Menschen sind gestorben, fast 40 erkrankt, weil sie Wurst gegessen hatten, die mit Listerien belastet war. Diese Bakterien stellen für Gesunde in der Regel keine Gefahr dar – können aber für Menschen mit geschwächtem Immunsystem lebensbedrohlich sein.

Lieferketten kaum durchschaubar

Der Handel mit Fleischwaren ist extrem verworren. Bevor die Ware beim Verbraucher landet, hat sie oftmals eine Reise durch die ganze Republik und darüber hinaus hinter sich: Wilke verkaufte seine Wurst an Zwischenhändler, die wiederum den Großhandel belieferten, bei dem sich nicht nur Supermarktketten eindecken, sondern der auch Dienstleister, Gastronomie und Großverbraucher wie Kliniken mit Lebensmitteln versorgt. Nach Angaben des Verbraucherschutzministeriums in Kiel ist in Schleswig-Holstein „flächendeckend eine große Zahl von Betrieben mit Wurstwaren aller Art der Firma Wilke beliefert worden“. Aktuell erhält das Ministerium nach Angaben von Sprecher Wolf Gehrmann „ständig neue Vertriebslisten“ von den zuständigen Behörden anderer Bundesländer.

Kreise werden "mit Listen beschossen"

Die Kreise, zuständig für die Lebensmittelkontrolle, sind mit Hochdruck dabei, die Abnehmer von Wilke-Wurst ausfindig zu machen. Kein leichtes Unterfangen: „Wir werden regelrecht mit Listen beschossen“, sagt Manuela Freitag, Leiterin des Kreis-Veterinäramtes Rendsburg-Eckernförde. „Ein Problem ist, dass diese Listen vielfach unvollständig oder veraltet sind.“ Da würden Anschriften genannt, unter denen weder eine Bäckerei, noch ein Restaurant oder irgendein anderer Abnehmer zu finden sei. Oder Telefonnummern stimmen nicht. Oder der genannte Betriebsinhaber ist verstorben. Seit Montag seien drei ihrer Kontrolleure mit nichts anderem beschäftigt, als Vertriebslisten abzuarbeiten und zu kontrollieren, ob alle Abnehmer den Verkauf der Wurst gestoppt haben.

Wie gefährlich sind Listerien?

Bei gesunden Menschen verläuft eine Infektion mit Listerien meist mild mit grippeähnlichen Symptomen. Gefährdet sind vor allem Kranke und Ältere, Säuglinge, Kleinkinder und Menschen mit einem geschwächtem Immunsystem sowie Schwangere. Listerien können nach einer Infektion die Plazentaschranke überwinden und eine Totgeburt zur Folge haben. Erst ein Erhitzen auf über 70 Grad tötet sie ab. Die Verbraucherzentrale rät Konsumenten, ihre Vorräte zu überprüfen. Betroffen sind nur Produkte mit dem Kennzeichen „DE EV 203 EG“. Mehr Infos gibt es unter: www.lebensmittelwarnung.de

Auch Lübecker Großhändler betroffen

Betroffen vom Wilke-Skandal ist auch das Unternehmen Service-Bund aus Lübeck, ein Zusammenschluss von mehr als 30 Fachgroßhändlern in ganz Deutschland, die Hotels, Gaststätten und andere Großabnehmer mit Lebensmitteln beliefern. Dort heißt es: „Wir nehmen die Situation sehr ernst und fordern die Kunden auf, die noch Fleisch- und Wurstwaren der Firma Wilke oder der Eigenmarke Servisa unter dem Identitätskennzeichen DE EV 203 EG vorrätig haben, diese Artikel zurückzugeben.“

Entwarnung bei Famila und UKSH

Zu leiden hat auch der schwedische Einrichtungskonzern Ikea. Über einen Großhändler habe der Deutschland-Ableger Wurst-Aufschnitt für die eigenen Restaurants von Wilker erhalten, sagte eine Sprecherin. Ikea habe den Verkauf umgehend gestoppt. Sowohl bei Famila als auch beim UKSH gab es Entwarnung. Nach Angaben des Gesundheitsministeriums kommen „vereinzelte Fälle von Listerien“ in Schleswig-Holstein „unabhängig vom aktuellen Fall immer wieder vor“. Eine auffällige Häufung in jüngster Zeit infolge der keimbelasteten Wurstwaren von Wilke sei nicht feststellbar.

Kritik an dezentraler Überwachung

Ungewohnte Einigkeit schafft der tödliche Listerienfall zwischen Verbraucherschützern und Fleischwirtschaft. Sowohl die Organisation Foodwatch als auch Deutschlands größter Fleischkonzern Tönnies würden den Kreisen nur allzu gerne die Hoheit über die Lebensmittelüberwachung entziehen: „Wir brauchen einheitliche Standards und mehr Objektivität“, sagt Clemens Tönnies, geschäftsführende Gesellschafter des Milliardenkonzerns, zu dem auch der schleswig-holsteinischer Wursthersteller Böklunder gehört. Auch die Verbraucherzentrale Schleswig-Holstein sieht Defizite: „Die Strukturen der Lebensmittelüberwachung reichen nicht aus, um Missstände zeitnah abzustellen und die Sicherheit von Verbrauchern zu gewährleisten“, sagt Iris Buschmann, Referentin Lebensmittel und Ernährung: „Bei bundesweiten Problemen sind bundesweite Lösungen notwendig.

Mehr aus der Wirtschaft lesen Sie hier.

Hier lesen Sie einen Kommentar von Ulrich Metschies zum Thema.

Der Verkauf des insolventen Windkraftanlagenherstellers Senvion ist auf der Zielgeraden: Ende der Woche soll der Deal mit Siemens Gamesa über Teile des Unternehmens unter Dach und Fach sein. Die Gewerkschaft hofft auf zügigen Abschluss des Deals.

Anne Holbach 09.10.2019

Kreditinstitute müssen bei der Europäischen Zentralbank (EZB) für ihre Einlagen Strafzinsen bezahlen. Diesen Druck geben sie nun vermehrt an Privatkunden weiter – und kündigen unter anderem alte Verträge. Doch Verbraucher können sich wehren.

09.10.2019

Langsam, aber sicher geht es beim deutschen Breitbandausbau voran – doch längst nicht in allen Regionen. Der Branchenverband VATM schlägt nun vor, an Bürger in unterversorgten Gebieten Gutscheine auszugeben.

09.10.2019