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Wirtschaft „Wir kosten den Steuerzahler kein Geld“
Nachrichten Wirtschaft „Wir kosten den Steuerzahler kein Geld“
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16:22 26.08.2019
Von Ulrich Metschies
Die Welt dreht sich immer schneller, und das fordert den Mittelstand ganz besonders: WTSH-Chef Bernd Bösche. Quelle: Ulf Dahl
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Kiel

Sie tritt in der breiten Öffentlichkeit selten in Erscheinung, sieht sich aber als wichtigen Katalysator für Innovationen, Unternehmensförderer und Motor für Neuansiedlungen: Die Wirtschaftsförderungs- und Technologietransfer Schleswig-Holstein GmbH (WTSH) feiert in diesen Tagen ihr 15-jähriges Bestehen. Im Interview sagt Geschäftsführer Bernd Bösche, warum es das öffentliche Unternehmen überhaupt geben muss.

15 Jahre WTSH, was waren da die größten Erfolge?

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Bernd Bösche: Unser Geschäft führt nicht zu dem schnellen, für alle sofort wahrnehmbaren Erfolg. Wir verwenden über 80 Prozent unserer Ressourcen auf Bestandsbetreuung, also dafür, Unternehmen bei Innovationen zu unterstützen oder dabei, neue Märkte zu erschließen. Das sind Themen, die sich über viele Jahre entwickeln – wo man dann plötzlich sieht: Da ist aus einem kleinen technologischen Impuls ein Unternehmen mit 400 Mitarbeitern geworden.

An welche Firma denken Sie da?

Nehmen Sie SLM Solutions aus Lübeck. Die Gründer hatten vor elf Jahren die Idee zur Entwicklung eines 3-D-Druckers. Wir haben die Entwicklung eines Prototyps gefördert. Heute ist SLM ein börsennotiertes Unternehmen mit 400 Leuten und Marktführer in Teilen des 3-D-Drucks – nicht immer in ruhigem Fahrwasser, aber sehr wachstumsstark und international erfolgreich.

Vielleicht noch ein zweites Beispiel?

Da denke ich an die Firma Adolf Nissen aus Tönning – bei den Wenigsten bekannt, obwohl sie täglich mit den Produkten konfrontiert werden. Die Firma stellt Verkehrsleittechnik her. Das sind zum Beispiel die bekannten rot-weißen Warnbaken für Baustellen. Schon die sind gar nicht so trivial, weil sie nachweislich so ausgelegt sein müssen, dass keine gefährlichen Teile durch die Gegend fliegen, wenn da ein Auto mit 80 Sachen draufknallt. Aber das ist Standard.

Was wir bei Nissen gefördert haben, ist eine neue Generation von LED-Verkehrsleittechnik, mit der sich das Unternehmen europaweit eine führende Stellung erarbeitet hat. Der nächste Schritt ist die Überführung der Verkehrsleittechnik in die digitale Welt – das heißt, dass die Leitsysteme direkt mit Fahrzeugen kommunizieren.

Wie hat sich in 15 Jahren Ihre Arbeit verändert?

Die Welt dreht sich einfach immer schneller, und das stellt natürlich auch Mittelständler vor ganz besondere Herausforderungen. Und: Das Umfeld, in dem Unternehmen agieren, ist sehr viel volatiler geworden. Die Märkte ändern sich viel schneller als früher. Getoppt wird das noch von Unsicherheiten wie dem Handelskonflikt USA-Europa und USA-China und dem Brexit.

Schließlich führen disruptive Entwicklungen, vor allem durch die Digitalisierung, dazu, dass etablierten Unternehmen schlagartig das Geschäftsmodell wegbrechen kann. Das heißt, dass wir unsere Innovationsstrategie ständig auf den Prüfstand stellen müssen.

Sie sind ein Unternehmen mit 80 Mitarbeitern und einem Etat von rund neun Millionen Euro. Davon steuert das Land Schleswig-Holstein und Ihre weiteren Gesellschafter ein Drittel bei. Sagen Sie doch mal, was Sie dafür unter dem Strich erreicht haben.

In diesen 15 Jahren haben wir allein rund 500 Unternehmen mit etwa 11000 Arbeitsplätzen nach Schleswig-Holstein geholt. Wenn Sie pro Arbeitsplatz nur mal den durchschnittlichen Einkommensteuersatz ansetzen, haben wir als WTSH uns schon dadurch amortisiert. Wir haben den Steuerzahler kein Geld gekostet, sondern dem Standort Schleswig-Holstein Geld gebracht.

Aber es ist viel zu kurz gedacht, die Ergebnisse unserer Arbeit nur in diesen Kategorien zu messen. Wir arbeiten daran, Innovationen voranzubringen und neue Technologien zu etablieren. Das ist für die Zukunftsfähigkeit eines Landes von enormer Bedeutung.

Hintergrund: WTSH

Vor 15 Jahren gegründet: Das ist die WTSH

Vorsicht, jetzt kommen viele Namen, und die meisten sind sperrig: Vor 15 Jahren, im August 2004, fusionierte die damalige Technologietransferzentrale Schleswig-Holstein mit der Wirtschaftsförderung Schleswig-Holstein zur Wirtschaftsförderung- und Technologietransfer Schleswig-Holstein GmbH (WTSH).

Gesellschafter wurden das Land Schleswig-Holstein (51 Prozent), die Industrie- und Handelskammern (40 Prozent) sowie, damals bundesweit einmalig, die Hochschulen des Landes (neun Prozent). Später kamen die Handwerkskammern als Gesellschafter dazu.

Die WTSH ist die zentrale Einrichtung der Wirtschaftsförderung in Schleswig-Holstein. Sie unterstützt Unternehmen dabei, Innovationen umzusetzen und ausländische Märkte zu erschließen. Im Auftrag des Landes ist sie zentraler Dienstleister für die Umsetzung der Innovationsförderprogramme im Rahmen des Landesprogramms Wirtschaft.

Darüber hinaus gehört es zu den Aufgaben der WTSH (80 Mitarbeiter, neun Millionen Jahres-Etat) Unternehmen für den Standort Schleswig-Holstein zu akquirieren und die Gründung neuer Unternehmen in Schleswig-Holstein zu initiieren und zu begleiten.

Die WTSH hat Büros in Indien, China, in den USA, Brasilien, Russland und Malaysia. Das klingt ganz schön teuer. Warum muss das sein?

Erstens: Diese Büros kosten den Steuerzahler kein Geld, sondern werden von den Unternehmen bezahlt, die sie auch nutzen. Zweitens: Viele Unternehmen in Schleswig-Holstein haben bei uns neue Arbeitsplätze geschaffen, weil sie sich neue Märkte in den genannten Ländern erschlossen haben. So ein Schritt ist für kleine und mittlere Unternehmen nur möglich, wenn es Unterstützung gibt.

Wir helfen bei den ersten Schritten, bei der Markterkundung, bei Zulassungsfragen oder beim Aufsetzen oder der Interpretation von Verträgen, etwa in chinesischer Sprache. Wie soll das ein kleiner Mittelständler leisten? Da braucht man schon einen Menschen seines Vertrauens.

Wir sind vor Ort, wir kennen die Mentalitäten, wir haben die Netzwerke. Nach zwei bis drei Jahren können die Unternehmen dann daran denken, eigene Mitarbeiter zu entsenden. Und die können in der ersten Zeit in unseren Büros einen guten und günstigen Arbeitsplatz finden. Wenn es dann richtig gut läuft, können die Firmen ein eigenes Büro eröffnen. Bis dahin ist viel Hilfe nötig. Und die leisten wir.