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Wirtschaft "Branche wird in den Ruin getrieben"
Nachrichten Wirtschaft "Branche wird in den Ruin getrieben"
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10:29 29.12.2017
Mit einem düsteren Ausblick startet die Windenergiebranche in Schleswig-Holstein ins neue Jahr. Quelle: Fredrik von Erichsen/dpa
Kiel

Mit einem düsteren Ausblick startet die Windenergiebranche in Schleswig-Holstein ins neue Jahr. Die Politik treibe die Branche in den Ruin, und hochqualifizierte Arbeitnehmer gerade aus den strukturschwachen Regionen würden gezwungen, sich woanders in Deutschland Arbeitsplätze zu suchen, sagte Reinhard Christiansen, Landesvorsitzender des Bundesverbandes Windenergie, der Deutschen Presse-Agentur.

Er verwies auf den Genehmigungsstopp für neue Windanlagen (bis auf wenige Ausnahmen) wegen der Erarbeitung neuer Regionalpläne in Schleswig-Holstein. Die Landesregierung will sie bis zum Sommer fertig haben und dann für die zweite Anhörung ein halbes Jahr auslegen.

Auch Christiansens Rückblick auf 2017 fällt durchweg negativ aus: Es sei ein weiteres Jahr ohne wirtschaftlich sichere Rahmenbedingungen für die Branche gewesen. Alle Bauanträge, die auf den geltenden Regeln (mit 400/800 Metern) geplant und vorfinanziert wurden von tausenden Bürgern im Land, seien mit dem Antreten der neuen Landesregierung im Juni 2017 hinfällig geworden. «Investitionen hängen seitdem in der Luft, und unendlich viele Gutachten verlieren ihre Gültigkeit. Somit haben wir in den nächsten Jahren einen fast kompletten Stillstand beim Ausbau der Windenergie in Schleswig-Holstein», sagte Christiansen.

"Planung nicht möglich"

Lediglich 25 Baugenehmigungen habe es seit Antreten der neuen Landesregierung gegeben. «Wir sind nicht mehr das Energiewendeland Nummer 1, die Branche steht vor riesigen wirtschaftlichen Schäden, die ersten Entlassungen finden bereits statt, eine unternehmerische Planung für 2018 und 2019 ist aktuell nicht möglich, Kurzarbeit und Entlassungen sind die Folge. Es hätte nicht schlimmer kommen können.»

Um an bundesweiten Ausschreibeverfahren teilzunehmen und so Zuschläge für neue Windanlagen zu erhalten, seien zwingend Baugenehmigungen notwendig. «Diese werden aber weiterhin nicht erteilt, damit wird in Schleswig-Holstein also 2018 kaum Zubau möglich sein», kritisierte Christiansen. Wie die Landesregierung gleichzeitig ihre Klimaschutzziele erreichen wolle, bleibe ein Rätsel.

Sollte die Landesregierung Ausnahmegenehmigungen erteilen für Anlagen, die zweifelsfrei nicht gegen die gültigen Kriterien verstoßen, könnte man viele Arbeitsplätze erhalten. Aktuell hängen laut Christiansen über 2000 Megawatt im Genehmigungsverfahren fest. Das entspreche der Leistung von zwei Atomkraftwerken oder der mehr als zweifachen Menge, die pro Jahr im gesamten Netzausbaugebiet in der Ausschreibung bezuschlagt werden dürfe.

"Anstieg um 5 Terrastunden Strom"

Dagegen sieht Energieminister Robert Habeck (Grüne) Schleswig-Holstein «trotz der schwierigen Neuaufstellung der Windplanung auf einem guten Weg». Die Energiewende sei «gut vorangekommen». «Die Ziele des Energie- und Klimaschutzgesetzes werden nicht angetastet und von der Landesregierung weiter mit Nachdruck verfolgt», betonte Habeck. Etwa 24 Terrastunden Strom könnten die im Norden installierten Anlagen an erneuerbaren Energien im Jahr 2017 geliefert haben, das entspräche etwa 150 Prozent des aktuellen Stromverbrauchs in Schleswig-Holstein. Im Vergleich zu 2016 gebe es einen Anstieg um 5 Terrastunden Strom.

Bis zum Jahr 2025 will Schleswig-Holstein 37 Terrawattstunden Öko-Strom produzieren. «Das ist vor allem angesichts der schwierigen Lage bei der Regionalplanung ambitioniert, aber durchaus noch zu schaffen», sagte Habeck. «Klar ist aber auch, dass der Bund den Ausbaudeckel für die Windenergie an Land deutlich anheben und das Netzausbaugebiet wieder abschaffen muss.»

Habeck sieht Fortschritte beim Netzausbau, «den wir konsequent vorantreiben». In Kürze werde die Mittelachse von Audorf bis Hamburg angeschlossen und den Strom aus dem Norden abführen. Die Westküstenleitung befindet sich bis zum dritten Abschnitt nach Husum im Bau – «wenngleich es bei dem Wetter des Jahres und dem weichen Baugrund Verzögerungen gibt: Der erste Abschnitt ist im Betrieb, das Dreibein, das das TenneT-Netz mit Hamburg verbindet, ebenso.»

Vorläufige Bilanz 2017

WINDENERGIE-LEISTUNG: In Schleswig-Holstein gibt es derzeit rund 6,3 Gigawatt (GW) installierte Leistung aus genehmigungspflichtigen Onshore-Windkraftanlagen und damit 0,3 GW mehr als 2016. Die Leistung entspricht etwa der von sechs Atomkraftwerken. Hinzu kommen rund 1,7 GW aus den in Schleswig-Holstein ans Stromnetz angeschlossenen Offshore-Windparks sowie 0,2 GW kleine und Kleinwindkraftanlagen. Zum Vergleich: Im Jahr 2007 waren erst 2,42 GW und in 2012 knapp 3,4 GW Onshore-Windenergie installiert.

STROMERZEUGUNG: 2016 wurden 14,8 Terrawattstunden (TWh) Strom aus Windenergie Offshore und Onshore erzeugt - rechnerisch entsprach das 95 Prozent des Bruttostromverbrauchs Schleswig-Holsteins. Insgesamt lieferten die Erneuerbaren Energien sogar 19,2 TWh oder 122 Prozent des Bruttostromverbrauchs. Für 2017 liegen die Schätzungen bei 24 TWh - das entspräche etwa 150 Prozent des aktuellen Stromverbrauchs in Schleswig-Holstein. Bis zum Jahr 2025 strebt die Landesregierung 37 TWh an.

Von dpa

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