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Wirtschaft Immer weniger Bauern bauen die Frucht an
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11:00 26.07.2019
Von Anne Holbach
640.000 Tonnen Zuckerrüben wurden in Schleswig-Holstein im vergangenen Jahr geerntet. Der Ertrag lag hier mit 68 Tonnen pro Hektar zehn Prozent unter dem Vorjahresergebnis. Quelle: Tilmann Post
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Kiel

„Wenn der Zuckerrübenanbau nicht mehr rentabel ist, werden sich Landwirte in Deutschland von der Rübe abwenden“, sagte der Chef der Wirtschaftlichen Vereinigung Zucker (WVZ), Hans-Jörg Gebhard, der „Welt am Sonntag“. Das könne einen Verlust von Tausenden Arbeitsplätzen in der Zuckerindustrie zur Folge haben.

„Die Rübenbauer trifft es von allen Seiten“, sagt Landwirt Jochen Johannes Juister aus Nordhastedt, der auch Vorsitzender des Nordzucker-Aufsichtsrates ist. „Die Branche hat versucht, sich auf die Deregulierung des Zuckermarktes einzustellen. Hinzu kommen aber politische Vorgaben oder Entscheidungen, die den Wettbewerb verzerren.“

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Nicht alle EU-Länder halten sich an Beize-Verbot

Ein Beispiel sei das Verbot der Neonicotinoide. „Das ist eine Beize, mit der das Saatgut behandelt wird. Sie schützt die Keimlinge vor Schädlingen“, erklärt Juister. Die EU-Kommission hatte 2018 entschieden, dass drei insektizide Wirkstoffe aus dieser Gruppe nicht mehr verwendet werden dürfen, weil sie als Bienen gefährdend gelten. „Dabei ist die Rübe keine Pflanze, die blüht. Sie wird also gar nicht von Bienen angeflogen“, sagt Landwirt Eckhard Claußen, der in Barkelsby auf 50 Hektar Zuckerrüben anbaut.

„Die Neonicotinoide sind eigentlich in ganz Europa verboten. Viele Länder haben aber Sonderregelungen erlassen. Deutschland nicht. Das führt zu Wettbewerbsverzerrungen,“ so Juister.

Bauern müssen stattdessen häufiger spritzen

Wenn Landwirte diese Form des Pflanzenschutzes nicht nutzen dürfen, müssen sie die Kontrolle im Jugendstadium der Rüben deutlich erhöhen. „Sonst fressen sie die Läuse oder andere Schädlinge“, sagt Claußen. In den ersten fünf bis sechs Wochen nach der Aussaat müssten die Bauern deswegen mehrfach spritzen. „Dabei wollen wir ja eigentlich, dass weniger gespritzt wird“, sagt Juister, der in Nordhastedt die Verantwortung für knapp 100 Hektar Zuckerrübenanbau trägt.

Schleswig-Holstein: Anbaufläche schrumpft seit den 90er-Jahren

Landesweit hat sich die Anbaufläche in den vergangenen 20 Jahren stetig verkleinert: 1998 war sie noch etwa 15.096 Hektar groß, im vergangenen Jahr maß sie nur noch 9400 Hektar (siehe Grafik). „Wenn nicht nur weniger auf der Erlösseite bleibt, weil die Preise runtergehen, sondern gleichzeitig die Kosten steigen, steigen Bauern aus dem Zuckerrübenanbau aus“, sagt Juister. Er wolle trotzdem weiter auf Zuckerrüben setzen – auch weil er sie für seine Fruchtfolge brauche. In der EU liegt der Zuckerpreis mit 314 Euro pro Tonne derzeit auf einem historischen Tiefstand.

Minus beim Ertrag um 24 Prozent

2018 war der Ertrag wegen der Dürre schlecht: Nur 26,1 Millionen Tonnen Zuckerrüben wurden in Deutschland von den Feldern geholt, das waren 24 Prozent weniger Ertrag als im Vorjahr. Etwa sieben Kilo Zuckerrüben ergeben ein Kilo Zucker.

Am meisten Zuckerrüben wurden mit 7,2 Millionen Tonnen in Niedersachsen geerntet, dahinter liegen Bayern und Nordrhein-Westfalen. Schleswig-Holstein zählt mit 640.000 Tonnen zu den kleineren Produzenten.

Keine Zuckerfabriken mehr im Land

„Zuckerrüben spielen in Schleswig-Holstein eher eine untergeordnete Rolle, weil wir keine eigene Zuckerfabrik mehr haben“, sagt Daniela Rixen von der Landwirtschaftskammer. Zum Teil würden die Rüben aber für die Vergärung in Biogasanlagen eingesetzt.

Mitte der 90er Jahre schloss die Fabrik in St. Michaelisdonn (Kreis Dithmarschen), als sich die Zuckerindustrie in Norddeutschland neu formierte. 2003 machte auch die Fabrik in Schleswig zu. Die Bauern liefern ihre Rüben seitdem ins niedersächsischen Uelzen zu Nordzucker. Das Unternehmen, an dem viele Landwirte beteiligt sind, schloss das vergangene Geschäftsjahr mit einem Umsatzrückgang von 18 Prozent auf 1,35 Milliarden Euro ab.

Mercosur-Abkommen macht der Branchen Sorgen

Sorge macht der Industrie das geplante Freihandelsabkommen mit den Mercosur-Staaten, mit dem die Einfuhrzölle für Zucker aus Südamerika wegfallen. „Da kommt die nächste Keule auf uns zu“, sagt Bauer Claußen.

Laut WVZ würden jährlich 190.000 Tonnen Zucker aus Südamerika zollfrei auf den EU-Markt kommen. Das entspreche der Produktion einer deutschen Zuckerfabrik. Bundesweit gibt es noch 20. Südzucker kündigte allerdings schon an, zwei seiner Werke zu schließen.