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Wissen Abstammungstests werden immer beliebter
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08:00 10.08.2019
Die Anbieter von Tests zur genetischen Abstammung tun so, als würde das die eigene Weltoffenheit fördern und Nationalismus bekämpfen – dabei ist eher das Gegenteil der Fall. Quelle: Montage: RND, Fotos: Milkos/Getty Images/iStockphoto
Berlin

Im Werbespot scheint das Ganze zu funktionieren: Er zeigt Menschen aus verschiedenen Ländern, die „stolz” auf ihre vermeintliche Herkunft sind. So wie der Brite, der sein Land für das Beste der Welt hält und keine Deutschen mag. Die Kurdin, die gern traditionelle Feste feiert und wenig Sympathien für den türkischen Staat hat. Oder ein Pakistaner, der sich nicht für Indien begeistern kann.

Ein Team aus Wissenschaftlern lässt sie dann in ein Röhrchen spucken, um ihre genetische Abstammung festzustellen. Mit zittrigen Fingern empfangen die Testteilnehmer ihre Resultate und sind überwältigt: Die Kurdin hat anteilig türkische Wurzeln. Der Engländer muss einsehen, dass er ein bisschen deutsch ist.

Und eine Frau, die sich für eine „reine“ Französin gehalten hatte, stammelt begeistert: „Der Test sollte für jeden Pflicht sein, dann wäre niemand mehr so dumm zu glauben, dass es so etwas wie eine reine Rasse gibt.”

„Die Menschen suchen nach einem Gefühl von Zugehörigkeit“

Mehrere dutzend Firmen weltweit bieten über das Internet Selbsttests zur genetischen Abstammung an. Anhand von Speichelproben wird bestimmt, zu welchem Anteil man angeblich von bestimmten „Urvölkern“ wie den Wikingern abstammen soll. Die Anbieter tun dabei so, als würde das die eigene Weltoffenheit fördern und Nationalismus bekämpfen.

Aber stimmt das? Soziologen der University of British Columbia befragten Amerikaner, bevor und anderthalb Jahre, nachdem diese einen Ahnengentest gemacht hatten. Es zeigte sich: Für neue Erkenntnisse über ihre genetische Herkunft waren die meisten nur offen, wenn diese ihnen gefiel. Ansonsten lehnten sie die Genanalyse als fehlerhaft ab.

„Die Menschen entscheiden sich oft für solche Tests, weil sie nach einem Gefühl von Zugehörigkeit suchen,” sagt Wendy Roth, Hauptautorin der Studie. Gentests seien aber nicht der richtige Weg, um nach seiner Identität zu forschen.

Mit jeder Generation mischt sich das Erbgut neu

Die Aussagekraft der Gentests ist tatsächlich fraglich. So mischt sich mit jeder Generation das Erbgut neu – jeder Mensch erhält 50 Prozent seiner DNA von der Mutter und 50 Prozent vom Vater. Das genetische Material, das von einem einzelnen Vorfahren erhalten bleibt, „verdünnt“ sich so schon nach nur sieben Generationen auf unter 1 Prozent.

Genetisch zurückverfolgen lässt sich bei Männern eine väterliche Linie; in dieser wird nämlich jeweils das Y-Chromosom weitergegeben. Und über eine rein mütterliche Linie gibt die DNA der Mitochondrien, bestimmter Zellorganellen, Auskunft. Da sich der Stammbaum mit jeder Generation weiter verzweigt, machen diese beiden Linien aber nur einen kleinen und immer winziger werdenden Bruchteil des Erbguts aus.

Axel Weber, Experte für humangenetische Beratungen am Universitätsklinikum Gießen und Marburg, sagt: „Aus humangenetischer Sicht sind solche Tests zur Ahnenforschung eher als ein Spaßding zu betrachten, also nicht mehr als eine Spielerei.”

Ein bisschen amerikanisch, ein bisschen europäisch: Ergebniskarte einer DNA-Online-Untersuchung beim Anbieter MyHeritage.. Quelle: MyHeritage

Zwar gebe es durchaus Besonderheiten im Erbgut, die typisch für bestimmte ethnische Gruppen sein können. „Dabei handelt es sich aber nicht um Gene, oft nicht einmal um Genabschnitte, sondern meist nur um einzelne ,Buchstaben’ in der DNA”, sagt er. Noch dazu seien das in der Regel nicht kodierende Sequenzen, was bedeutet, dass sie meist keine wichtigen genetischen Informationen tragen.

Es ist als also ein Missverständnis, wenn man glaubt, dass die Tests beispielsweise „Wikinge-Gene“ im Erbgut eines Menschen finden könnten und diese sich dann auch noch in charakteristischer Art und Weise bemerkbar machen würden. „Ich sehe bei solchen Tests ganz einfach nicht den Nutzen“, sagt Weber. Normalerweise berät er Menschen mit möglichen Erbkrankheiten – genetische Tests sind in diesem Fall medizinisch sinnvoll.

Roman Jeltsch ist in der Opferberatungsstelle response der Bildungsstätte Anne Frank tätig, einer Frankfurter Einrichtung, die sich gegen fremdenfeindliche Gewalt, Rassismus und Antisemitismus einsetzt. Glaubt er, dass Gentests den Weg zu Toleranz und Völkerverständigung ebnen – weil sie zeigen, dass wir alle gemischtes Erbgut haben und im Grunde von überall herkommen? „Nein, das wissen wir doch schon längst”, sagt Jeltsch. „Es gibt keine Menschenrassen, sondern nur Menschen gleicher Abstammung.“

Gentests bergen die Gefahr, rassistische Denkmuster zu verfestigen

Die Gentests könnten aber schnell einen anderen Eindruck vermitteln und würden eher die Gefahr bergen, rassistische Denkmuster zu verfestigen, meint er. „Im Rassismus wird versucht, soziale Konstrukte wie die Nationalität biologisch zuzuordnen.”

Mit dem scheinbar Anderen würden dann meist noch naturgegebene negative Eigenschaften oder körperliche Merkmale verknüpft. „Ein aktuelles Beispiel wäre, wenn Männern aus Nordafrika pauschal sexuelle Übergriffigkeit nachgesagt wird”, sagt Jeltsch.

Auch vielleicht harmlos gemeinte Gentests zur Abstammung führten zu einer Verfestigung der biologischen Sichtweise. Denn warum sollte sich auch jemand dafür interessieren, von welchem „Volk“ er angeblich abstammt, wenn er damit nicht eine Erwartung verbinden würde?

Mögliche „Urvölker“: Wikinger, Kelten, Germanen, Basken – und Juden

So sollten Darsteller der HBO-Serie „Vikings” in einem weiteren Werbevideo per Gentest ihren angeblichen Wikinger-Anteil bestimmen. Gefragt, wie Wikinger denn so seien, antworten sie spontan: barbarisch und abenteuerlustig. Abenteuerlustig seien sie auch, finden die Akteure und schätzen ihren Wikinger-Anteil im Erbgut entsprechend hoch ein.

Ein Anbieter im deutschsprachigen Raum listet als mögliches „Urvolk” neben Wikingern, Kelten, Germanen und Basken tatsächlich auch Juden als mögliche Variante auf. „Juden ist an der Stelle hochproblematisch. Denn Jüdischsein ist eine Zugehörigkeit zu Religion und Tradition, keine Blutabstammung, wie unter den Nazis behauptet”, sagt Jeltsch.

Das beste Mittel gegen Rassismus, meint Jeltsch, sei kostenlos und komme nicht aus dem Labor. „Jeder sollte ständig seine eigenen Denkmuster überprüfen und sich klar machen: Wenn ich biologische Merkmale wie die DNA einer bestimmten Kultur zuordnen möchte oder umgekehrt, begehe ich einen Fehler. Und ich missachte das Individuelle, das die wahre Identität jedes Menschen ausmacht.”

Von Irene Habich

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