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20:01 26.08.2016
Bäume aus dem Wald einfach in die Stadt verpflanzen – das funktioniert nicht. Ein Forschungsprojekt soll jetzt herausfinden, welche Baumarten dem Klimawandel in Zukunft trotzen können – und welche mehr schaden, als dass sie nutzen. Quelle: RND
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Ohne Stadtbäume wäre jeder Ort ein trostlos einbetonierter Lebensraum. Für viele Anwohner allerdings sind Stadtbäume eine Zumutung. Und nicht wenige Deutsche hegen veritable Kettensägenfantasien. Eigentlich, so berichten Gartenämter, gebe es keinen Baum, über den sich Anwohner nicht beschweren würden.

Da ist zum Beispiel die Linde, die Autos und Straßenzüge im Juli mit einem klebrigen Schmierfilm überzieht, oder die Birke, die Allergiker quält. Die Ansprüche an einen Stadtbaum sind entsprechend hoch: Er soll nicht stinken, kleben oder lärmende Vögel anziehen, er soll weder Pollen produzieren noch das Pflaster mit seinen Früchten verschandeln, seine Wurzeln sollen keine Gehwege aufwölben.

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Dafür soll er jederzeit sturmsicher sein, Hitze und Frost aushalten, Schatten spenden, Schädlinge überleben, Urin, Kot und Streusalz ertragen und natürlich stets schön anzusehen sein. Die Leute wollen den perfekten Stadtbaum. Doch gibt es den überhaupt?

Spezialisten statt Allrounder

Wer das erfahren will, muss nach Franken reisen. In der Bayerischen Landesanstalt für Weinanbau und Gartenbau in Veitshöchheim bei Würzburg versuchen Biologen und Forstleute Bäume zu finden, die den Anforderungen der Zukunft am ehesten gewachsen sind. "Stadtgrün 2021" heißt das europaweit einzigartige Projekt, bei dem an drei verschiedenen Standorten 20 neue Arten getestet werden.

"Praktische Forschung" nennt das die Biologin Susanne Böll, die zusammen mit dem Landschaftsplaner Philipp Schönfeld das Projekt leitet. In aller Welt haben sie sich nach neuem Stadtgrün umgeschaut. Interessant waren vor allem solche Bäume, die in extremen Klimazonen gedeihen. Den Wald wie früher einfach in die Stadt zu holen ist heute undenkbar. Gesucht werden keine Allrounder, sondern Spezialisten.

Die Auswahl der Testobjekte steht in einem Würzburger Gewerbegebiet. Würzburg mit seinem Weinbauklima ist der wärmste Standort des Projekts. Hier müssen die Bäume Hitze und Trockenheit einer Stadt aushalten, ohne frostempfindlich zu sein. Die anderen Testbäume der Versuchsreihe stehen im oberfränkischen Hof mit seinem bayerisch-sibirischen Klima sowie im regenreichen Kempten im Allgäu. Ein Baum, der an allen drei Standorten zurechtkommt, kann nicht zimperlich sein.

Robust genug für die Stadt? Die Hopfen-Buche stammt aus Südosteuropa, wo sie auf trockenen und sonnigen Berghängen sowie in lichten Wäldern wächst. Die Purpur-Erle ist in den Niederlanden ein weit verbreiteter Straßenbaum, wächst kräftig und gilt als anspruchslos. Quelle: LWGB

Robustheit ist mit das Wichtigste. Denn die heimischen Stadtbäume kränkeln immer häufiger. Das Stadtleben ist für viele von ihnen zur Belastung geworden, und spätestens nach 80 Jahren ist es vorbei. Älter werden Stadtbäume – im Gegensatz zu Waldbäumen – in der Regel nicht. Kein Wunder: Im Untergrund müssen sie sich gegen Kabel, Rohre und Beton behaupten, und an der Erdoberfläche verhindert Asphalt, dass genug Luft und Wasser an die Wurzeln gelangen. "Wenn man die Straße aufgräbt, fragt man sich, wie die Bäume das überhaupt noch schaffen", sagt Philipp Schönfeld.

In der stressigen Umgebung werden Stadtbäume zudem anfällig für Krankheiten und Schädlingsbefall. Erst starben die Ulmen, dann raffte ein Pilz die Eschen dahin. Die Eichen kämpfen mit der Raupe des Prozessionsspinners, und Rosskastanien tragen oft schon im Mai braune Blätter als Folge einer Miniermotteninvasion. Noch tückischer ist die Massaria-Krankheit der Platanen: Ein Pilz zersetzt das Holz, Äste faulen unbemerkt von oben. Dann reicht ein Windstoß, um dicke Äste abzubrechen.

Die Bäume der Zukunft hat man zwischen zwei Supermarktparkplätze gepflanzt. "Dort, wo heimische Bäume funktionieren, ist es wunderbar. Aber viele werden es in Zukunft nicht mehr packen", erklärt Susanne Böll. Zwei Themen beschäftigen die Wissenschaftler seit ein paar Jahren. Das eine ist die aufgeregte Migrationsdebatte unter Ökologen. Einige Biologen befürchten eine ökologische Wüste. Ihr Argument lautet: Es sei völlig unklar, ob die deutsche Spinne künftig auf fremden Bäumen leben kann und möchte.

Zwischen Backofen und Frostphasen

Das andere Thema ist der Klimawandel. Schon heute verwandelt sich die Stadt im Sommer regelmäßig in einen Backofen. Zugleich müssen die Bäume aber heftige, wenn auch seltener werdende Frostphasen aushalten.
Einer der großen Hoffnungsträger ist Alnus spaethii. Die Purpur-Erle erfüllt alle Kriterien. Sie ist anspruchslos, verträgt Wind, Trockenheit und Salz.

Ihr einziger Nachteil sind ihre Pollen. Sie verstäubt gleich so viele davon, dass sie etwa in Zürich schon nicht mehr angepflanzt werden darf. Also doch nicht empfehlen? "Wenn es einzig um Allergien ginge, müssten wir jeden zweiten Stadtbaum in Deutschland fällen", sagt Schönfeld. Soll heißen: Den perfekten Stadtbaum gibt es also doch nicht.

Aber mehr oder wenige geeignete. Die Ungarische Eiche zum Beispiel. Sie ist von der heimischen Eiche zwar nicht zu unterscheiden, dafür aber deutlich toleranter gegenüber Trockenheit. Weitere Bäume auf der Hitliste sind eine gegen Pilze resistente Ulmenart, der aus dem Iran stammende Eisenholzbaum, die prächtige, aber etwas salzempfindliche Kobushi-Magnolie aus Japan und der Amberbaum aus Nordamerika. Letzterer ähnelt dem heimischen Ahorn und ist in Neuengland wegen seiner knallroten Herbstfärbung beliebt. Weil er einen garstigen Abwehrstoff gegen Schädlinge einsetzt, mögen ihn Ökologen allerdings nicht ganz so gut leiden.

Umstrittene Exoten: Lederhülsenbaum und Kobushi-Magnolie kommen aus Amerika bzw. Japan. Der Lederhülsenbaum entzieht dem Boden Stickstoff, trägt aber unter Umständen große Dornen. Die Magnolie verträgt auch große Kälte und blüht sehr dekorativ. Ob heimische Insekten davon profitieren ist jedoch unklar. Quelle: LWGB

Was bei der Auswahl alles schiefgehen kann, verdeutlichen Schönfeld und Böll an Ginkgo biloba. Die gelben, stinkenden Früchte des weiblichen Bäume verwandeln Straßen und Wohngebiete jeden Herbst in eine Brechreizgegend, zudem wächst er zu langsam. Es gibt aber noch einen weiteren Grund, weshalb der Ginkgo in Mitteleuropa besser nicht angepflanzt werden sollte: Kaum ein hier heimisches Insekt verirrt sich auf diesen Baum, nicht einmal Schädlinge. Bedrohen neue Stadtbäume also die Lebensräume heimischer Kleintiere und damit die Artenvielfalt?

Darüber wird es unter Biologen weiterhin Streit geben. Klimaforscher dringen auf eine schnelle Anpassung an eine wärmere Zukunft. Ökologen warnen hingegen vor voreiligen Entscheidungen, die zu irreversiblen Veränderungen des Ökosystems führen könnten. Gewiss ist, dass es Eiche, Ahorn und Platane im Stadtdschungel immer schwerer haben werden. Ungewiss ist indes, ob Exoten eine vertretbare Alternative sind. Als Symbol naturwüchsiger Beständigkeit inmitten der Unrast menschlicher Siedlungen taugen Bäume damit immer weniger.

Von Andreas Frey

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