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Wissen Das Auto wird zum Menschenversteher
Nachrichten Wissen Das Auto wird zum Menschenversteher
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21:07 15.04.2016
Aggressives Fahren ist verantwortlich für die meisten Verkehrsopfer in Deutschland. Forscher wollen jetzt die Emotionen von Autofahrern auswerten und beeinflussen. Quelle: RND / Fotolia
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Drängeln, Lichthupe, den Vogel zeigen – auf Deutschlands Straßen herrscht das Recht des Forscheren. Wer stärker aufs Gaspedal drückt, gewinnt. Bei 180 Kilometern pro Stunde kann das schnell tödlich enden. Allein im Jahr 2015 starben in Deutschland 3475 Menschen bei Verkehrsunfällen.

Diese Zahl soll geringer werden. Seit einigen Jahren arbeiten Verkehrspsychologen und Computerwissenschaftler daran, direkt im Auto den Emotionshaushalt des Fahrers zu beeinflussen. Spezielle technische Systeme sollen Aggressionen frühzeitig erkennen und ihnen sofort entgegenwirken.

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Das ist der Grund, weshalb Verkehrspsychologin Meike Jipp und ihr Team vom Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR) in Braunschweig regelmäßig Testpersonen in den Fahrsimulator stecken. Diese werden virtuell in frustrierende Straßenverkehrssituationen gebracht. Dabei wird aufgezeichnet, wie das Gehirn und die Gesichtsmuskeln der Probanden reagieren. Auf Basis dieser Beobachtungen und Daten will das DLR eine Software entwickeln, die Emotionen erkennt. Im 21.  Jahrhundert soll das Auto endlich zum Menschenversteher werden.

Stresstest im Fahrsimulator

Jipp führt in einen runden Raum, in dem sich der Fahrsimulator befindet: Ein echter Kleinwagen, in dem allerlei Technik installiert ist, drum herum wird eine Umwelt projiziert. Hier absolvieren die Testfahrer das Frustprogramm, das die Forscher eigens für dieses Experiment entworfen haben.

Die Probanden müssen den Wagen durch eine künstliche Stadt steuern und dabei mit brenzligen und nervenaufreibenden Situationen zurechtkommen. Gelingt es ihnen, die Route unfallfrei zu absolvieren – sie müssen ein Paket zustellen –, bekommen sie 2 Euro. Zeit für einen Selbstversuch.

Ich werde verkabelt: Ein Blick in den Spiegel zeigt mir: Ich sehe aus wie eine elektrische Medusa, statt Schlangen kringeln sich Kabel auf meinem Kopf. Diese münden in den Anschlüssen einer besonderen Mütze. Die darin eingebaute Nahinfrarotspektroskopie-Technologie (NIRS) misst, wie stark die darunterliegende Hirnregion durchblutet ist. Die Forscher erfahren so, wann sauerstoffreiches Blut in den präfrontalen Kortex steigt. Je mehr davon dorthin fließt, desto stärker versucht mein Gehirn, seine Impulse zu kontrollieren.

Der Emotionstest: Der verkabelte Fahrer fährt durch eine virtuelle Stadt voller Krisensituationen. Quelle: Zeller

Ein Forscher reicht mir ein Schriftstück durch das Seitenfenster. "Hier, unterschreiben Sie bitte, dass Sie nicht schwanger oder Epileptikerin sind. Sie haben sechs Minuten Zeit, das Paket auszuliefern. Viel Spaß." Dann fällt die Tür des Raums ins Schloss. Vor der Frontscheibe tauchen Häuserschluchten auf. "Sie können losfahren", sagt ein Forscher über das Mikrofon. Ich strecke das rechte Bein durch. Draußen beginnen die Gebäude der Stadt vorbeizuziehen. Immer schneller.

"Biegen Sie an der Kreuzung bitte rechts ab", befiehlt die Lautsprecherstimme. Ein Blick auf den Tacho zeigt 60 Stundenkilometer. Noch zehn Meter bis zur Kreuzung. Das wird eng. Lenkrad einschlagen. Der Wagen steuert auf eine Hauswand zu. Stärker einschlagen. Der Wagen schwimmt.

Immerhin ist er noch auf der Straße, allerdings auf der Gegenfahrbahn. Noch stärker einschlagen. Und schon war es zu viel. Der Wagen rast jetzt auf den Gehweg zu, über den Bordstein. Nicht lustig. Im echten Leben hätte ich nicht nur das Auto geschrottet, sondern möglicherweise sogar einen Fußgänger totgefahren.

Hindernisse im virtuellen Parcours

Ein neuer Versuch. "Beim ersten Mal ist es immer schwierig", sagt der Forscher verständnisvoll. "Normalerweise dürfen Probanden länger im Simulator üben." Daran wird es liegen. "Können wir?", fragt die Stimme. Dieses Mal läuft es besser. Die Kurve kommt nicht so unerwartet. Dennoch: Ein Bus zuckelt die Straße lang. Das kostet wertvolle Zeit.

Obwohl es von Anfang an klar war, dass die Wissenschaftler Hindernisse in den virtuellen Parcours einbauen würden, reagiert man gereizt. Schon wieder eine Ampel. Der Blick geht zur Uhr: Nur noch zweieinhalb Minuten. Drinnen im Labor starrt zu diesem Zeitpunkt Psychologin Jipp auf den Bildschirm und beobachtet meine Tour. Je hektischer die Fahrt wird, desto mehr kann sie beobachten. Und ihr entgeht nichts.

Was ist da vorne schon wieder? Eine Fahrbahnverengung wegen einer Baustelle. Erst mal den Gegenverkehr passieren lassen, dann Gas geben. Die Hälfte der Baustelle ist passiert, da rollt ein roter BMW heran. Wo kommt der denn bloß her? Beide Wagen bremsen. Stehen Motorhaube an Motorhaube. Und jetzt? Die Zeit rennt. Schleierhaft, wie es möglich sein soll, dieses Programm in sechs Minuten zu absolvieren, ohne gegen sämtliche Verkehrsregeln zu verstoßen.

Lange Liste der Frustrationsmerkmale

"Kann ich durch die Baustelle fahren?" Ausnahmsweise. "Sie haben die Zeit überschritten", ertönt da die Stimme aus dem Off. Der Fuß gleitet vom Gaspedal. Der Wagen rollt langsam aus. Stille.

"So, jetzt sehen wir uns mal Ihren präfrontalen Kortex an", sagt Meike Jipp gut gelaunt. Der Bildschirm zeigt ein animiertes Gehirn. Mein Gehirn. Über der Stirn liegt eine Region, die knallrot ist. Die Liste meiner Frustrationsmerkmale ist lang. Mit jedem erkannten Merkmal steigt die Laune der Leute vom DLR. Ich bin ein tolles Versuchskaninchen.

"Hochgezogene Schultern, angespannte Kieferregion, ruckartige Lenkbewegungen und diese Grübchenbildung am Mund – ganz typisch." Es zeigt sich, dass mein Gehirn viel Energie damit verbraucht, den Ärger unter Kontrolle zu halten.

Im Leitstand wird erfasst, wie sehr der Parcours die Fahrer stresst und wie sich deren Emotionen äußern. Quelle: Zeller

Was im gut ausgeleuchteten Labor relativ einfach zu sehen ist, fällt in der Praxis schwer. "Durch die Bewegung des Autos fällt mal mehr und mal weniger Licht auf das Gesicht des Menschen", erläutert Jipp. "Vorbeiziehende Bäume oder Tunnel erschweren die Arbeit der Kamera."

Andere Forscher – etwa beim Ingolstädter Autobauer Audi – setzen deshalb auf sogenannte Wearables wie Smartwatches oder Activity-Tracker. Diese tragbaren Computer könnten den Puls messen und mit dem Bordcomputer kommunizieren. Vermutlich arbeiten alle großen Autohersteller an entsprechender Technologie.

Doch selbst wenn Emotionssignale präzise erfasst werden können, bleiben offene Fragen. Es gilt, einen Algorithmus zu entwickeln, der die von den Sensoren und Kameras gesammelten Daten zuverlässig interpretiert. Wie etwa soll der Computer unterscheiden, ob der Fahrer angesichts der schlechten Nachrichten des Radiosprechers betroffen ist oder ob er frustriert ist, weil der Wagen vor ihm zu langsam fährt? "Wir sind immer noch auf der Suche nach Indikatoren, die nur bei Frustration aktiv werden", sagt Jipp.

Vom Labor auf die Straße

Erst wenn Autos die Emotionen ihrer Fahrer einwandfrei identifizieren könnten, ließen sich diese auch beeinflussen. Bislang sind die Maßnahmen eher unspezifischer Art. Daimler lässt die Fahrer mancher Modelle auf Massagesitzen Platz nehmen oder beduftet sie mit Parfüm. Andere Forscher spekulieren über Programme, die im Ernstfall die Geschwindigkeit drosseln.

Oder wäre es gar vorstellbar, dass die Autos zu sprechen anfangen und zur Entspannung Witze erzählen, so wie das intelligente Auto K.I.T.T. aus der Achtzigerjahre-TV-Serie "Knight Rider". Ob man so etwas wirklich will?

Von Nadine Zeller

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