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Wissen Romane über Krankheiten: Der Weg zurück ins Leben
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15:00 10.03.2019
In ihrem berühmten Essay „Krankheit als Metapher“ schrieb Susan Sontag vor rund 40 Jahren, dass Krebs ein „seltenes und immer noch anstößiges Thema“ für die Literatur sei. Das hat sich grundlegend geändert. Quelle: Arne Dedert/dpa
Hannover

Der 9. Februar 2016 ist ein Schicksalstag für Ruth Schweikert. Die Schweizer Autorin steht vor einem Café in Zürich, raucht ihre – wie sie sie nennt – „vielleicht letzte Zigarette“ und wartet auf einen Anruf ihrer Ärztin. Gut zwei Wochen zuvor hat die damals 50-Jährige beim Duschen einen Knoten in der linken Brust ertastet. Jetzt, an diesem Dienstag, wird die Ärztin ihr das Ergebnis der Untersuchungen mitteilen.

Schweikert erfährt am 9. Februar 2016, dass sie an einer besonders aggressiven Form von Krebs leidet. „Ich will keinen Brustkrebs, ich will nicht“, ruft sie später beschwörend aus. Doch schon an diesem Dienstag sei für sie klar gewesen, dass sie über diese Erfahrung schreiben möchte, sagt die Autorin heute.

In wenigen Tagen erscheint ihr Buch „Tage wie Hunde“, in dem sie – an manchen Stellen zwar verfremdet, doch an den tatsächlichen Erlebnissen orientiert – von der Zeit nach der Diagnose und der Zeit der Gesundung erzählt.

Ruth Schweikert Quelle: Andreas Labes

Leben und Schreiben sind für die Autorin untrennbar verknüpft. Dennoch frage sie sich schon, warum ihr von Anfang an klar gewesen sei, über ihre Krankheit zu erzählen. Es sei einfach ein Impuls gewesen, sagt sie drei Jahre nach der Diagnose, eine Art Impuls, der Krankheit „etwas entgegenzusetzen“.

Entstanden ist ein sehr besonderes Buch, in dem die mehrfach ausgezeichnete Schriftstellerin sich mit dem Krebs und der Gesundung auseinandersetzt. Und in dem die fünffache Mutter reflektiert, was solch eine Erkrankung mit einem Menschen machen kann, welche Scham es auslösen kann, sich plötzlich als verwundbar und ausgeliefert zu erleben: Das Leben, das man vorher scheinbar unter Kontrolle hatte, ist plötzlich fragil.

Sie wolle keine Heldengeschichte schreiben, erklärt Schweikert. Zum einen finde sie eine martialische Sprache („man muss jetzt kämpfen, man muss den Krebs besiegen“) hochproblematisch. Und sie sagt: „Man braucht kein Held zu sein, um die Krankheit zu überstehen.“

Mitunter hart, aber auch erhellend und ermutigend

Nötig sind vielmehr Durchhaltevermögen, gute Ärzte, eine Portion Glück, Unterstützung von Familie und Freunden und – wenn möglich – auch Humor und Gelassenheit. Zumindest etwas von diesen Dingen ist jedem Kranken zu wünschen. Das wird auch in Tabea Hertzogs gerade erschienenem, autobiografisch geprägtem Debütroman „Wenn man den Himmel umdreht, ist er ein Meer“ klar.

Darin beschreibt die Icherzählerin, wie sie mit gerade mal 30 Jahren die Diagnose „chronische Niereninsuffizienz“ erhält – und auch ihr Leben aus der Bahn gerät. Detailliert und mit manchmal grimmigem Humor schildert die 1986 geborene Autorin den Krankenhausalltag, die Atmosphäre bei der Dialyse, aber auch die Reaktion von Freunden und Verwandten.

Da ist die Mutter, die am liebsten nicht mit der Krankheit ihrer Tochter belastet werden möchte. Und da ist der Vater, der lange abwesend war – und sich jetzt als überraschend hilfsbereit und mitfühlend herausstellt. Die Bücher von Schweikert und Hertzog sind mitunter hart, aber auch erhellend und ermutigend.

Tabea Hertzog Quelle: Madlen Krippendorf

Im Alltag tun sich viele Menschen im Umgang mit Kranken und Krankheiten oft schwer, in der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur ist das Thema präsent – und beliebt: David Wagners Roman „Leben“ etwa handelt von einem kranken jungen Mann, der – genau wie der Autor – dank einer Lebertransplantation überlebt und sich den Fragen nach Leben und Tod stellt.

2013 erhielt Wagner dafür den Preis der Leipziger Buchmesse. Vier Jahre zuvor war Kathrin Schmidt für ihre autobiografisch grundierte Geschichte „Du stirbst nicht“ mit dem Deutschen Buchpreis geehrt worden. Darin erzählt sie, wie eine 40-jährige Frau nach einer Hirnblutung und künstlichem Koma langsam ins Leben zurückfindet.

In ihrem berühmten Essay „Krankheit als Metapher“ schrieb Susan Sontag vor rund 40 Jahren, dass Krebs ein „seltenes und immer noch anstößiges Thema“ für die Literatur sei. Das hat sich grundlegend geändert. Autoren, zumal prominente wie Christoph Schlingensief („So schön wie hier kanns im Himmel gar nicht sein!“) oder auch Sophie van der Stap („Heute bin ich blond“), haben mit autobiografischen Büchern große Verkaufserfolge erzielt.

Herausfordernd und inspirierend

Woher aber kommt das große Interesse an solchen Berichten? Betrachtet man es etwas herzlos, lässt sich sagen: Allein durch ihr Thema haben die meisten dieser Bücher das, was Leser von einem guten Text erwarten – sie erzählen eine starke Geschichte und handeln von Figuren in Ausnahmesituationen. Zudem werden die Hauptfiguren oft auf existenzielle Fragen (Habe ich richtig gelebt? Wie will ich in Zukunft leben?) zurückgeworfen. Solche Fragen sind herausfordernd und inspirierend.

Wenn Leser selbst von Krankheit betroffen sind, regen die Bücher an, die eigene Lage zu reflektieren. Angehörigen geben sie Einblick in die Gefühlswelt der Erkrankten. Das kann dann besonders wichtig sein, wenn man Scheu hat, das direkte Gespräch zu suchen. Außerdem: Viele dieser Bücher erzählen von der Überwindung einer Erkrankung, haben also ein Happy End – was sehr tröstlich ist.

„Selbstverständlich ist nichts“

Nicht alle Autoren sind so reflektiert und manchmal schonungslos wie Ruth Schweikert. Sie fragt sich etwa, ob die Zeit der Heilung einen nicht auch egozentrisch mache: Wenn man darauf bedacht ist, sich nur noch gesund zu ernähren und den richtigen Sport in der richtigen Dosierung zu betreiben – „Gesundheit ist zu einem großen Projekt geworden“. Und die Schweizerin erschaudert, als sie sich die Kosten ihrer Behandlung vor Augen führt.

Simple Weisheiten wie „ab jetzt genieße ich das Leben und ärgere mich nicht mehr über Kleinigkeiten“ findet man in den Büchern von Schweikert und Hertzog nicht. Zum Glück. Doch fundamentale Einschnitte in ihre Biografien waren die Erkrankungen für beide allemal. „Natürlich hat dieses Jahr mich verändert“, sagt Tabea Hertzogs Icherzählerin, die erkennt: „Selbstverständlich ist nichts.“ Eben auch nicht, dass man gesund und der Körper unversehrt ist.

Ruth Schweikert überlegt nach der Frage, ob sie sich durch ihre Krankheit verändert habe, eine ganze Weile. Ja, bestimmt, habe sie das, „aber wie genau, das kann ich erst mit mehr Abstand sagen“. Ihr Mann meine, sie habe jetzt mehr Verständnis für Schwächen. Manch einen macht die harte Krankheitserfahrung weicher.

Bücher, die übers Gesundwerden erzählen

Tabea Hertzog: „Wenn man den Himmel umdreht, ist er ein Meer“. Berlin-Verlag. 224 Seiten, 20 Euro.

Kathrin Schmidt: „Du stirbst nicht“. btb Taschenbuch, 352 Seiten, 9,99 Euro.

Ruth Schweikert: „Tage wie Hunde“. Verlag S. Fischer. 208 Seiten, 20 Euro.

Sophie van der Stap: „Heute bin ich blond: Das Mädchen mit den neun Perücken“. Aus dem Niederländischen von Barbara Heller. Knaur Taschenbuch. 256 Seiten, 10,99 Euro.

David Wagner: „Leben“. Rowohlt. 288 Seiten, 19,95 Euro und als Rororo-Taschenbuch, 9,99 Euro.

Von Martina Sulner

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