Menü
Kieler Nachrichten | Ihre Zeitung aus Kiel
Anmelden
Wissen Sanitäter klagt über Autofahrer: „Die Rettungsgasse wird zum Labyrinth“
Nachrichten Wissen Sanitäter klagt über Autofahrer: „Die Rettungsgasse wird zum Labyrinth“
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
09:55 17.01.2019
Jörg Nießen hat über seine Arbeit als Rettungssanitäter schon einige Bücher geschrieben. Quelle: Eden Books
Köln

Notfallsanitäter haben es nicht leicht. Immer öfter werden sie attackiert oder angegriffen, die Rettungseinsätze behindert. Jörg Nießen ist Notfallsanitäter. Zum Rettungsdienst kam der 45-Jährige aber nicht ganz freiwillig. Er machte seinen Zivildienst und landete 1995 bei der Feuerwehr – und er blieb. Als Kind und Jugendlicher hatte er andere Pläne: Eigentlich wollte er Bauer oder Archäologe werden. Nach seiner Ausbildung zum Sanitäter fand er aber Gefallen an diesem Beruf. Der Alltag in seinem Job sei nicht immer leicht und man müsse eine gehörige Portion „schwarzen Humor“ mitbringen, sagt er selbst. Über seine Abenteuer als Rettungssanitäter hat er bereits mehrere Bücher geschrieben. Im Interview spricht er über seinen Alltag.

12 Stunden Tage, Entscheidungen über Leben und Tod, dazu Gaffer und Beschimpfungen. Macht es überhaupt Spaß als Rettungssanitäter zu arbeiten?

Natürlich, fast jeder Tag ist ein Abenteuer. Ich bekomme sehr schnell Rückmeldung dazu, ob ich etwas zum Positiven bewegt habe, und sehe die Ergebnisse meiner Arbeit. Leben retten ist etwas sehr Besonderes. Dazu kommt das Zusammengehörigkeitsgefühl auf der Wache.

Aber es gibt doch sicher auch Tage, an denen nicht alles rosa ist?

Klar, es gibt Langeweile, Ärger, Stress. Momente, in denen man sich nur noch an den Kopf fasst. Einen typischen Tag kann man kaum beschreiben. Da spielen viele Faktoren eine Rolle. Gerade haben Sie in einer Betonpfütze um das Leben eines abgestürzten Bauarbeiters gekämpft, und zwei Stunden später stehen Sie bei „Familie XY“ mit dreckigen Stiefel in der Diele. Dann wird man um Mitternacht in eine Wohnung gerufen, rennt die Treppen hoch und ist mit jemandem konfrontiert, der sich den Fingernagel eingerissen hat. Oder man fährt mit Martinshorn durch die Stadt und vor den Rettungswagen drängeln sich immer wieder Autofahrer, die denken, die Rettungsgasse sei für sie persönlich gebildet worden.

Stichwort Rettungsgasse, seit Jahren wird dafür geworben. Hat sich diesbezüglich etwas auf den Straßen geändert?

Ja, auf Autobahnen merken wir die Wirkung der Kampagne. Die Gasse muss ja nicht immer wie mit dem Lineal gezogen sein. Es geht nur darum, dass wir schnell zum Unfallort kommen. Jede Sekunde, die wir bei der Anfahrt verlieren, fehlt uns. In Städten bleibt es schwierig, da wird kreuz und quer geparkt, in Einfahrten und in Halteverbotszonen. Die Rettungsgasse wird zum Labyrinth. Wir kommen nicht durch oder es ist so eng, dass wir die Rettungswagentüren nicht öffnen können. Oft ist es schwierig, innerhalb der Hilfsfrist von acht bis zwölf Minuten am Einsatzort zu sein. Viele Treppenhäuser brauchen eigentlich auch Rettungsgassen. Da lagern Matratzen, stehen Wandschränke, Winterreifen oder Oleanderpflanzen in schweren Terrakottatöpfen und wir kommen mit der Trage nicht durch. Ich sage oft: Die Leute bauen sich ihre eigenen Scheiterhaufen.

Helfer, Schiedsrichter, Psychologe. Es scheint, als müssten Sie viele unterschiedliche Rollen vereinen?

Ein guter Sanitäter ist Allrounder. Ich stand mal im Wohnzimmer einer älteren Dame, die einen Herzinfarkt erlitten hatte. Sie wollte sich unbedingt noch die Haare kämmen, frisch machen und eine andere Bluse anziehen, bevor wir in die Klinik losfuhren. Ich musste sie davon überzeugen, dass sie in einer halben Stunde tot sein könnte und ich sie lieber in unfrisiertem Zustand transportieren würde. Gelegentlich geraten wir in „häusliche Situationen“, in denen wir aus dem Blickwinkel der Alarmgeber entscheiden sollen, wer Recht hat, der Fremdgeher oder seine betrogene Frau. Oder wir stehen einer Mutter gegenüber, die damit nicht zurechtkommt, dass der 16-jährige Sohn schon am Nachmittag volltrunken ist. Mich belasten die Einsätze, bei denen ich feststellen muss, dass unser soziales System versagt und Menschen unter unwürdigsten Bedingungen leben müssen. Man kann da in Abgründe blicken.

Ist der Respekt für die Arbeit der Rettungskräfte verloren gegangen?

Das ist zwar schon oft thematisiert worden, aber es stimmt natürlich. Wir erfahren sicherlich weniger physische Gewalt als Polizisten, aber dennoch merke ich, dass sich in den vergangenen 23 Jahren etwas verändert hat. Die Achtung ist weg. Früher war man bei den Guten, wenn man die rote Sanitäterhose trug. Jetzt gibt es blöde Bemerkungen, aggressive Gaffer oder Rempeleien. Der Respekt vor den Helfern in Uniform ist nicht mehr da.

Das klingt so, als sei der gesunde Menschenverstand auf dem Rückzug.

Leider ja. Wir fahren schon mal mit zwei Löschzügen quer durch die Stadt, weil jemand den Notruf ausgelöst hat: ein Brandmelder im Schlafzimmer habe angeschlagen! Wenn wir dann ankommen, müssen wir feststellen, dass nur der Batterie-Alarm fast abgelaufen ist und einmal in der Minute leise piept. Oder, wir reanimieren jemanden in einem Restaurant zwischen den Tischen und kämpfen um sein Leben. Da gibt es doch tatsächlich Leute, die seelenruhig keinen Meter davon weiteressen und sich gestört fühlen.

Warum steigt die Zahl der unberechtigten Einsätze?

Es ist ein bunter Blumenstrauß von Gründen. Wir leben in einer sehr technischen Welt, aber viele haben keinen blassen Schimmer, wie einfachste Technik funktioniert. Die Menschen sind abhängig und unselbstständig geworden. Jemand hat einen Wasserschaden. Da wäre doch der erste Gedanke: Wasserhaupthahn abdrehen. Das machen aber die wenigsten. Die warten lieber bis die Feuerwehr kommt. Andere melden sich um drei Uhr morgens, weil ihr Bauch seit vier Tagen schmerzt. Auf die Idee, dass sie ihren Hausarzt besuchen, kommen manche erst gar nicht. Lieber Martinshorn und Blaulicht, als eine Stunde im Wartezimmer sitzen. Da spielen auch Bequemlichkeit und Anspruchsdenken mit.

Wie kann man Ihre Arbeit erleichtern?

Das ist eigentlich ganz einfach. Hängt in jedem Aufzug: „Ruhe bewahren!“ Ansonsten hilft Feuerwehrtaktik: Situation erkennen, Situation beurteilen, notwendige Handlungen daraus ableiten. Das funktioniert auch oft im restlichen Leben. Ansonsten: Bei unproblematischen Situationen öfter mal sich selbst helfen. Nicht jeder brennende Papierkorb an einer Bushaltestelle rechtfertigt einen Löscheinsatz. Manchmal tut’s auch der Eimer Wasser eines Anwohners.

Jörg Nießens neustes Buch heißt „Rettungsgasse ist kein Straßenname“ (erschienen bei Eden Books, 9,95 Euro).

Von Stefan Wagner/RND

Die Japanerin Marie Kondo räumt auf und lässt den guten Vorsatz für das neue Jahr wahr werden: Endlich Ordnung zu Hause schaffen. In der Aufräumserie auf Netflix macht sie Hausbesuche und wendet ihre KonMari-Methode an. Doch funktioniert sie wirklich?

17.01.2019

Astro-Alex gibt seinen Posten an Astro-Luca ab: Der Italiener Luca Parmitano bereitet sich derzeit auf seinen sechsmonatigen Aufenthalt im All vor. Schon 2013 war er auf der ISS – und wäre bei einem Außeneinsatz fast ertrunken.

16.01.2019

Hunde und Katzen sind die beliebtesten Haustiere der Deutschen. Doch ihre Haltung hat auch Schattenseiten: Nicht nur der Geldbeutel wird belastet, sondern auch das Klima. Wie sehr, das haben Forscher jetzt ins Verhältnis zum Autofahren gesetzt.

16.01.2019