Menü
Kieler Nachrichten | Ihre Zeitung aus Kiel
Anmelden
Wissen Fortsetzung folgt – auf Whatsapp
Nachrichten Wissen Fortsetzung folgt – auf Whatsapp
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
20:00 25.03.2016
Literatur für die digitale Generation: Immer mehr Autoren und Verlage nutzen Twitter, Whatsapp und Co. auf kreative Weise, um neue Leser zu gewinnen. Quelle: iStock
Anzeige

Die erste Dosis Literatur gibt es jetzt schon morgens, ehe die Augen richtig geöffnet sind. Im Halbschlaf auf dem Handy die Nachrichtenapp Whats-app geöffnet. Jemand namens "Roman" hat geschrieben, während andere noch in den Federn lagen. Nach unten gescrollt, auf "Sie wollen die Geschichte hören?" gedrückt. Ein banales Zähneputzen wird zum kulturellen Erlebnis, wenn man dabei von einer angenehmen Sprechstimme mit leichtem Lispeln begleitet wird.

Sie erzählt von einer Frau, die eine Liste "Dinge, die man getan haben sollte, bevor man stirbt", abarbeitet und von dem Freund eines Kleinkriminellen, der sich beinahe mit Betonfüßen im Fluss wiederfindet. Am Ende werden sich die beiden unweigerlich über den Weg laufen und einen Sohn zeugen. Dieser nämlich ist der Autor der Geschichte.

Anzeige

Diese Prä-Zeugungsperspektive ist sehr sonderbar und originell. Der Verfasser ist Tilman Rammstedt, Träger des renommierten Bachmannpreises. Für den Hanser Verlag schreibt der 40-Jährige bis zum 8. April unter der Überschrift "Morgen mehr" einen Fortsetzungsroman. Mehrere Tausend Nutzer haben bislang ein Abo über acht Euro abgeschlossen und bekommen fünfmal die Woche ein neues Kapitel aufs Smartphone geschickt.

Romangeburt in Echtzeit

Die Abonnenten können dem Autor bei dieser doppelten Geburt quasi in Echtzeit zuschauen: An jedem Arbeitstag ringt sich Rammstedt Zeilen über einen Mann ab, der darum bangt, dass es auch tatsächlich zu seiner Zeugung kommt. Das ist höchst amüsant zu verfolgen, nicht selten wünscht man sich nach dem kurzen alltäglichen Happen im Slam-Poetry-Stil eine sofortige Fortsetzung. Der morgendliche Whatsapp-Gruß als Pendant zur Gute-Nacht-Geschichte.

Im Internet veröffentlicht der Autor, der seine Texte selbst einliest, zu jedem Kapitel ein skurriles Selfie von sich: Mal malt er mit Ravioli-Tomatensoße, mal klebt er ein Kartenhaus zusammen, mal sitzt er mit Schreibblockade am Bürotisch. Eine Art selbstironisches Tagebuch in Bildern.

Die Abonnenten kommentieren die Geschichte auf der Website rege. Nutzer JeanJung fragt: "Ist der Held ein Alien, der uns besuchen will, oder gar ein Homunculus?" Und ein Nutzer namens Duboissière bietet an, beim Familientreffen bis zu drei Dutzend Romanexemplare zu verkaufen, wenn der Autor den Namen einer französischen Nebenfigur nach ihm umbenennt.

Das tägliche Selfie zum Roman: Der Autor Tilman Rammstedt schreibt eine Fortsetzungsgeschichte per Whatsapp. Quelle: Rammstedt / Hanser

Rammstedts Antwort: "Zwei bis drei Dutzend Exemplare? Ich habe gerade schon mit dem Vertrieb beim Verlag geredet: Das verdoppelt die anvisierte Startauflage. Ist angenommen. Champagner!" Als es um den noch offenen Vornamen des Protagonisten geht, wirft eine Leserin ein, ihr Mann hieße Rüdiger. So entwickelt sich ein skurriler Subtext zur Geschichte.

Für den Autor sind die Leserkommentare eine "sehr angenehme Art des Outsourcing von Realismus". Der Hanser-Verleger Jo Lendle ist Rammstedts langjähriger Lektor und begründet das Projekt mit der sehr eigenwilligen und abenteuerlichen Art des Autors, Romane entstehen zu lassen: "Er hat immer von Tag zu Tag geschrieben und mich mitlesen lassen. Das sollten, dachte ich mir, auch andere erleben." Der überarbeitete Text erscheint im Mai schließlich in gewohnter Buchform.

In Zeiten, da E-Book-Reader vom avantgardistischen Utensil zu einem Standardwerkzeug vieler Literaturliebhaber avanciert sind, suchen sich die Verlage neue Vertriebswege. Der Carl Hanser Verlag ist unter Lendle, der seit 2014 im Amt ist, besonders rührig. In der "Hanser Box" werden Titel von bekannten Autoren wie Ursula März oder zu aktuellen Themen (der neue Roman "Marsch der Wirte" handelt von einer Sauftour, die auf einer Pegida-Demo endet) nur als E-Books veröffentlicht.

Tagebuch auf Twitter

Der Journalist und Schriftsteller Joachim Bessing schreibt per Twitter ein Tagebuch in kryptisch-poetischen Notizen wie "Sommersprossenwände vs. Knallstille". Auch Rainald Goetz' "postmoderne Aphorismensammlung" mit dem Titel "Abfall für alle" ist zunächst als Tagebuch im Netz entstanden, ehe die gedruckte Version bei Suhrkamp erschien.

Und der Verlag Bastei Lübbe startet im April sogar einen hauseigenen neuen Online-Streamingdienst namens Oolipo, für den zum Auftakt innerhalb von fünf Wochen ein Thriller mehrerer Autoren als Serie entsteht. Der Leser kann mittels einer bundesweiten Schnitzeljagd am Geschehen teilhaben. Am Ende erscheint die Geschichte auch zwischen Buchdeckeln. Autoren und Verlage holen die Leser im Netz ab und führen sie (zurück) zur Literatur. Auch die Generation 2.0 braucht Geschichten.

Und wieder meldet sich der Roman per Whatsapp. Das Tageskapitel handelt davon, wie ein Autounfall mit einer Exfreundin zu einer verhängnisvollen Fahrt nach Paris führt. Manchmal dauert es viel zu lange, bis es morgen endlich mehr gibt.

www.morgen-mehr.de

Von Nina May

Interview mit Autor Tilmann Rahmstedt

Quelle: Rammstedt / Hanser

Sie müssen bei "Morgen mehr" jeden Tag mindestens 1800 Zeichen abliefern. Wie sehr fühlen Sie sich von Deadlines unter Druck gesetzt?
Ich versuche, jede Deadline als eine entschieden hüstelnde ältere Dame wahrzunehmen, die mich freundlich, aber bestimmt daran erinnert, dass ich mir Zweifel nicht erlauben sollte. Und im Grunde sind wir ja beide auf derselben Seite: Wir wollen, dass der Text verdammt noch mal fertig wird.

Inwiefern beeinflussen die Kommentare der Abonnenten im Netz die Geschichte?
Direkt bislang nicht. Allerdings bringen mich manche Vorschläge auf neue Ideen. Oder ich merke, welche Wendung zu naheliegend wäre, weil sie schon vermutet wird. Aber es ist schön, in Nebensätzen des Romans auf bestimmte Kommentare einzugehen. Genau diese Art von spielerischem Schreiben soll "Morgen mehr" ja sein.

Hat das etwas von einer Reizwortgeschichte wie in der Schule?
Nein, leider nicht. Die vermisse ich sehr. Beim nächsten Buch hoffentlich.

Wie befruchtend ist es für literarische Projekte, Plattformen wie Whatsapp oder Facebook einzubinden?
Das ist eine dubiose Sache: Ja, man bekommt unmittelbare Reaktionen auf das Geschriebene. Aber gleichzeitig besteht die Gefahr, sich zu sehr an diesen unmittelbaren Reaktionen zu orientieren. Es ist schön zu sehen, dass etwas funktioniert, aber dann sollte man trotzdem wieder etwas Neues ausprobieren, sonst gerät alles schnell zur Masche.

Interview: Nina May

Wissen Wunderweizen gegen den Welthunger - Der Superheld vom Feld
18.03.2016
Wissen VR auf dem Vormarsch - Brillen für virtuelle Welten
Daniel Behrendt 15.03.2016
Wissen Universelles Gegengift - Darauf kann man Gift nehmen
04.03.2016