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20:00 13.05.2016
Praktische virtuelle Helferlein oder Armee der digitalen Manipulatoren? Chatbots sollen uns schon bald viele Aufgaben abnehmen, wenn es nach Facebook und Co. geht. In die Entwicklung fließen Millionen. Quelle: iStock
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Ein Handybesitzer tippt in sie App des Kurznachrichtendienstes WhatsApp folgenden Satz ein: "Ich will eine Pizza". "Welche denn?", fragt die intelligente Sprachsoftware zurück. "Eine Margherita", schreibt der Nutzer – und eine halbe Stunde später steht der Pizzabote vor der Tür. Sollen es Schuhe sein, verhält sich der umsichtige Sprachroboter wie ein Verkäufer und fragt nach: Wie teuer dürfen sie sein? Welche Farbe magst du? Grün, wie beim letzten Mal?

Auch das Bezahlen wird unkomplizierter. Einmal die Adresse und Kreditkartendaten angegeben, und schon weiß der Gesprächsroboter künftig Bescheid. Mehr noch: Wollte man bisher eine Reise buchen, landete man etwa zunächst bei der Bahn-App, öffnete eine andere für Hotelbuchungen und holte sich anschließend noch Sightseeing-Tipps in einem Reiseblog.

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Die Chatbots machen dieses Herumnavigieren künftig überflüssig, der Anwender bleibt im Messenger – und der Sprachassistent sucht gleichsam im Hintergrund die relevanten Angebote im Netz auf. Damit das funktioniert, müssen die Dienstleister allerdings ebenfalls mit Chatbots arbeiten. Doch da hat mal wieder einer eine Lösung parat: Mark Zuckerberg.

Künstliche Assistenten im Messenger

Auf der Entwicklerkonferenz Mitte April hat der Facebook-Chef erklärt, wie sie funktioniert: Facebook lässt künftig Online-Dienstleister aller Art kostenlos auf Programmierwerkzeuge im Netz zugreifen, die das Bauen der Chatbots ermöglichen. Das Unternehmen stellt die notwendige künstliche Intelligenz zur Verfügung und die Firmen entwickeln im Gegenzug Gesprächsroboter, die mit Facebooks Messenger kompatibel sind.

Auch Microsoft hat kürzlich seine Chatbot-Plattform Slack vorgestellt. Der Konzern investiert Millionen, damit Firmen dafür virtuelle Assistenten erschaffen. Warum so viel Geld für Chatbots ausgeben? Weil die digitalen Helfer künftig dort im Netz sind, wo sich ohnehin die meisten Menschen tummeln: In den Kurznachrichtendiensten wie WhatsApp oder WeChat. 3,2 Milliarden Nutzer haben derartige Messenger inzwischen, schätzen Marktforscher. Allein auf Facebooks Kurznachrichtendienst chatten 900 Millionen Menschen.

Wem es jetzt kalt den Rücken runterläuft, dem sei gesagt, dass dieses Modell schon längst Realität ist. Die Sprachassistenten Siri (Apple) und Cortana (Microsoft) ergreifen schon jetzt Initiative, sprechen ihre Nutzer an, starten Suchanfragen und managen Termine. Die einmalige Zustimmung des Nutzers genügt. Damit sich die Ansprache der digitalen Assistenten möglichst echt anfühlt, beschäftigen die Konzerne unter anderem Drehbuchautoren. Diese entwerfen Charaktere für die virtuellen Assistenten.

Microsofts Chatbot Tay sollte auf Twitter lernen, sich wie ein Mensch zu unterhalten – und benahm sich innerhalb weniger Stunden wie ein rassistischer Internet-Troll.  Quelle: Microsoft

Computerexperte Simon Hegelich kennt sich mit Chatbots aus. Er ist Professor für Political Data Science an der Technischen Universität München und weiß um die Skepsis der meisten Nutzer. "Bei Menschen glauben wir zu wissen, was wir an Reaktionen erwarten können – von Maschinen fühlen wir uns hingegen manipuliert", sagt er. Dass es auch andersrum geht, hat Microsoft mit seinem Taybot-Experiment erlebt.

Der hauseigene Gesprächsroboter, der den Charakter einer Teenie-Göre auf den virtuellen Leib geschneidert bekam, sollte sich auf Twitter tummeln und lernen, mit den Nutzern zu sprechen. Tay verteilte Smileys, quatschte Leute an und war rundum freundlich. Dann mutierte sie zur Rassistin: Etliche Internetnutzer hatten den Chatbot solange mit rassistischen Aussagen gefüttert, bis er selbst den Holocaust leugnete und Multikulti als den Untergang der weißen Rasse bezeichnete. Entsetzt zog Microsoft seinen mutierten Bot zurück.

Meinungsmanipulation durch Bot-Armeen

Social Bots wie Tay tummeln sich längst in den sozialen Medien. Wie viele es sind, kann niemand sagen. Die meisten werden für Menschen gehalten. Leisten kann sich so eine kleine Meinungsarmee fast jeder. "Mittlerweile kann man sich für 450 Dollar im Netz 10 000 Twitter-Fake-Accounts kaufen und gleichzeitig steuern. Um menschlich zu wirken, erzählen sie Witze, folgen anderen Nutzern und hauen dann ihre Parolen raus. Das kann die Meinungen im Netz im Prinzip stark beeinflussen", sagt Chatbot-Experte Hegelich.

Durch kleine Bot-Armeen könnten Themen wie etwa die Flüchtlingskrise regelrecht gekapert werden. Menschen, die beispielsweise rechte Bemerkungen nicht teilten, fühlten sich abgestoßen und überließen den Rassisten das Forum. Um derartige Bots aufzuspüren, entwickelt Hegelich einen Algorithmus, der bestimmte Regelmäßigkeiten erkennt, die Bots entlarven.

Den Gesprächsrobotern von Facebook sieht Hegelich wesentlich entspannter entgegen. Allerdings warnt er: "Die digitalen Helfer werden sich merken, welche Art von Antwort dazu führt, dass wir ein Geschäft abschließen", sagt Hegelich. Das sei Marktforschung direkt am Kunden.

TÜV für Datenschutzrecht

Auch Dirk Helbing von der ETH Zürich teilt diese Einschätzung. Der Physiker und Soziologe findet Chatbots, wie sie Facebook plant, wenig bedenklich, weil sie als solche erkennbar wären. Intransparenz bereitet ihm größere Sorgen. Terroristen, Politiker, Konzerne – viele Menschen könnten ein Interesse daran haben, subtil Menschen zu beeinflussen.

Er fordert einen datenschutzrechtlichen TÜV. Doch die technische Entwicklung vollziehe sich so rasant, dass die Gesetzgebung kaum hinterherkomme. Die Menschen hätten ein Recht darauf, einen Bot zu erkennen, wenn sie einen vor sich hätten, fordert Helbing. Man will schließlich wissen, ob man sich mit einem Computer oder doch mit einem menschlichen Gegenüber streitet.

Von Nadine Zeller

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