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Wissen Hungrig durch den Harz: Eine Geschichte vom Suchen und Essen
Nachrichten Wissen Hungrig durch den Harz: Eine Geschichte vom Suchen und Essen
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16:15 15.10.2019
Sie frittieren dort alles, was die Straße hergibt: Die Suche nach dem richtigen Restaurant kann quälend werden - da nimmt man zur Not, was eben da ist. Quelle: Lunatictm - stock.adobe.com

Jüngst weilte ich in einem deutschen Mittelgebirge, als mich unversehens der Wunsch überkam, Nahrung zu mir zu nehmen. Oder wie man unter Nichtliteraturnobelpreisträgern sagt: Ich war im Harz und hatte Hunger. Leider kann man einem Restaurant von außen nicht ansehen, ob das Essen drinnen schmeckt. Was tut also der aushäusige Nahrungssuchende in seiner Not? Er liest bezahlte Propaganda bei Tripadvisor. Oder er unterzieht die zur Verfügung stehenden Lokalitäten einer sorgfältigen äußerlichen Inaugenscheinnahme, um festzustellen, ob das Haus irgendwie „lecker“ aussieht. Dabei befleißigt er sich irrationaler Argumente („Guck mal, die haben Gardinen. Muss ein guter Laden sein“).

Kann ein Restaurant von außen "lecker" aussehen?

Butzenscheiben mit weißen Plastikstühlen? Sieht aus wie Eierstich in Brühe und Jägersoße aus dem Großmarktpott. Oder Kreideschrift auf riesigen Tafeln? Da drohen Hipsterquatschburger mit überdrehten Ökolimonaden.

Rein oder nicht rein, das ist hier die Frage. Ein äußerliches Indiz für die Qualität der Speisen ist immer der Zustand der Menüanguckvitrine. Wenn sich am Boden hinter der zerbrochenen Glasscheibe tote Fliegen sammeln und in der Karte noch D-Mark-Preise stehen: weitersuchen. Und: Je weniger Schrifttypen in der Speisekarte verwendet werden, desto konzentrierter arbeitet die Küche. Vorsicht bei laminierten Menüs mit Clip-Art-Cocktailschirmchen und Zusatzstoffangaben in der Schriftart Comic Sans. Merke: Ein liebevolles Verhältnis zum Schriftenportfolio von Microsoft Word sagt noch nichts über das Verhältnis zu frischen Lebensmitteln und gastronomischem Handwerk.

Oft heißt es: Wenn’s voll ist, muss es gut sein. Das hilft auch nicht weiter. Voll kann auch heißen: mittelgut, aber billig. Genauso gut kann voll auch heißen: überteuert und mies, aber Happy Hour für Lastwagenfahrer. Oder voll heißt: supergut und superteuer, aber der Brautvater zahlt, und Sie sind nicht eingeladen. Leer kann umgekehrt bedeuten: superlecker, aber falsche Gegend für vietnamesisches Street Food. Oder: superlecker, aber heute geschlossen.

"Nicht schon wieder diese Fetthölle"

Das Problem an Restaurants in fremden Städten: Sie liegen in fremden Städten. In der Heimatgemeinde weiß man genau, wo man mit der Familie essen geht. Da sind die Laufwege klar. Meistens geht es zu dem Restaurant mit der Ziege. Denn wenn eine Landgaststätte etwas Besonderes für Kinder bieten will, dann pflockt es eine Ziege an und stellt sie hinters Haus, damit die Kinder zu ihren Eltern sagen "Bitte, bitte, wir müssen zu der Ziege", denn Kindern ist es wurscht, wo sie ihre Pommes essen, Hauptsache Ziege. Die Eltern denken: "Nicht schon wieder in diese Fetthölle", aber was haben Eltern schon zu sagen, wenn Kinder quengeln? Also fahren wir zu der Ziege nach Jägerschnitzelhausen und essen für 24,90 Euro ein zähes Jägerschnitzel, während die Kinder draußen die Ziege bestaunen, als würden Anna und Elsa persönlich im Garten sitzen - angepflockt.

Rein oder nicht rein, das ist hier die Frage: Leider sieht man Restaurants von außen nicht an, ob es drinnen schmeckt. Quelle: sonyachny - stock.adobe.com

Wo man hingegen auswärts als Karnivore sehr gut essen kann: in Prag. Man isst insgesamt gut in Tschechien. Und oft. Und viel. Und Fleisch. Auf dem größten Friedhof der Stadt liegen sie in zwölf Schichten übereinander. Die meisten Toten waren Vegetarier, die nichts zu essen fanden. Die böhmischen Köchinnen kochen, als warteten draußen siebzehn tschechische Holzfäller nach einer 16-Stunden-Schicht. Sie essen dort alles, was Fell hat. Manchmal machen sie das Fell sogar vorher ab. Zum Beispiel bei Vepřo-Knedlo-Zelo. Das heißt übersetzt „Knödel-Schwein-Kraut“ und beschreibt damit präzise die Bestandteile. Der Versuch, ein Tier zu züchten, das gleich alle drei Ingredienzien des tschechischen Nationalgerichtes enthält, schlug fehl. Ein Fässchen „Knödel-Schwein-Kraut“ gilt in Prag als leichte Zwischenmahlzeit. Sie enthält neben den drei Hauptzutaten noch Speckwürfel, Kümmel, Salz, Lasagne, frittierte Rinderhälften und Marshmallows (auf tschechisch: Msvíčkvátštičškbnkčvčšvtmtš).

Cappuccino mit Sprühsahne

Dazu trinkt man Bier, das schmeckt wie achtfach destilliertes Kölsch (entspricht dreifach destilliertem Jever). Anschließend gibt’s „Lendenbraten mit Sahne“ (tschechisch: Svíčková na Smetaně). Den gibt’s auch vegan, er heißt dann „Lendenbraten ohne Sahne“ (Svíčková nix Smetaně). Danach gibt’s als Zwischengang Brimsenspätzle (Bryndzové Halušky), bestehend aus Brimsen, einem karpatischen Frischkäse aus Siebenbürgen, der im Zuge der Besiedelung der Nordslowakei durch Walachen in die Slowakei eingeführt wurde (danke, Wíčkypědiá). Wer dann noch Hunger hat, wird mit geöffnetem Mund auf eine Art Delikatessenlaufband geschnallt, auf dem pausenlos gegarte Tierteile in den Schlund rumpeln.

Im Harz: nichts dergleichen. Gastronomisches Ödland. Man serviert dort den Cappuccino noch mit Sprühsahne. Ich war kurz davor, einfach in ein Restaurant zu marschieren und die Gäste am nächstbesten Tisch zu fragen: „Na, schmeckt’s? Was haben Sie denn da Schönes? Darf ich mal probieren?“

In stählernen Wannen verendetes Gulasch

Am Ende aß ich am Harzrand in einer Raststätte. Ein modriges Mahnmal aus Eternit gegen den modernistischen Furor unserer Zeit. Im Hölleninnern schmurgelte in stählernen Wannen verendetes Gulasch, hergestellt aus altem Ackerbauervieh, das noch Holzpflüge zog. Sie frittierten dort alles, was die Straße hergibt. Im flackernden Licht einer Neun-Watt-Birne vergammelte eine fleckige Neun-Euro-Birne. Am Spielautomaten saß ein Trucker, der aussah wie aus Fimo gebasteltS. Seine Polyesterhose war fest mit dem Kunstlederbezug des Barhockers verschmolzen. Draußen stand sein Laster, die Plane bemoost, die Räder umkrautet. Regiert wurde die Hölle von einer buckligen Alten mit Trinkgeldteller, die in Vollmondnächten Zaubertränke aus altem Gulasch und frittierten Katzen braut. Erst kürzlich hatte man dort erstaunt das Ende des Zweiten Weltkriegs zur Kenntnis genommen. Ich bestellte etwas, das aussah wie das, was alten Eseln aus dem Schweif gekämmt wird. Immerhin: Zum Satt werden reichte es.

Von Imre Grimm/RND

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