Menü
Kieler Nachrichten | Ihre Zeitung aus Kiel
Anmelden
Wissen Jetzt gibt's was auf die Ohren
Nachrichten Wissen Jetzt gibt's was auf die Ohren
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
20:00 29.04.2016
Podcasts existieren in Deutschland immer noch in einer kleinen aber feinen Nische. In den USA ist das längst anders – und auch hierzulande kommt Bewegung in die Szene. Quelle: iStock
Anzeige

Am Abend des 30. Oktober 1938 landeten die Marsianer auf einem Acker in Grovers Mill. Ausgerechnet in diesem Kaff zwischen New York und Philadelphia im Bundesstaat New Jersey, wo schon jeder Großstädter auf Durchreise argwöhnisch beäugt wird. Entsprechende Aufregung herrschte in Grovers Mill und Umgebung, als die Ankunft der Besucher vom "roten Planeten" im Radio bekannt gegeben wurde.

Dabei handelte es sich bloß um ein Missverständnis, ausgelöst vom wohl ersten Podcast der Geschichte. Mit "Krieg der Welten" wurde an diesem Halloweenabend eine fiktive Reportage zum Roman von H. G. Wells ausgestrahlt, die in Grovers Mill spielt. Der Halloweenschreck war den Machern mehr als gelungen.

Anzeige

Heutzutage ließe sich wohl kein Erdenbewohner dermaßen von einem Podcast schocken. Aber die Faszination am (Zu-)Hören ist geblieben. Und das ausgerechnet in unserer visuell überbordenden Zeit.

Renaissance des Zuhörens

Zwar feiern aufwendig produzierte TV-Serien wie "Game of Thrones", "Fargo" oder "House of Cards" beständig neue Quotenrekorde, doch zugleich entdecken immer mehr Menschen den Reiz von Geschichten, die vor allem dem inneren Erleben Nahrung geben. Die Hörspiele von einst – sie erleben ihre Renaissance in einem immer größeren, immer bunteren Angebot an Podcasts.

Der steile Aufstieg der Hörstücke ähnelt dem Serienboom, der von 2007 an etwa durch "Breaking Bad", "The Wire" und "Die Sopranos" losgetreten wurde. Das Podcast-Pendant zu derartigen Formaten heißt "Serial". Darin erzählt die Journalistin Sarah Koenig die Geschichte eines Mordfalls. Seit der ersten Folge steht "Serial" auf Platz 1 der iTunes-Charts, jede Folge wird vor allem in den USA mehrere Millionen Mal heruntergeladen.

Hierzulande ist Podcasting indes für viele noch Neuland. Diese Erfahrung macht Nicolas Semak immer wieder. Auf einer Tagung fragt der Mitbegründer des Podcast-Labels Viertausendhertz die Zuhörer, wer denn schon einmal Podcasts gehört habe. Kaum mehr als 20 Besucher heben die Hand.

Der Superhit unter den Podcasts: "Serial" erzählt die Geschichte eines Mordfalls. Quelle: Casey Fiesler / CC BY 2.0

Auf die Frage jedoch, wer "Serial" kennt, melden sich hingegen mehr als 100. "Viele Menschen wissen schlicht nicht, was Podcasts sind. Die meisten drücken einfach den Play-Button auf einer Internetseite", sagt der 40-jährige Berliner, der deutsche Podcasts von ihrem Nischendasein befreien will.

Podcasts sind – analog zu den Streamingdiensten oder Mediatheken von Fernseh- und Rundfunksendern – ein weiterer Übertragungsweg, bei dem die Inhalte nicht live verfolgt werden, sondern jederzeit auf Abruf bereit stehen. In den USA haben die großen Streamingplattformen wie iTunes, Spotify, Deezer oder Google Play Music Podcasts längst in ihre Repertoire aufgenommen und Apps dafür auf Tablets und Smartphones vorinstalliert.

Das Angebot an Podcasts geht längst ins Unüberschaubare. Kein Wunder: Mehr als ein Mikrofon, einen Computer, eine Software zum Schneiden und ein Thema braucht ein Podcaster nicht, um "auf Sendung" zu gehen. Auf Seiten wie podlist.de gibt es Tausende Angebote, egal ob Fitness, Fußball oder Frisuren. Allerdings beherrschen die Heimtüftler nicht die deutschen Podcast-Charts. Die sind großteils den Formaten der öffentlich-rechtlichen Sender vorbehalten.

Öffentlich-rechtliche Podcast-Hits

Denn auch Radioreportagen, Talkshows oder Interviewrunden, die im Radio liefen, landen häufig in den Mediatheken der Sender – und werden so zu Podcasts. Der ewige Spitzenreiter "Sanft und Sorgfältig" stand seit mehr als zwei Jahren an erster Stelle, ehe die Macher zu Beginn der Woche über Facebook das jähe Aus ihrer Sendung bekanntgaben. Grund sind die Ermittlungen gegen den Satiriker Jan Böhmermann wegen Beleidigung des türkischen Staatspräsidenten Recep Tayyip Erdogan.

Demnächst soll der Podcast, den Böhmermann gemeinsam mit dem populären Liedermacher Olli Schulz moderiert, beim Streamingdienst Spotify fortgesetzt werden. Auf den weiteren Plätzen: "ARD Radio Tatort", "Jürgen Domian" und die Audioversion von "Dittsche". So viel Strahlkraft besitzt der gemeine Hobbysender dann doch nicht. Noch nicht.

Indie-Label nach US-Vorbild

Denn auch in der deutschen Szene tut sich etwas. Ende Januar hat sich mit Viertausendhertz um Nicolas Semak das erste Podcast-Label im deutschsprachigen Raum gegründet. Das junge Unternehmen stellt exklusiv Podcasts her und will durch Marketing und aufwendige Produktionen seine Bekanntheit steigern.

In der Erzählweise orientiere man sich locker an amerikanischen Vorbildern wie "Serial", sagt Mitgründer Semak. "Das inspiriert uns zwar, aber die wollen wir natürlich nicht kopieren." Mit sechs Podcasts ist Viertausendhertz zunächst an den Start gegangen. Einige davon bauen aufeinander auf, die Episoden anderer Podcasts können wiederum für sich stehen.

Viertausendhertz sei eine Art unabhängiges Plattenlabel, nur eben für Podcaster, sagt Semak. Plattformen wie diese gibt es in den USA bereits vielfach. Finanziert werden soll das Ganze – ebenfalls nach US-Vorbild – durch kurze Werbespots während der Sendung.

Von Manuel Behrens

Podcast-Perlen

Einschlafen

Sie haben Probleme beim Einschlafen und bereits alles dagegen unternommen – Tabletten, Sport und Entspannungsübungen inklusive? Womöglich kann Toby Baier behilflich sein. Der Moderator hat es sich zur Aufgabe gemacht, sein Publikum in den Schlaf zu quasseln.

Zwei elementare Voraussetzungen erfüllt er dafür: Zum einen hat Baier eine angenehm tiefe, beruhigende Vorlesestimme, zum anderen eine Auswahl an unspektakulären bis einschläfernden Themen. Mal geht es um den Kauf eines neuen Rasenmähers, mal um einen Behördenbesuch. Um den Puls endgültig herunterzufahren, werden in jeder Folge auch noch Kant und Rilke vorgelesen.  

Serial

Am 13. Januar 1999 verschwindet Hae Min Lee, eine Highschool-Schülerin aus Maryland. Einen Monat später wird ihre Leiche in einem Park gefunden. Sie wurde erdrosselt. Als Hauptverdächtiger wird ihr Ex-Freund Adnan Syed gehandelt. Er wird verhaftet und zu einer lebenslänglichen Haftstrafe verurteilt. Das Kuriose an diesem Fall: Er wird mit nur einem Zeugen verhandelt. Entsprechend bleiben viele Fragen offen.

Die Journalistin Sarah Koenig ging dem Fall nach, sichtete Tausende Dokumente, beantragte Zugang zu den Verhörprotokollen und traf Bekannte der Ermordeten und des vermeintlichen Mörders. Entstanden ist eine packende Ermittlungsgeschichte, dicht und beklemmend. 2014 gewann "Serial" als erster Podcast den Peabody Award für seine packende Story.

Song Exploder

Mehr Taktgefühl als dieser US-Podcast hat wohl kein anderes Musikformat. Für Oberflächlichkeit und langweilige Fragen ist hier kein Platz, denn es geht äußerst akribisch ins Detail. In jeder Folge ist ein Künstler oder eine Band zu Gast. Zusammen mit Moderator Hrishikesh Hirway wird ein Song regelrecht atomisiert: Die Geschichte hinter dem Stück, die Idee für das Gitarrenriff, manchmal werden selbst die Schlagzeugbeats auseinandergenommen.

Was spröde klingt, ist tatsächlich eine Reise ins Innenleben der Künstler und ihrer Genres. Die Gästeliste von "Song Exploder" kann sich sehen lassen: Neben altgedienten Popstars wie U2 oder Björk waren in den bislang knapp 70 Folgen meist frische Acts wie Courtney Barnett oder Open Mike Eagle zu Gast.

Wissen Renaissance der Luftschiffe - Die Rückkehr der fliegenden Riesen
22.04.2016
Wissen Fahrer unter Beobachtung - Das Auto wird zum Menschenversteher
15.04.2016
Wissen Videospiele simulieren Alltag - Heute bin ich Busfahrer
08.04.2016