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Wissen „Mama, ich bin lesbisch“: Wie es sich anfühlt, wenn das Kind sich outet
Nachrichten Wissen „Mama, ich bin lesbisch“: Wie es sich anfühlt, wenn das Kind sich outet
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07:02 11.10.2019
Nur Freunde – oder ist da mehr? Wenn das eigene Kind sich als lesbisch oder schwul outet, brauchen viele Eltern eine Weile, um die Nachricht zu verdauen. Quelle: Pixabay (Symbolbild)

Manche Eltern werden unerwartet mit der Homosexualität ihres eigenen Kindes konfrontiert, andere hatten schon länger „so eine Ahnung“. Davon hängt meist ab, ob die Nachricht als Schock oder vielmehr als Erleichterung empfunden wird. Gedanken wie „Wie wird die Nachricht im Kreise der Familie aufgenommen?“ und „Wird mein Kind jetzt ausgegrenzt?“ beschäftigen einen. Elisabet ist Mutter einer mittlerweile 19-jährigen Tochter und erzählt, wie sie das Outing ihres Kindes wahrgenommen hat.

Elisabet, Ihre Tochter hat sich im Alter von zwölf als lesbisch geoutet. Können Sie uns von dem Tag berichten?

Wir waren im Auto, und Charlotte wollte nonstop ein Lied von Rio Reiser hören. Im Text hieß es: „Was wir hier machen, ist verboten.“ Immer und immer wieder spielte sie dieses Lied. Irgendwann fragte ich: „Willst du mir irgendwas mit diesem Lied sagen?“ Da antwortete sie: „Du weißt doch, was los ist.“ Ich sagte: „Ja, du willst mir sagen, dass du dich in Mädchen verliebst.“ Sie nickte – endlich war es raus.

Das hört sich so an, als hätten Sie eine Vorahnung gehabt.

Dass meine Tochter lesbisch ist, habe ich schon seit ihrer frühen Kindheit geahnt. Meine Schwester ist lesbisch und meine Tochter ist ihr in vielem sehr ähnlich. Beispielsweise war meine Tochter nie sanft, nie ein Mädchen-Mädchen. Sie hat immer nur mit Jungs gespielt und war mit dem Fußball unterwegs. Als ich sie einmal fragte, ob wir nicht mal eine Freundin einladen wollen, sagte sie: „Mit denen kann man nicht spielen, die wollen nicht über Zäune klettern, das sind Springseilzicken.“ Meine Tochter bewegte sich zudem so gar nicht mädchenhaft. Sie polterte die Treppen hoch und runter, schubste Schubladen mit der Hüfte zu. Das mag jetzt seltsam banal klingen, aber ich erkannte viel von meiner Schwester in ihren Bewegungen und in ihrem Umgang mit Dingen.

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Warum haben Sie Charlotte nicht direkt auf Ihre Vermutung angesprochen?

Meine Tochter zog sich mehr und mehr zurück. Ich stellte mir vor, wie schlimm ihre inneren Kämpfe sein müssen, und wollte ihr Last abnehmen. Deshalb habe ich mich zuerst an das Mädchenhaus Hannover gewandt, dort werden Mädchen unterstützt, die sich in Mädchen verlieben. Sie haben mir geraten, zu warten, bis meine Tochter sich von selbst öffnet. Denn zuerst muss das innere Outing, also das vor sich selbst, stattfinden, bevor das äußere Outing passieren kann. Diese Haltung war sehr schwer für mich, weil ich nicht wollte, dass mein Kind leidet. Meine Schwester hat sich erst sehr spät geoutet, war zuvor sogar mit einem Mann verheiratet. Ihr Weg war steinig, das wollte ich Charlotte ersparen. Ich wollte nicht, dass sie vielleicht aus einer Not heraus etwas mit Jungs anfängt, dass sie Ablehnung und Ausgrenzung erfährt. Trotzdem habe ich auf den Rat der Fachleute gehört und darauf vertraut, dass Charlotte dann kommt, wenn sie dazu bereit ist. Etwa drei Monate später war es dann so weit.

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Waren Sie dann noch geschockt, als die Gewissheit da war?

Nein, ich war nur erleichtert. Monatelang hatten wir kaum miteinander gesprochen, mit dem Outing platzte der Knoten und wir konnten über alles reden. Durch meine Schwester habe ich das ja alles schon einmal erlebt. Daher hatte auch meine Seite der Familie keinerlei Probleme mit dem Outing. Heute ist meine Schwester eine große Stütze und ein Vorbild für Charlotte. Die beiden haben viel Kontakt und tauschen sich aus. Die Familie von Charlottes Vater, von dem ich schon lange getrennt bin, hatte schon Probleme mit dem Outing. Ihr Vater hat enttäuschende Sachen zu ihr gesagt und hat lange gebraucht, sich an die neue Situation zu gewöhnen.

Und was hat Ihr Bekanntenkreis gesagt?

Ach, da waren schon einige „Nicht traurig sein, das verwächst sich sicher noch“ und „Oh, jetzt kriegst du keine Enkelkinder“ dabei.

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Wie waren die Reaktionen in der Schule?

Charlotte war sehr mutig und ist mit ihrer damaligen Freundin sogar händchenhaltend auf den Schulhof gegangen. Auf Anfeindungen reagierte sie sehr schlagfertig – zu Hause weinte sie allerdings oft , weil sie wusste, dass andere Menschen sie diskriminierten.

Haben Sie sich externe Hilfe gesucht?

Charlotte ist oft in das Mädchenhaus gegangen. Mir war einfach wichtig, dass sie außer mir noch Leute hat, die sie tragen und unterstützen. Dass sie andere Mädchen in ihrer Situation kennenlernt. Ich bin zum Bundesverband der Eltern, Freunde und Angehörigen von Homosexuellen gegangen, weil ich einfach wissen wollte, wie andere Eltern mit dem Outing ihrer Kinder umgehen. Mittlerweile engagiere ich mich dort ehrenamtlich und berate andere Eltern.

Wie erleben Sie andere Eltern, deren Kinder sich outen?

Zunächst mal haben es schwule Jungs schwerer als lesbische Mädchen. Schwul zusein finden viele eklig, weil sie nur an Analsex denken. Lesbischen Sex verbinden viele mit mehr Zärtlichkeit und er scheint daher leichter akzeptiert zu werden. Generell kann man sagen, dass Mütter die Homosexualität ihrer Kinder besser annehmen können als Väter. Besonders Väter von schwulen Jungs tun sich schwer. Sie möchten, dass ihr Sohn männlich ist. Und schwul zu sein wird immer noch als unmännlich gesehen.

Haben Sie denn die Freundinnen von Charlotte kennengelernt?

Ja, natürlich. Ich habe auch Kontakt zu deren Eltern aufgenommen, wir haben dann auch oft alle gemeinsam etwas unternommen. Charlottes Freundinnen durften auch bei uns übernachten. Ich habe mich immer gefreut, wenn Charlotte glücklich verliebt war.

Was wünschen Sie Ihrer Tochter?

Sie sehnt sich nach einer stabilen Beziehung, möchte heiraten und Kinder bekommen. Ich engagiere mich dafür, dass sie keine Heirat zweiter Klasse bekommt. Wenn sie Kinder haben möchte, finde ich das toll. Kinder brauchen Liebe und eine starke Bezugsperson. Ob das nun eine alleinerziehende Mutter ist, zwei Väter, eine Patchworkfamilie oder zwei Mütter – ist doch egal! Ich wünsche mir für Charlotte, dass sie ihren Weg geht und glücklich wird. Ich finde es bewundernswert, wie selbstbewusst sie ist. Es ist ihr egal, was andere denken. Sie möchte nicht irgendwelchen Normen entsprechen. Es gibt wenige bekannte Vorbilder, an denen sie sich orientieren kann. Sie muss sich ihren Weg erkämpfen.

Was wünschen Sie sich für die Gesellschaft?

Dass Menschen nicht danach beurteilt werden, wie sie aussehen, wen sie lieben, ob sie im Beruf erfolgreich sind. Ich wünsche mir, dass Homosexualität irgendwann ganz normal wird. Ich glaube, dass wir alle von Vielfalt profitieren können. Ich wünsche mir von ganzem Herzen viel mehr Toleranz.

Von Katharina Nachtsheim/RND

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