Menü
Kieler Nachrichten | Ihre Zeitung aus Kiel
Anmelden
Wissen Das ist Zukunftsmusik
Nachrichten Wissen Das ist Zukunftsmusik
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
22:00 21.08.2015
Von Sonja Fröhlich
Die Aktion macht die Musik: Bisher gibt es die Nagual Sounds nur auf ausgesuchten Veranstaltungen und im Museum. Ab Herbst kann dann jeder ausprobieren, wie der Körper und seine Bewegungen klingen. Quelle: privat
Anzeige

Die Aufpasser im Berliner Game Science Center haben sich schon an den Anblick gewöhnt: Vor dem Exponat "Nagual Dance" bleiben Museumsbesucher nicht einfach stehen. Sie bewegen sich. Sie tanzen. Die einen probieren es mit elegischem Armrühren, andere treten steif auf der Stelle. Mutige hopsen wild in alle Richtungen. Jede ihrer Bewegungen erzeugt Töne. Und je mehr sie sich bewegen, desto kraftvoller ertönt die elektronische Musik aus den Lautsprechern.

Die Musik passt sich ihren Bewegungen an. Stehen sie dann wieder ruhig, ersterben die Töne. Aber sie haben soeben ein Lied komponiert. Wobei Genre und Stil – es existiert ein Angebot von Humtata bis Hip-Hop mit Fokus auf Elektro – als grober Rahmen aus Menüs und Untermenüs auszuwählen sind.

Anzeige

Musik durch Bewegung

Das mehrfach ausgezeichnete Start-up-Unternehmen Nagual Sounds aus Brandenburg hat eine Software entwickelt, mit der man durch eigene Bewegungen Musik erzeugen kann. Hüpfen, die Hand kreisen lassen oder mit den Beinen schlenkern – alles verändert den Klang. Also nicht Tanzen nach Musik, sondern: Musik nach Tanzbewegungen.

Die Softwareschöpfer, ein Team aus sechs Männern zwischen 23 und 39 Jahren, sprechen von einer Revolution des Musikmarktes: "Vertrieb und Produktion von Musik sind durch den digitalen Wandel schon einfach und erschwinglich geworden. Nun demokratisieren wir auch die Königsklasse – das Komponieren“, sagt Marketingchef Matthias Strobel.

Rein in den Massenmarkt

Die Gründer haben anfangs viel Überzeugungsarbeit geleistet. Die Geschäftsidee mochte da noch so spannend sein. Doch Musik, die sich Bewegungen anpasst und dann auch noch harmonisch klingt? Einige Zweifler können sich das noch nicht so richtig vorstellen. Daher auch der Name des Unternehmens: Nagual ist ein alter mexikanischer Begriff und steht für alles, was mit den Sinnen nicht sofort und eindeutig zu erfassen ist.

Anfang nächsten Jahres geht die Software raus aus dem Museum, rein in den Massenmarkt. Ab Januar 2016 soll es das Produkt für 39 Euro als kommerzielles Tanzspiel für PC und X-Box von Microsoft geben – nötig ist dafür allerdings auch die 3-D-Kinect-Kamera von Microsoft, die viele Nutzer bisher nicht so recht einzusetzen wussten.

Ohne schiefe Töne

Wer sich dieses Zubehör nicht kaufen will, kann sich ab November eine abgespeckte Software als App fürs Smartphone herunterladen. Jeder, versichert Strobel, könne damit seine eigene Musik erschaffen, ohne musikalische Vorkenntnisse haben zu müssen.

So simpel: Arme hoch – Töne hoch, Arme runter – Töne tiefer. Schiefe Töne gibt es nicht, dafür sorgt die Software. Das Tempo der Bewegung steuert die Lebhaftigkeit der Melodien und der rhythmischen Begleitung. Und aus dem Takt geraten kann niemand, auch da passt der Computer auf. Um harmonische Sounds zu kreieren, müsse man kein Bewegungskünstler sein, sagt Strobel. "Wir haben bei unseren Produktionen bewusst auf Disharmonien verzichtet."

Spaß zu zweit

Das Prinzip des Tanzspiels basiert auf der Motion-Tracking-Technologie: Die Kamera misst mehrere Punkte am Körper, etwa Arme, Beine, Schultern, Kopf, und die Software belegt die Punkte mit unterschiedlichen Sounds oder Instrumenten. Durch die Bewegungen werden Melodien und Rhythmen erzeugt.

Besonders viel Spaß soll der Tanz zu zweit bringen, wenn ein Spieler den Rhythmus vorgibt und der andere die Melodien tanzt. Auch Luftgitarrenwettbewerbe könnten so endlich hörbar werden. Und wie sieht das aus? Von höchst alberner Wohnzimmerzappelei bis zur Bühnenperformance mit Wow!-Faktor ist alles drin.

Einen Schritt weiter

Nagual Dance ist nicht der erste Vorstoß in die Richtung. Das amerikanische Studio Harmonix hatte im vergangenen Jahr im Auftrag von Disney mit "Fantasia Music Evolved" ein Spiel entwickelt, bei dem bekannte Musikstücke mit Gesten manipuliert werden können. Doch nachdem unter anderem versprochen worden war, die Spieler könnten Melodien mit ihren Händen in die Luft zeichnen, fanden viele Kritiker die Umsetzung eher stumpf.

Mit der App "Scape" des britischen Produzenten und Musikers Brian Eno können Laien immerhin per Drag and Drop eigene Musik aus vorgefertigten Sounds komponieren. Nagual Dance geht aber einen Schritt weiter, indem es die Bewegungen in Echtzeit in individuelle Musik umwandelt.

Im Schlaflabor entstanden

Zwei Jahre lang haben der klassische Komponist Mark Moebius und Artur Reimer, Produzent von elektronischer Musik, die Algorithmen für die interaktive Musiksoftware produziert. Die Prototypen von Nagual Dance waren bereits bei Firmenevents, bei öffentlichen Auftritten mit professionellen Tänzern und bei der Arbeit mit behinderten Kindern im Einsatz.

Laut Strobel soll es nicht beim Spiel bleiben. Nagual Sounds will die Software für den Fitnessbereich und medizinische Zwecke weiterentwickeln. Dort entspringt auch die Idee: Komponist Mark Moebius hatte sie, als er einen Freund im Schlaflabor besuchte und er die Graphen der Hirnströme der schlafenden Probanden auf den Bildschirmen betrachtete. Wie wohl die Träume dieser Menschen klingen würden, wenn die Daten in Musik übersetzt würden? Daran arbeiten die Entwickler weiter. Aber das ist noch Zukunftsmusik.

Daniel Behrendt 20.08.2015
Spiele für PC und Konsolen - Mal raus aus der Realität
11.08.2015
Bildbearbeitung per App - Die Sehnsucht nach dem Retro-Look
11.08.2015