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18:19 20.08.2015
Von Daniel Behrendt
Quelle: Fotolia
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Heute weckt das Haus seinen Besitzer besonders behutsam. Bewegungssensoren in seinem Kopfkissen haben festgestellt, dass er unruhig geschlafen hat. Also fahren die Jalousien ein wenig langsamer hoch als üblich. Den täglichen Latte macchiato bereitet der Kaffeevollautomat dank integrierter Spracherkennung auf Zuruf zu.

Kurz darauf das erste Ärgernis des Tages: Nach wenigen Bissen Rührei und Speck vibriert die Frühstücksgabel energisch. Die Ermahnung "Erst Sport treiben!" blinkt auf einem winzigen Display im Griff auf. Das clevere Gadget muss es wissen. Es registriert den allerkleinsten Happen und gleicht seine Daten permanent mit dem Fitnessarmband und der Körperanalysewaage des Hausherrn ab.

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Ungefähr so könnte man sich die morgendliche Routine im Haus der Zukunft vorstellen. Einem perfekt an die Gewohnheiten und Bedürfnisse seiner Bewohner angepassten Heim, in dem jedes noch so unscheinbare Stück Elektronik Teil eines ebenso eng geknüpften wie ausgeklügelten Haustechniknetzwerkes ist.

Den Deutschen, deren Automationsinteresse sich Umfragen zufolge schon in der Programmierung und der Fernsteuerung von Licht und Heizung erschöpft, mögen derartige Wohnvisionen unendlich fern erscheinen. Ein Blick nach Japan, wo internetfähige Gadgets und vielseitige Hausroboter inzwischen in nahezu alle Lebensbereiche vorgedrungen sind, zeigt indes, wie rasant die Entwicklung fortschreitet.

Nicht nur, dass die Zahl der miteinander vernetzten Geräte nach Prognosen des IT-Forschungsunternehmens Gartner innerhalb der kommenden fünf Jahre von heute vier Milliarden auf voraussichtlich 25 Milliarden steigen wird. Maschinen gewinnen zudem rasant an künstlicher Intelligenz, die sie immer geschmeidiger mit dem Menschen interagieren lassen.

Auf den dafür besonders relevanten Gebieten der Sprach- und Bildanalyse haben sich die Erkennungsraten in den vergangenen Jahren vervielfacht. Inzwischen können synthetische neuronale Netze, also "Maschinengehirne", nicht nur recht gut sehen und hören, sie können Sinnesdaten zudem auch immer zutreffender interpretieren und mit wachsender Lebensnähe auf ihr Gegenüber reagieren.

Die Entwicklung der ersten empathiefähigen Frühstücksgabel, die ihrem Besitzer drastische Diätmaßnahmen einfühlsam erläutert, scheint also absehbar. Fragt sich, ob man das anbrechende Zeitalter hyperintelligenter Häuser nun freudig begrüßen oder ihm doch eher mit Skepsis begegnen sollte. Letzteres, meint der Architekt und Sozialwissenschaftler Joachim Brech: "Wir machen uns kaum klar, dass der trügerische Komfort der Automation einen immens hohen Preis hat: totale Transparenz."

Smarte Technik sammelt Informationen über ihre Nutzer, erst das lässt sie verständig wirken. Gleichen Geräte aus verschiedenen Lebensbereichen ihre Daten untereinander ab, fügen sich scheinbar unzusammenhängende Informationen, einem Puzzle ähnlich, nach und nach zu einem verräterischen Gesamtbild: dem virtuellen Double einer Person mit Vorlieben, Abneigungen, Gewohnheiten und Geheimnissen.

"Stellen Sie sich vor, dass sämtliche Geräte in Ihrem Haus alle Daten miteinander austauschen und nach draußen senden: Ihr Alltag ließe sich bis in die intimsten Details nachvollziehen", befürchtet Wohnforscher Brech.
Wie verwundbar vernetzte Häuser sind, zeigen Meldungen über Millionen gekaperter Internetrouter oder sprachgesteuerter Fernseher, die sich als Abhörvorrichtungen missbrauchen lassen.

Noch unheimlicher ist der Bericht einer "Forbes"-Redakteurin, die über eine Google-Suchanfrage auf die Homepage eines Haustechnikanbieters gelangte und von dort aus Zugriff auf die oftmals nicht einmal passwortgeschützten Accounts etlicher Kunden erhielt – und damit die Kontrolle über Licht, Heizung und sogar das Sicherheitssystem der Häuser.

Zu befürchten ist, dass sich derartige Berichte mehren, je weiter das Internet der Dinge in Privathaushalte vordringt. Denn jedes smarte Gadget im Heimnetzwerk ist ein potenzielles Einfallstor für Hackerattacken. Eine Überprüfung der meistverbreiteten Smart-Home-Systeme durch die Sicherheitsfirma AV-Test offenbarte, dass mehr als die Hälfte der Geräte unverschlüsselt kommunizieren und entsprechend leicht zu knacken sind.

Apple will derartige Risiken durch seine im vergangenen Jahr vorgestellte Haustechnikschnittstelle HomeKit mit einer nahezu unüberwindlichen 3072-Bit-Verschlüsselung ausschalten. Die Tatsache, dass es erst eine Handvoll Geräte gibt, die Apples Anforderungen genügen, verrät indes, wie sehr die Hersteller intelligenter Haustechnik Sicherheitsfragen bislang außer Acht gelassen haben. "Im Grunde macht Vernetzung unser Heim löchrig wie einen Schweizer Käse", sagt Joachim Brech, "was die elementare Funktion des Zuhauses als Ort der Geborgenheit und Grenze zur Außenwelt ad absurdum führt."

Nicht, dass Brech intelligente Haustechnik grundsätzlich ablehnen würde, doch ihr Nutzen sollte klar auf der Hand liegen. So könnten smarte Steuerungen für Heizung und Lüftung beim Energiesparen helfen und Überwachungs- und Notrufsysteme vielen Kranken und Gebrechlichen einen verfrühten Umzug ins Pflegeheim ersparen.

Dennoch müsse man sich fragen, warum immer mehr einstmals gemeinschaftliche Aufgaben an die Technik delegiert würden. "Wenn Nachbarn nicht mehr aufeinander achten, müssen Überwachungssysteme Einbrecher auf Abstand halten und gewährleisten, dass niemand unbemerkt in seiner Wohnung umkommt. Die wachsende Technikhörigkeit ist also letztlich auch ein Ausweis sozialer Verarmung", glaubt Joachim Brech.

Nicht nur, dass die Bewohner eines allzu vernetzten Heims zu Eigenbrötlern mutieren könnten. Zudem lauert hinter dem allumfassenden Komfortversprechen des smarten Haushalts eine technische Komplexität, die Anwender schnell an ihre Grenzen führt. "Funktioniert etwas nicht wie vorgesehen, erleben wir eine Hilflosigkeit, die dadurch noch verstärkt wird, dass die Technik unabdingbarer Bestandteil unserer alltäglichen Handlungen geworden ist", sagt Martina Hessler, Professorin für Neuere Technikgeschichte an der Helmut-Schmidt-Universität Hamburg.

Und selbst wenn die Geräte einwandfrei arbeiteten, gehe die Vielzahl ihrer Funktionen dermaßen über das Notwendige hinaus, dass schon ihre Bedienung zur Denksportaufgabe werde. "Es mag Freaks geben, für die Technik gar nicht verspielt genug sein kann", meint Hessler. "Für die meisten Nutzer wäre weniger aber deutlich mehr."

Was in der Praxis bedeuten könnte: einfach mal den Saugroboter abschalten, die Analysewaage links liegen lassen und den Kaffee von Hand aufbrühen.

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