Menü
Kieler Nachrichten | Ihre Zeitung aus Kiel
Anmelden
Wissen Was soll der ganze Förderwahn? Piet (5) im Fortbildungsstreik
Nachrichten Wissen Was soll der ganze Förderwahn? Piet (5) im Fortbildungsstreik
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
20:55 03.10.2019
Wenn der Freizeitstress zu groß wird, verliert so manches Kind die Lust an Musikschule, Schwimmkurs, Fußball und Co. Quelle: nadezhda1906 - stock.adobe.com

Mein Sohn ist wahrscheinlich nicht hochbegabt. Er interessiert sich fast ausschließlich für Fußball. Ich könnte ihn natürlich im Verein anmelden und sein Talent checken lassen. Aber Piet will nicht in den Verein. Er sagt: „Ich will einfach spielen und nicht immer das machen, was ein Chef will!“ Oha, denke ich, vielleicht sollte er gerade deshalb passend zum nahenden Schulanfang schon mal Chefansagen lieben lernen, und klicke mich dann doch durch die Schwimmschulen im Internet.

Verzückt bleibe ich an einem vielsagenden Versprechen hängen: „Eltern schätzen an unserem Schwimmschulen-System vor allem die Zeitersparnis, die schnellen Lernerfolge und ihre glücklichen, motivierten Kinder.“ Glückliche und motivierte Kinder, das klingt toll. Ich entscheide mich für den einwöchigen Intensivkurs für rund 80 Euro, denn in der Kursbeschreibung heißt es, dass „durch den hohen Erinnerungsfaktor effizientes Lernen, eine rasche Angstbewältigung und schnelle Erfolgserlebnisse gewährleistet werden“.

Die Muttis gehen hinter eine Glaswand, ich nicht

Jetzt muss ich es nur noch Piet beibringen. Der ist nicht begeistert. „Du kannst nicht über meine Welt bestimmen“, ruft er. „Doch“, sage ich, „Mütter müssen von Zeit zu Zeit über die Welt ihrer Kinder bestimmen. Schwimmen ist gut für deine Grobmotorik.“ Zwei Monate später steht Piet in Badehose mit klappernden Zähnen zwischen sechs Mädchen in pinken Badeanzügen und einem heulenden Jungen am Beckenrand. „Nur, wenn du hierbleibst“, sagt er leise und schaut mich bittend an. Bevor ich nicken kann, zischt eine kleine Frau im strammen Sams-Ganzkörper-Schwimmanzug aus dem Becken. Sie baut sich vor uns Eltern auf und sagt in einem Ton, der keinen Widerspruch zulässt: „Die Muttis gehen jetzt hinter die Glaswand, trinken einen Latte macchiato und schauen ihren Kindern beim Schwimmen zu!“ Piet schüttelt den Kopf, und auch ich schüttle den Kopf. Die anderen Muttis verschwinden hinter der Glaswand.

Du kannst nicht über meine Welt bestimmen.

Piet (5) zu seiner Mama, die ihn unbedingt in einen Schwimmkurs schicken will.

Ich setze mich neben den Beckenrand auf eine Badeliege und ignoriere den bösen Blick der Chefin. Von hier aus kann ich prima beobachten, wie das strenge Sams acht Kindern einen Haufen Schilder erklärt, auf denen ihre Bein- und Armübungen aufgemalt sind. Schwimmkurs im Stil einer Powerpoint-Präsentation, soll man lachen oder weinen? Die Schilder kommen an den Beckenrand und die Kinder ins Wasser davor. Während jeweils ein Kind persönlich betreut wird, hängen die anderen ratlos vor den Schildern und zappeln mit den Beinen.

Lesen Sie auch: Gemeinsames Spielen – Wie viel Elternentertainment tut Kindern gut?

Jetzt muss Papa ran

Am nächsten Tag ist der heulende Junge nicht mehr dabei, und auch Piet sieht nicht glücklich motiviert aus. „Wir waren gestern schon im Schwimmkurs“, sagt er gequält, als ich ihn aus der Kita hole. Ich schiebe ihn in die Umkleidekabine und beobachte mitleidig, wie er frierend und mit glasigen Augen am Beckenrand steht. Am dritten Tag schicke ich meinen Mann mit zum Kurs. Zwei Stunden später sind die beiden zurück, und Piet ist abgemeldet. „Muffige Schwimmhexe mit Offizierston, bescheuertes Schildersystem“, sagt mein Mann. Fertig, aus.

Das ist was für Mädchen, langweilig, immer nur zuhören und das machen, was die Frau sagt.

Piets Fazit zur musikalischen Früherziehung, seine Mutter hingegen findet den Kurs wunderbar.

Für einige Wochen bestimme ich wieder allein über Piets Welt. Dann melde ich ihn zur musikalischen Früherziehung an. Im Stuhlkreis Tönen nachlauschen und pädagogisch wertvolle Einblicke in die Welt der Musik bekommen von einer Erzieherin mit Elfenstimme und Haarknoten. Wunderbar, finde ich. „Doof!“, sagt Piet. „Das ist was für Mädchen, langweilig, immer nur zuhören und das machen, was die Frau sagt.“

Auch interessant: Musizieren für Kinder – Mundharmonika und Xylofon bringen schnelle Erfolge

Oder doch lieber Fußball?

Zeit für ein unmoralisches Angebot: Wir tauschen die Musikstunde gegen die regelmäßige und konsequente Teilnahme im Fußballverein. Für einen echten Bayern-München-Fan, der jeden Verein samt Wappen kennt und täglich im Park mit Kumpels bolzt, eine zumutbare Pflichtveranstaltung, finde ich. Dann lernt Piet endlich Teamplay und macht sich mit fremden Situationen und Kindern vertraut.

Drei Monate später sitzen am Fußballplatz hinter der Bande reihenweise Mütter und Väter, tickern auf ihren iPhones rum, trinken Kaffee und winken dem Nachwuchs. Auf dem Fußballfeld springen zwölf fünfjährige HSV- und St.-Pauli-Fans, ein Bayern-München-Piet in leuchtend Rot und seine einsame Mutter über Reifen am Boden. Ich bin nicht gekommen, um mit meinem Sohn auf dem Schoß beim Training zuzuschauen.

Muss ich eigentlich noch zum Training, wenn ich ein alter Opa bin?

Piet nach seinem ersten Fußballtraining, das er an der Hand seiner Mama absolviert.

Weil sich Piet aber allein nicht aufs Feld traut, tue ich, was ich am meisten hasse: Ich mache mich vor versammelter Mannschaft zum Affen. Ich hopse mit Piet an der Hand über Hindernisse, dribble, jogge und rede mir ein, dass es mir total egal ist, was andere Mütter über mich denken.

Mehr zum Thema: Familienstress – Unser Kind kommt in die Schule (und wir gleich mit)

Durchhalten lohnt sich

Nach anderthalb Stunden bin ich genervt, und Piet fragt: „Muss ich eigentlich noch zum Training, wenn ich ein alter Opa bin?“ Eine Freundin rät mir, ihn wieder abzumelden. Eine andere schickt mir vor dem Training eine SMS: „Lisa, vergiss das Möhrchen nicht.“ Spielen die anderen Kinder nur mit, weil zu Hause die Belohnung wartet? Ich mache den Test und verspreche Piet nach einem Training ohne Genöle eine kleine Überraschung. Und plötzlich läuft es: Piet flitzt hinter den Bällen her und bekommt von mir ein Sams-Buch. Es ist unser Durchbruch.

Inzwischen können wir gar nicht pünktlich genug auf dem Fußballplatz erscheinen, und Piet fasst die komplexe Situation für den Papa noch mal zusammen: „Am Anfang habe ich mich nicht getraut, aber jetzt traue ich mich und finde das Training gut.“ Und ich finde meinen Sohn gut. Er kann noch nicht schwimmen und lauscht freiwillig keinen Tönen nach. Aber er hat durchgehalten. Und ich auch.

Von Lisa Asmussen/RND

Die Modemarke Chanel ist nicht nur für ihre Mode bekannt, sondern auch für die ausgefallenen Show-Kulissen. Von einem Supermarkt über Wasserfälle bis hin zu den Dächern von Paris: Wir zeigen Ihnen die fünf ausgefallensten Kulissen von Chanel.

02.10.2019

Ein Tsunami tötete vergangenen Dezember in Indonesien Hunderte Menschen, unter anderem weil Frühwarnsysteme nicht funktionierten. Nun rekonstruieren Forscher, wie es zur Katastrophe kam - und wie diese sich künftig besser vorhersagen lassen.

02.10.2019

Damit eine Frau sich fortpflanzen kann, muss sie - anders als der Mann - keinen Orgasmus haben. Da stellt sich die Frage, warum die Evolution den weiblichen Orgasmus überhaupt eingerichtet hat. Amerikanische Forscher glauben nun, es herausgefunden zu haben.

02.10.2019