175 Jahre Holzschuhmacherei Preetz: Wo drückt der Schuh, Lorenz Hamann?
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Plön Lorenz Hamann (80) ist Schleswig-Holsteins letzter Holzschuhmacher
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175 Jahre Holzschuhmacherei Preetz: Wo drückt der Schuh, Lorenz Hamann?

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11:53 11.10.2021
Von Silke Rönnau
Lorenz Hamann fertigt nur noch bis zum Jahresende selbst Schuhe.
Lorenz Hamann fertigt nur noch bis zum Jahresende selbst Schuhe. Quelle: Silke Rönnau
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Preetz

Links am Gebäude vorbei führt ein Weg zu Werkstatt und Museum der Holzschuhmacherei Hamann in Preetz. Seit 175 Jahren besteht der Familienbetrieb im Haus Wakendorfer Straße 17. Lorenz Hamann, der gerade erst seinen 80. Geburtstag feierte, kündigt an, dass er die Produktion zum Jahresende aufgeben möchte. Doch ein Nachfolger für den Traditionsbetrieb ist noch nicht in Sicht.

Herr Hamann, ein Sprichwort sagt: Der Schuster trägt die schlechtesten Schuhe. Gilt das auch für Sie?

Lorenz Hamann: Ich trage meistens die Schuhe, die ich selbst produziere – also Holzschuhe. Nur bei Festlichkeiten ziehe ich auch mal elegante Schuhe an. Das heißt aber nicht, dass Holzschuhe nicht auch elegant sein können. Es gibt heute Holzschuhe mit Hightech, die alleine laufen, da brauchst du nur noch zu bremsen (lacht). Das sind schöne Schuhe mit beweglicher Holzsohle, die du den ganzen Tag tragen kannst. Anders als zum Beispiel früher die Waschküchen-Pantoffeln. Für die Probsteier Hochzeitspantoffel kriege ich neuerdings wieder viele Anfragen.

Die Holzschuhe von Lorenz Hamann aus Preetz sind reine Naturprodukte

Wie konnte sich der Betrieb in den vergangenen Jahrzehnten gegen große Schuhproduzenten behaupten?

Qualität setzt sich immer durch. Du musst nicht immer der Billigste sein, aber du musst eine gute Qualität haben. Dann sagen die Leute: Da kann ich wieder hingehen. Wir mussten uns gerade nach dem Zweiten Weltkrieg gegen Massenproduktion durchsetzen. Es gibt auch viele, die unsere Schuhe aus Überzeugung tragen, denn es sind reine Naturprodukte aus Holz und Leder.

Wie lief der Betrieb nach dem Krieg wieder an?

Es gab nur wenig Leder, und es war sehr teuer. Als Lederersatz wurden alte Feuerwehrschläuche aufgeschnitten und über die Holzsohlen genagelt. Da die vom Löschfahrzeug 26 waren, von Feuerwehrschläuchen, die im Krieg beschädigt oder angesengt waren, hieß es im Volksmund: „Kiek mol an, du hest ja ook een Paar LF26 an.“

In den 70er Jahren gab es einen massiven Einbruch durch die Änderung der Arbeitssicherheitsgesetze. Holzschuhe waren plötzlich am Arbeitsplatz verboten. Wie haben Sie das aufgefangen?

Es war fürchterlich. Der Betrieb verschuldete sich. In Spitzenzeiten hatten wir damals 200 Schuhe pro Tag gefertigt. Wir machten morgens um halb acht den Laden auf und um neun war alles ausverkauft. Unser Hauptgeschäft waren die Arbeitsschuhe für die Werften HDW in Kiel, Blohm & Voss in Hamburg, Ahlmann in Rendsburg oder Flender in Lübeck. Und plötzlich lief das nicht mehr.

Neuer Beruf nach wirtschaftlichem Einbruch

In der Zeit haben Sie den Beruf gewechselt?

Mein erster Beruf war ja eigentlich Schaufensterdekorateur. Dann kam Papa und sagte, du bist der älteste Sohn, du musst Holzschuhmacher lernen. Als der Einbruch kam, hat mir das Arbeitsamt eine Umschulung zum Bürokaufmann angeboten. Nach zwei Jahren kam ich zur Sparkasse und habe dort noch den Bankkaufmann rangehängt. Da war ich schon über 35 Jahre alt. Ich habe mich später bis zum stellvertretenden Geschäftsstellendirektor hochgearbeitet.

Das ist die Holzschuhmacherei Hamann

Als der Pantoffelmacher Johann Lorenz Nothdurft am 1. Oktober 1846 seinen Betrieb in der Wakendorfer Straße 17 in Preetz eröffnete, herrschte noch der dänische König Christian VIII. Im Ort gab es 400 Häuser mit 150 selbstständigen Schustern, 350 Gesellen und 150 Lehrlingen. Nothdurfts Schwiegersohn Gabriel Hamann übernahm 1868 die Werkstatt, die nach seinem Tod 1917 an den Sohn Theodor Johann Gabriel Hamann überging. 16 Jahre später ertrank dieser beim Segeln auf dem Lanker See, dessen Sohn Theodor Johannes Asmus Hamann führte den Betrieb weiter. Als auch er 1984 starb, übernahm Lorenz Hamann die Holzschuhmacherei. Er blieb aber zunächst bei seinem Sparkassen-Beruf und kehrte erst vor 21 Jahren zu seinen Leisten in der historischen Werkstatt zurück. In diesem Jahr wurde Hamann für sein Engagement für die Stadt mit dem Ruta-Preis ausgezeichnet.

Warum sind Sie wieder zurück in die Holzschuhwerkstatt gewechselt?

Es fehlte in meinem Beruf die letzte Zufriedenheit. Ich bin hier im Haus geboren, getauft und konfirmiert, hier habe ich geheiratet. Irgendwann muss man mich hier raustragen. Vor 21 Jahren, mit 59 Jahren, bin ich in den Betrieb zurückgekommen.

Wir haben eine neue Produktion aufgebaut und uns dem Markt angepasst mit modernen Holzschuhen und fetzigen Lederfarben. Es ging gut aufwärts. Und wir haben das Internet für uns entdeckt. Unsere Schuhe trägt man in den USA, Alaska, Russland oder Australien. Aborigines haben uns ihre Zeichen geschickt, die wir auf die Schuhe punziert haben. Das Internet ist die Zukunft. Ich bin jeden Tag am Pakete packen.

Aborigines tragen Preetzer Holzschuhe

Aus welchem Leder werden die Schuhe gefertigt?

Wir verwenden fast ausschließlich Kuhhäute. Die allermeisten kommen aus Argentinien von den großen Rinderherden. Die Häute dieser Fleischrinder sind etwas fester und größer als die von den Milchkühen in Schleswig-Holstein. Eine Haut reicht für 40 bis 50 Paar Schuhe.

Sie gehören zu den Mitgründern des Preetzer Schusterfestes. Wie ist es dazu gekommen?

Da bin ich auch ganz stolz drauf. Auslöser war der Kieler Umschlag 1976. Wir Preetzer sollten eigentlich ein Zelt auf der Holstenbrücke bekommen, aber das ging dann an Laboe. Wir standen abseits auf dem Kehdenparkplatz. Da haben wir überlegt, dass wir so etwas auch in Preetz machen könnten. Ich habe den damaligen Stadtjugendpfleger Karl-Heinz Lesch gefragt, der schon die großen Flohmärkte erfolgreich organisiert hatte. Er meinte, wir versuchen das – und so haben wir 1977 das erste Schusterfest gefeiert.

2008 haben Sie das Holzschuhmuseum eröffnet. Wie ist die Resonanz heute?

Wir haben gedacht, wir haben so schöne alte Sachen, die müssen wir einfach zeigen. Wir hatten vor Corona rund 2000 Besucher jedes Jahr, darunter sehr viele Schulklassen. Die Kinder lernen das Handwerk kennen von der Ledergerbung bis zur Holzgewinnung und Verarbeitung. Jedes Kind bekommt ein kleines Geschenk mit. Und sie lernen, warum es in Preetz einst so viele Schuster und Holzschuhmacher gab. Was daran lag, dass es hier genug Material gab. Erlenholz wuchs an der Schwentine, Leder kam aus den Klosterdörfern, es gab viel Wasser zum Gerben. Das Holzschuhmuseum steht sogar in einem japanischen Reiseführer über die 13 interessantesten deutschen Handwerksberufe, die man erlebt haben muss. Unglaublich.

Sie haben gerade ihren 80. Geburtstag gefeiert. Wie lange machen Sie noch weiter?

Solange der liebe Gott das will. Das Holzschuhmuseum macht mir so viel Spaß.

Lorenz Hamann sucht einen Nachfolger

Und es drückt nirgends der Schuh?

Na ja, mit 80 Jahren hat man nicht mehr so den Drive. Die Produktion wird deshalb Ende des Jahres auslaufen. Wir versuchen, eine Lösung zu finden, dass es irgendwie mit einem Nachfolger weitergeht. Wir sind auch mit dem Heimatverein Preetz und dem Freilichtmuseum Molfsee in Kontakt.

Die Holzschuhmacherei Hamann in Preetz feiert ihr 175-jähriges Bestehen.

Das eingetragene Markenzeichen Ihres Betriebs, der Schusterjunge, ist mittlerweile zu einem Symbol für die Stadt geworden. Was bedeutet das für Sie?

Der Schusterjunge ist wirklich das Wahrzeichen der Stadt. Ich hoffe, dass er noch als Ampelzeichen kommt. Leider lehnt der Kreis das ab, obwohl es in anderen Städten ja schon spezielle Ampelfiguren gibt. Das hätte ich mir eigentlich zum Jubiläum gewünscht. Das wäre noch ein Knaller.

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