Corona im Kreis Plön: „Die Dunkelziffer dürfte deutlich höher sein“
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Plön „Die Dunkelziffer dürfte deutlich höher sein“
Region Plön „Die Dunkelziffer dürfte deutlich höher sein“
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20:29 19.04.2020
Von Silke Rönnau
Corona im Kreis Plön: „Die Dunkelziffer dürfte deutlich höher sein.“ Dr. Joachim Pohl, Vorsitzender der Kreisstelle Plön der Kassenärztlichen Vereinigung.
Corona im Kreis Plön: „Die Dunkelziffer dürfte deutlich höher sein.“ Dr. Joachim Pohl, Vorsitzender der Kreisstelle Plön der Kassenärztlichen Vereinigung. Quelle: Silke Rönnau
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Preetz

Das kündigt Dr. Joachim Pohl an, der sich seit 1985 als Allgemeinarzt in Ascheberg niedergelassen hat. Er ist seit 14 Jahren Vorsitzender der Kreisstelle Plön der Kassenärztlichen Vereinigung (KV) Schleswig-Holstein und seit 22 Jahren Vorsitzender des Praxisnetzes Kreis Plön.

Dr. Pohl, wie viele Patienten haben Sie selbst schon auf Corona getestet?

Knapp zehn, jedes Mal mit negativem Testergebnis. Man darf ja nicht vergessen, dass es nicht nur die Corona-Pandemie gibt, sondern auch die normalen Grippeinfektionen mit ähnlichen Symptomen. Corona ist jetzt on top dazugekommen. Ich versuche schon sehr lange als Arzt, alle Menschen ab 60 von der Sinnhaftigkeit einer Grippeimpfung zu überzeugen. Denn es gibt jedes Jahr 15000 bis 25000 Grippetote in Deutschland. Corona-Risikopatienten sind vor allem die Menschen, bei denen noch eine wesentliche Grunderkrankung hinzu kommt wie beispielsweise die Lungenkrankheit COPD oder eine schwere Herzinsuffizienz oder Patienten mit Chemotherapie. 30 bis 40 Prozent der Corona-Infizierten haben übrigens eine deutliche Geruchs- und/oder Geschmacksstörung. Die Viren können also auch das zentrale Nervensystem befallen.

Nach welchen Kriterien gehen die Hausärzte im Kreis Plön bei den Tests vor?

Die Infektion geht in der Regel einher mit deutlich erhöhter Temperatur, Reizhusten, Atemnot. Getestet wird nur der Patient mit dringendem Verdacht auf eine Corona-Infektion. Die zunehmenden Testungen bringen die Labore mittlerweile ans Limit. Die Dunkelziffer an Infektionen ist, wie auch eine Studie in Heinsberg gezeigt hat, deutlich höher. Denn Covid-19 verläuft in mehr als der Hälfte der Fälle symptomlos. Und wenn die Krankheit ausbricht, Sie also zum Beispiel heute Nachmittag anfangen zu husten, dann waren Sie schon die letzten 48 Stunden vorher ansteckend. Das ist das Hinterhältige dabei. Danach kann man etwa 14 Tage lang jemanden anstecken. Deshalb werden die Menschen ja richtigerweise für zwei Wochen unter Quarantäne gestellt.

Also kann man gar nicht genau sagen, wie viele Menschen erkrankt sind?

Man müsste eigentlich flächendeckend besonders Antikörpertests machen, aber die sind zurzeit gar nicht verfügbar. In Deutschland werden 350000 Coronatests pro Woche gemacht. Das hört sich viel an, ist aber so lächerlich wenig, das sind gerade einmal 1,5 Millionen im Monat und 18 Millionen im Jahr. Damit hätte man erst nach drei Jahren einen 60-prozentigen Durchseuchungsgrad Deutschlands nachgewiesen. Im Kreis Plön haben wir im Moment gut 100 nachgewiesene Covid-19-Patienten. Da sind wir bei 120000 Einwohnern gerade mal im Promillebereich. Das heißt: Bei 99,9 Prozent der Menschen im Kreis Plön ist nach heutigem Kenntnisstand eine Corona-Infektion bisher nicht nachgewiesen. Doch die Dunkelziffer dürfte deutlich höher sein.

Wie geht es weiter, wenn jemand positiv getestet wurde?

Wenn jetzt ein Patient mit einer Covid-19-Infektion positiv getestet wurde, wird er zu Hause unter Quarantäne gestellt. Die KV führt ein Register der Covid-19-Erkrankten, die nur Ärzten zugänglich ist, und empfiehlt uns dringend ein sogenanntes Monitoring – also eine Überwachung der Patienten – zweimal täglich für 14 Tage.

Wie läuft das ab?

Also, wenn Sie jetzt krank zu Hause im Bett liegen, dann bin ich dazu angehalten, morgens und abends bei Ihnen anzurufen. Dabei stelle ich standardisierte Fragen: Wie fühlen Sie sich, wie hoch ist Ihre Temperatur, was macht der Husten, geht es Ihnen schlechter?

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Auch die Psyche kann beeinträchtigt sein. Wenn Sie jetzt sagen, mir geht es schlechter, ich fühle mich immer elender, mir wird die Luft immer knapper, das Fieber steigt – dann würde ich sagen, liebe Frau Rönnau, wir müssen Sie jetzt zur Ihrer Sicherheit stationär ins Krankenhaus einweisen.

Wer nimmt bei Verdachtsfällen den Abstrich?

Wir hatten die bisherige Anlaufpraxis für Menschen, die außerhalb der Praxis-Sprechzeiten erkranken, in der Klinik Preetz untergebracht. Diese haben wir jetzt aus der Klinik heraus um 50 Meter hinüber in die alte Rettungswache verlegt. Die Rettungswache haben wir in zwei Sektionen aufgeteilt: eine für möglicherweise infektiöse und eine für nichtinfektiöse Fälle, also für diejenigen Patienten mit Rückenschmerzen, Mandelentzündung oder Ähnlichem. Die Patienten werden untersucht, bei dringendem Verdacht auf Corona wird ein Abstrich durchgeführt. Die Anlaufpraxis gilt jetzt als Infektzentrum. Sie hat täglich von Montag bis Sonntag von 16 bis 20 Uhr und am Wochenende zusätzlich von 10 bis 13 Uhr geöffnet.

Haben Sie nicht die Befürchtung, damit einen Ansturm auf die Anlaufpraxis auszulösen?

Nein, es wird auch da nur derjenige getestet, der eine verdächtige Symptomatik hat. Es reicht ja nicht, wenn jemand leicht hustet. Es kam auch der Vorschlag, dort eine Art Drive-in einzuführen. Bei rund zwei Minuten pro Abstrich würde man aber gerade 1000 pro Woche durchführen können. Man bräuchte also 30 Monate allein für die Einwohner des Kreises Plön. Vieles scheitert halt an der großen Zahl und begrenzten Ressourcen. Die Kassenärztliche Vereinigung hat jetzt eine Umfrage unter den Praxen veranlasst, welche Praxis selbst Abstriche durchführt, um für die Patienten weitere Testorte aufzuzeigen. Wer als Arzt selbst Testungen anbietet, muss das in irgendeiner Art kanalisieren, um sich und andere vor Infektionen zu schützen und die Regelversorgung aufrechtzuerhalten. Manche Praxen richten hierzu Extra-Sprechstunden ein, auch ein separater Eingang wäre erleichternd.

Hat sich schon ein Arzt im Kreis infiziert?

Nach meinem Wissen nicht, aber bisher mussten schon zwei Praxen für zwei Wochen geschlossen werden, weil dort ein Corona-Patient vorstellig war. Deshalb habe ich auch ein Schild am Praxiseingang angebracht, dass niemand mit Atemwegserkrankungen ohne vorherige Anmeldung die Praxis betreten darf. Das dient nicht nur dem Selbstschutz, sondern auch dem Schutz der Patienten im Wartezimmer, um keine Infektionskette aufzubauen.

Was ist mit denen, die nicht in die Anlaufpraxis oder zum Hausarzt kommen können?

Dafür stellen wir jetzt ganz neu einen Infekt-Fahrdienst neben dem normalen Bereitschaftsdienst auf, der die Menschen zu Hause aufsucht. Der Fahrdienst ist sieben mal 24 Stunden pro Woche im Einsatz. Er soll kurzfristig starten. Dafür wird man in Schleswig-Holstein jeweils mehrere Kreise zusammenlegen müssen. Wir hatten schon vorher einen Corona-Fahrdienst organisiert – dreimal die Woche von der Kieler Stadtgrenze bis nach Fehmarn. Der wird nun von dem neuen Projekt abgelöst.

Wer leistet das?

Das ist das nächste Problem: Wo bekommen wir die Ärzte her? Auch in der Anlaufpraxis haben wir jetzt immer zwei Ärzte und zwei Medizinische Fachangestellte, also doppelt so viel Personal wie vorher und das mit längeren Dienstzeiten. Allerdings haben manche Fachgruppen zurzeit weniger Patienten und bieten sich für den Notdienst an, andere melden sich aus dem Ruhestand. Insgesamt hat ja die Ärzteschaft im Moment in den Praxen weniger Patienten als vorher. Vieles wird per Telefon oder von immer mehr Ärzten per Videosprechstunde erledigt, Rezepte per Post gesendet. Jetzt in der Corona-Pandemie gilt ausnahmsweise: Nur für ein Wiederholungsrezept eines chronisch Kranken müssen die Patienten nicht unbedingt mit der Versichertenkarte in die Praxis kommen, es gibt ein spezielles Ersatzverfahren. Die Ärzte können selbst Abrechnungsscheine als Ersatzbeleg für die fehlende Versichertenkarte der Krankenkasse ausfüllen.

Machen Sie selbst noch Hausbesuche?

Ja natürlich, klar.

Wie schützen Sie sich dabei? Tragen Sie einen Schutzanzug?

Nein, ich habe gar keinen Schutzanzug, aber ich setze eine Maske auf. Die Ärzte im Kreis Plön haben jetzt zwei Sendungen mit Schutzmaterial bekommen, das waren chirurgische Masken, FFP-3-Masken, Handschuhe und Desinfektionsmittel. Die Anlaufpraxis ist natürlich komplett ausgerüstet. Wichtig ist vor allem, sich an folgende Grundregeln zu halten: Sicherheitsabstand halten, Masken tragen und Hände waschen und desinfizieren! Das ist die Grundlage überhaupt, um eine Covid-19-Ausbreitung zu verlangsamen. Beim Einkaufen trage ich selbst keine Maske oder Handschuhe, habe aber immer Desinfektionsmittel dabei.

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